
freischwimmer: Frau Pötsch, man hört es an Ihrem Zungenschlag: Sie sind nicht in der niedersächsischen Tiefebene aufgewachsen, richtig?
Elisabeth Pötsch: Ja, das ist mein unüberhörbarer Akzent. Ich komme aus einer kleinen Stadt in der Steiermark und bin ein sehr heimatverbundener Mensch, deshalb hört man mir das vermutlich auch immer noch ein wenig an.
Wie hat es Sie von Österreich aus nach Wolfsburg verschlagen?
Ich habe meinen Mann während meines Studiums kennengelernt und bin dann mit ihm nach München gegangen. Schritt für Schritt sind wir in unserem Leben immer weiter in den Norden gezogen, bis wir schließlich in Wolfsburg landeten.
Wie kam dann Ihr Engagement für den Internationalen Freundeskreis zustande?
Herr Oberbürgermeister Rolf Schnellecke hatte mich damals gefragt. Die Idee für den Internationalen Freundeskreis trug er wohl schon eine Weile in sich. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass die Neuankömmlinge einer stärkeren individuellen Betreuung bedürfen. Nachdem er mitbekommen hatte, dass ich in Stuttgart im Vorstand des Deutsch-Amerikanischen Frauenclubs tätig war und hier für die Antonius-Holling- Stiftung, fragte er mich, ob ich mich für eine solche Betreuung engagieren wolle. Und natürlich hat mich das Thema interessiert und etwa ein Jahr später wurde der IFK gegründet.
Kann man sagen, dass Sie sich mit dem Engagement für den IFK selbst integriert haben?
Ja, sicherlich. Die Kontakte über den IFK waren hilfreich.
Macht Wolfsburg die Integration leicht?
Ich kann in diesem Fall nur für mich sprechen, aber meiner Erfahrung nach sind die Menschen hier außergewöhnlich offen. Das macht die Stadt spannend und interessant.
Sie erwähnen die Offenheit der Menschen hier. Wir haben in Wolfsburg sehr unterschiedliche Gruppen von Zugereisten, Pendlern und Menschen mit einem zweiten Wohnsitz: entweder in einer anderen deutschen Stadt oder im Ausland. Ist ein prägendes Bild von Wolfsburg die Mobilität seiner Einwohner?
Auf jeden Fall. Sie sehen es ja besonders bei Volkswagen. Hier wird eine zeitliche und örtliche Flexibilität von den Mitarbeitern verlangt und – das ist wichtig – auch von deren Familien. Es gibt in Wolfsburg zahlreiche Menschen, die für lange Zeit kommen, aber wissen, dass sie auch wieder gehen, und natürlich Familien, die hierbleiben wollen. Genau da setzt der IFK an, denn diese Menschen brauchen Anschluss, man kann auch Integration dazu sagen.
Wenn auch familiäre oder freundschaftliche Verbindungen über weite Distanzen gepflegt werden müssen oder an dieser Distanz sogar zerbrechen können ... Ist es dann eher schwierig oder einfach, neue Beziehungen respektive Freundschaften aufzubauen in einer neuen Stadt?
Man lässt, wenn man geht, sehr viel zurück und lernt dadurch auch loszulassen. Dies war für mich das Schwierigste bei meinen ersten Umzügen. Es war, positiv formuliert, ein Lernprozess. Man lernt, sich auf das Umfeld einzustellen, und wird aufgeschlossener für menschliche Beziehungen.
Warum ist Ihnen Ihre Heimat so wichtig?
Meine Heimat vermittelt mir Halt und allein mit diesem Wissen kann ich mich sehr leicht gegenüber Neuem öffnen. Für mich gehört zur Integration, dass jeder so bleiben kann, wie er ist, und sich trotzdem in Wolfsburg heimisch fühlt.
Welche Bedeutung hat die Kultivierung der Internationalität der Stadt Wolfsburg? Anders ausgedrückt: Sind die kulturellen, regionalen und sozialen Einflüsse für einen Industriestandort wie Wolfsburg besonders elementar?
Für Wolfsburg ist das natürlich extrem bedeutungsvoll. Die Stadt kann ihre Besonderheiten nur leben, wenn sie auch wirklich international auftritt. Wenn die Menschen, die hierherkommen, sich wohlfühlen, wenn sie auch gerne wiederkommen und dieses Gefühl nach außen weitertragen, dann gewinnen alle in diesem Prozess.
Sprechen wir über die Zukunft des IFK: Welche Themen beschäftigen Sie persönlich besonders und warum?
Derzeit zählen wir 14 Nationalitäten in unserem Verein. Hier haben wir noch große Möglichkeiten, uns und unser kulturelles Spektrum zu erweitern. Doch ein behutsames Wachstum, bei dem sich unsere Mitglieder wohl- und wahrgenommen fühlen, ist uns das Wichtigste. Ganz konkret möchte ich den Schüleraustausch zwischen den Partnerstädten nennen. Im Augenblick fördern und finanzieren wir erstmals eine Reise von Schülerinnen und Schülern aus der Eichen¬dorffschule nach Changchun, die dem Zweck dient, eine Partnerschaft mit einer dortigen Schule zu initiieren.
Warum liegt Ihnen das so am Herzen?
Die Kinder und Jugendlichen werden dadurch offener und erfahren, dass es eben nicht nur den begrenzten Raum um das eigene Ich, sondern dass es auch andere Menschen gibt, die eventuell anders aussehen, anders sprechen, andere Dinge wichtig finden. Diese Erlebnisse verändern junge Menschen einfach sehr positiv.
Sie tragen Wolfsburg in Ihrem Vereinsnamen. Sind Sie ganz auf Wolfsburg bezogen?
Nein, wir wollen künftig verstärkt die Menschen aus den umliegenden Städten und Landkreisen auf unser Programm aufmerksam machen und sie einladen, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen. Wir heißen die gesamte Region herzlich willkommen.
Dieser Artikel ist in der freischwimmer-Ausgabe Nr. 21, Februar-März 2011, erschienen. Klicken Sie auf das Titelbild für eine FlashPaper-Ansicht.

Der IFK ist ein heterogenes Netzwerk, das die Internationalität der Stadt unterstützen möchte. Es geht dem Verein um das Ansehen Wolfsburgs als internationale und weltoffene Stadt und zugleich sollen Verständnis, Toleranz sowie Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlichster Länder und Kulturen gefördert werden. Der IFK fördert interkulturelle Projekte und führt eigene Veranstaltungen zu aktuellen Fragestellungen durch. Wer sich für den IFK interessiert, erhält über die IFK-Homepage www.ifk-wolfsburg.de weiterführende Informationen.