ZEUGEN DER GESCHICHTE
»WURZELSEPP« REYNER BIERMANNS GEDULDIGER KAMPF UM SEIN MUSEUM DER ARBEIT
© Landmann
Das rostige Maul des ukrainischen Achtzehntonners gähnt ins Nichts. Immer wieder drängt der Wind in das seit Jahren verlassene Führerhaus, fleddert an den aufgeschlitzten Verkleidungen der Stahlkabine, umspielt den längst stehen gebliebenen Kilometerzähler und die Speichen des eingerissenen Lenkrades und entschwindet wieder. Über dem Auflieger des schlafenden Monsters thront, funkmastgleich, die 20 Meter hohe Eisenkonstruktion, welche die Arbeiter des »VEB Institut für geologische Bodenerkundungen Stendal« einst in den Sand der Altmark trieben. Moos quillt in dem aufgedunsenen Holzrahmen, es ist ein Wunder, dass er noch hält. Zoomt man in die Totale, steht der LKW inmitten einer Landschaft aus technischem Kulturgut, das der heute 69 Jahre alte Reyner Biermann über vier Jahrzehnte lang zusammengetragen und bewahrt hat. Autos, Lokomotiven, Traktoren, Flakgeschütz, Grabsteine, zerlegte Fachwerkhäuser, eine Schmiede, ein Backhaus, Dampfmaschinen, Flugzeug, Bockwindmühle … Das, was hier noch ungeschützt der Witterung ausgesetzt ist, soll einmal zu einem harmonischen funktionierenden Ganzen zusammengefügt werden: ein Erlebnismuseum der Technik und der Arbeit. viseo begleitete den Traum des Reyner Biermann.
Ja, er ist ein Kauz, dieser Wurzelsepp. Aber kein Spinner. Das sei gleich vorweg gesagt. Mag das unüberschaubare Sammelsurium, dieser Overkill an optischen Eindrücken auch zunächst als unkoordiniertes Anhäufen wirken – wenn Sepp erzählt, ordnet sich vieles und die Bilder werden scharf. Kein Steinhaufen, kein Balkenstapel, der nicht seine Herkunft hätte und mitnichten zufällig dort liegt, wo man ihn findet. Insgesamt 40 Hektar Privatbesitz sind angefüllt mit Geschichte und Geschichten. Jeder Gegenstand spielt eine persönliche Rolle in Wurzelsepps Leben, aber darüber hinaus hat jedes Ding seinen Platz im großen historischen Ganzen. Das Gesehene, das, was er erlebt hat, ist die Grundlage für dieses Szenario zwischen Wolfsburg und Klötze, genauer gesagt: in Peckfitz. 161 Seelen, zehn Gemeinderäte. Und gerade Letztere machen Sepp das Leben schwer. »Na ja,«, sagt Sepp in der Wohnküche, in der vier Hunde den Herd umkreisen, an dem Ehefrau Gunda das Essen zubereitet, »sie versuchen es zumindest. Seit Jahren. Man muss Geduld haben.«
Dabei waren es gerade die offiziellen Stellen, die vor zehn Jahren den gebürtigen Altmärker Biermann begeistert empfangen hatten. Begeistert darüber, dass er das ehemalige NVA-Gelände kaufte. Äußerlich wohlwollend, wenn er von seiner Idee eines touristischen Anziehungspunkts sprach, von seinem Erlebnismuseum »zum Mitmachen«. Hier eine funktionierende Schmiede, dort eine aktive Backstube, aus deren Ofen Besucher noch warmen Altmärker Butterkuchen kosten können. Ein abgebrochenes, aber vollständiges Fachwerkhaus von 1692, bewahrt vor dem ewigen Verschwinden, soll das Schulmuseum aufnehmen, der russische Achtzehntonner mit der langen Bohrlanze zur Bühne werden, die Maschinenhalle zum Multimediasaal. Über ein historisches Gleisbett (»die Schienen liegen da hinten gestapelt«) soll die alte Diesellok des VEB Lokomotivbau Mieste das gesamte Areal erschließen. Sepps Blick folgt dem imaginären Strang. »Die Dampflok steht noch in Schleswig-Holstein.«
Ach ja. Schleswig-Holstein. Von dort war er zuletzt nach Peckfitz gekommen: er, der sich noch nie etwas hat sagen lassen – »wenn es Unfug war.« Und Unfug hat er genug gehört. Plötzlich hagelte es Verbote von Seiten des Gemeinderats, verwehrte Baugenehmigungen für die Fachwerkhäuser, für die Eisenbahnstrecke, für Unterstände für die empfindlichen Maschinen. Gott sei Dank hat er die wertvollsten Stücke in die bestehenden Gebäude zwängen können: die Mercedes-Feuerwehr von 1937, die Straßenkehrmaschine von 1926, den Stoever, den Opel-Lastwagen von 1917, die Spezialwagen mit den Flakscheinwerfern, die er mit Tempo 30 eigens aus finnischen Armeebeständen zurück nach Deutschland brachte. Etwa 20 Räume im Hauptgebäude des NVA-Stützpunkts hat er bereits in mühevoller Kleinarbeit in atmende Museumsfläche verwandelt. Da gibt es einen Kolonialwarenladen, perfekt von der Eingangstür bis zur Kaloderma-Seifen-Verpackung, zusammengetragen aus 150 verschiedenen Quellen. Eine »gute Stube« von 1910, eine Backstube mit Gube-Herd, ein historisches Bureau, eine kleine Schmiede, ein Nähzimmer. »Museumsstraße« nennt Wurzelsepp den schnurgeraden Mittelgang, der das Haus von einem bis zum anderen Ende durchzieht. In, auf und neben den unzähligen Vitrinen lagern Automobilscheinwerfer um 1900, Rücklichter, Bilder, gewaltige »Horch«-Kühlermasken, blankpolierte Feuerwehrhelme aus mehreren Nationen und Jahrzehnten, Funkgeräte, Telefone, eine Zeitungsdruckereimaschine von 1914, eine Esse, eine Spindelpresse. »Die wollen wir dieses Jahr noch fertig stellen«, sagt Wurzelsepp unerschütterlich, trotz des Hickhacks mit den Behörden. Es ist die Schönheit der Arbeit, die ihn von jeher fasziniert und berührt hat. Und die will er bewahren und weitergeben. Sepp kann genau begründen, warum er welches Exponat in seine Sammlung aufnahm. »Der Gesamtzusammenhang muss ersichtlich sein«, erklärt er, und fügt gleich noch seine Lebensmaxime hinzu: »Geht nicht, gibt’s nicht. Alles, was nicht geht, wird von mir zuerst angefasst.« Jedes Teil hat seinen Stellenwert, ist Teil eines Puzzles, das oft sogar auch vervollständigt werden kann. Zum Beispiel im Fall des Dürkopp-PKW von 1906. Als er vor einigen Jahren Fahrgestell und Antrieb fand, brauchte er nur noch in seine Regale greifen: Hier lag seit 20 Jahren der passende Anlasser, dort die Lampen. Den Kühler entdeckte er in einem finnischen Museum. Drei Mal nahm er den Weg von Peckfitz nach Helsinki auf sich, bis er es geschafft hatte, das begehrte Stück gegen einen Mercedes-Kühler von 1912 aus seinem eigenen Bestand zu tauschen. Wochen später rief ihn einer seiner unzähligen Freunde und Bekannten an, er habe ebenjenen Benz-Kühler nunmehr gegen einen NAG-Kühler von 1912 tauschen können. Sepp war hocherfreut: »Prima! Es ist das einzige Teil, das mir noch an meinem NAG fehlt!« Und so wird er wohl demnächst erneut nach Helsinki aufbrechen und reden, argumentieren, überzeugen, tauschen. Zehrt das nicht an den Kräften? Schulterzucken. »Man muss Geduld haben im Leben. Und außerdem kann ich bei der Gelegenheit noch gleich einen Parabolspiegel für meinen Flakscheinwerfer mitbringen. Da liegt noch irgendwo einer rum.«
Rundgang durchs Museum, Besuch der fauchenden Schmiede, lehrreiche Vorträge im Schulmuseum, Fahrt mit der 60-Milimeter-Schmalspurbahn, Kaffee und Butterkuchen in der Backstube, danach eine Tour mit Pferd und Wagen zur intakten Motormühlewindmühle, wo jeder Besucher ein Säcklein frischgemahlenes Schrot oder Mehl mit nach Hause nehmen kann, kurz: die Verbindung von Erinnerung und lebendigem Handwerk, von funktionierender anschaulicher Technik, von Wissenserwerb und Erlebnis – das ist die Vision von Wurzelsepp Reyner Biermann. Und das alles in dem Landstrich, in dem er einst zur Welt kam und dem er, der Weltenbummler, sich verbunden fühlt. »Wer ist denn sonst so blöde und lässt sich in diesem toten Winkel der Erde nieder?« Auch die touristische, dabei jedoch intelligente Erschließung der Altmark ist sein Anliegen. Per Gericht wird derzeit geklärt, ob es sich im Falle von Sepps Sammlung tatsächlich um technisches Kulturgut handelt oder nicht. Die Antwort steht im Prinzip schon heute fest und mit dem Landesheimatbund unter Federführung des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt hat Sepps Sache hochkarätige Unterstützer.
Gäste hat er übrigens schon heute: Freizeitoffroader können gegen Gebühr durch die Matschpfützen düsen, Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in der ehemaligen Kommandantur oder auf dem Camping-areal. Den Gewinn investiert Sepp in den Auf- und Ausbau seines Museums.
Es ist Nachmittag geworden. Nach Kaffee und Butterkuchen aus Gundas Küche sitzt Sepp jetzt auf einem alten Hausbalken in der Sonne. Aufwändig geschnitzt finden wir dort einen alten hanseatischen Spruch: »Was kann ein Mann zum Werke tun/Aus Freude schaffen, mit Sorge ruhn/Dem was er macht, sein Herz zuwenden/Bescheiden anfangen, mutig enden!/Das andere liegt in anderen Händen«.
sim