viseo.de
viseo.de > Wolfsburger Köpfe > Thomas Muth

ZWEI HERZEN SCHLAGEN, ACH, ...

Thomas Muth, Dezernent für Kultur und Finanzen

Thomas Muth
© Altschaffel
Er ist, durchaus, ein Grenzgänger: der Neue in der Stadtverwaltung. Als Dezernent ist Thomas Muth zuständig für die Gegenspieler Finanzen und Kultur, nach Feierabend schwärmt er mal für Schopenhauer, mal für Straßenkarneval. Nur wenn seine Kölner gegen die Wölfe kicken, bleibt er in der neutralen Zone. Der freischwimmer sprach mit dem Rheinländer über Finanzkrisen, Traditionsvereine und den Einfluss der Frauen aufs Männerportemonnaie.
Eine provokante Frage zum Einstieg: Wenn man Dezernent für Kultur auf der einen Seite und Dezernent für Finanzen auf der anderen ist, ist man dann nicht Widersacher in eigener Sache? Der Kulturmanager braucht Geld, der Stadtkämmerer muss sparen …
Thomas Muth: Wir sind immer Widersacher in der eigenen Sache. Jede Medaille hat ihre zwei Seiten. Das Schöne an dieser Verwaltungs-konstellation ist aber, dass man selbst den Ausgleich schaffen kann und nicht andere überzeugen muss. Man kann sich von Sach-argumenten leiten lassen und es letztlich auch mit sich entscheiden. Das ist einerseits herausfordernd, macht andererseits auch vieles einfacher. Insofern ist es eine gute Sache, dass Kultur und Finanzen in Wolfsburg zusammengehören. 
Profitiert die Wolfsburger Kultur davon, dass ihr Dezernent gleichzeitig über die Stadtkasse waltet?
Also ich lege die Frage jetzt finanziell aus, aber ich hoffe, dass die Kultur auch jenseits des Finanziellen davon profitiert, dass Finanzen und Kultur als zusammengehörig betrachtet werden. Wir sparen häufig – und das habe ich selbst miterlebt – in Zeiten von knappen Finanzen zuallererst an der Kultur. Wenn der Finanzdezernent für das Kulturelle sensibilisiert – und ich spreche jetzt fast in der dritten Person – ist, sorgt das dafür, dass man mit Augenmaß an die Sache herangeht, dass man quasi einerseits Lobbyist in Sachen Finanzkrise und gleichzeitig auch für die Bedürfnisse der Kultur ist. Ich kann somit sagen, dass in Zukunft die Kultur und die Finanzen im Gleichschritt gehen werden.  
Sie haben nach den Wirtschaftswissenschaften später auch Kulturmanagement studiert. Ist das für Sie schon immer eine Wunschkonstellation gewesen?
Ja, das war eine Wunschkonstellation, daraufhin habe ich meine berufliche Ausbildung ausgerichtet. Dass es das tatsächlich in Wolfsburg gibt, hat mich im ersten Augenblick überrascht. In kleinen Städten ist es üblich, dass man aufgrund der eingeschränkten Zahl von Verwaltungsmitgliedern häufig Kultur und Finanzen zusammenpackt. In größeren Städten findet sich diese Situation selten, aber ich nehme das gerne als Auftrag an, weil sich der Rat sehr bewusst dafür entschieden hat, beide Aufgabenfelder zusammenzubringen. 
Was muss man denn konkret tun, um das zu schaffen?
Im kulturellen Bereich bietet die Stadt Wolfsburg selbst Kultur an. Das ist aber nicht deckungsgleich mit der Kultur in der Stadt. Mir ist es wichtig, dass sich Wolfsburg bei kulturellen Aktivitäten mehr vernetzt: die Hochkultur, wie sie etwa im Theater, im Hallenbad, in der Stadtbibliothek stattfindet, und die vielen Traditionsvereine, die nicht hinten runterfallen dürfen. Aus der Geschichte heraus haben sich diese Einrichtungen als Teil unserer abendländischen Kultur entwickelt; es sollte also dahin gehen, dass Kultur in der Stadt und die Kultur der Stadt so miteinander verwoben werden, dass man nur noch graduelle Unterschiede erkennen kann. Das ist ein großer Ansatz, aber er hat ja auch noch Zeit. 
Ist das eine Idee, die Sie aus Bergisch Gladbach und Köln mitgenommen haben, wo Traditionsvereine und Kulturträger bekanntermaßen eng verzahnt sind? Wie beim Karneval, der sowohl Populärkultur als auch Hochkultur ist …
Der Karneval ist im Rheinland außerordentlich populär. Seine Bedeutung dort entspricht der von Schützenvereinen im nördlichen Deutschland. Von daher ist es naheliegend, die Bedeutung dieser regionalen Traditionsvereine zu betrachten. Auch die Schützen haben ihre Veranstaltungen.
Und Schützenfest wie auch Straßenkarneval liegen in ihren Motiven nicht weit auseinander, sie tragen nur ein anderes Label. 
Waren Sie selbst Mitglied im Karnevalsverein oder sind es noch?
Ich war Mitglied im Karnevalsverein und bin’s, glaube ich, auch noch. Ich war anfangs aktiv, aber mit der Zeit bin ich passiver geworden, weil die Zeit dazu fehlte und ich ohnehin eher der ideele Unterstützer war – wegen guter Freundschaften, die durch die fünfte Jahreszeit entstanden sind. 
Und haben Sie auch schon erste Kontakte in Richtung Schützenverein hier geknüpft, um die Tradition fortzusetzen?
(lacht) Ich war bislang noch in keinem Schützenverein außer – im weitesten Sinne – bei der Bundeswehr. In einem Schützenverein sollte man wahrscheinlich auch schießen können. Ich habe das zwar bei der Bundeswehr gemacht, besitze aber keine großen Ambitionen mehr, jetzt noch im Schießen tätig zu werden. Von daher habe ich mir, was Schützenvereine angeht, noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Vielleicht ergibt sich das ja aus einer Laune heraus, dass ich irgendwann Schütze werde. Es ist auch aus einer Laune heraus entstanden, dass ich zum Marathonläufer wurde. Wenn man in einer geselligen Runde ist und eine Wette eingeht … 
Die Marathonläuferkarriere ist aus einer Wette heraus entstanden?
Ja. Aus einer Bierlaune. Aber Karriere würde ich jetzt nicht sagen, Karriere hat ja einen sportlichen Ehrgeiz. Den habe ich nur, wenn er darin besteht, den Marathon zu Ende zu bringen, in einer für meine Gewichtsklasse und mein Alter angemessenen Zeit. Aber als Karriere würde ich es nicht bezeichnen.  
Ihre persönliche Bestzeit?
3 Stunden, 51 Minuten, 21 Sekunden. 
Haben Sie in Wolfsburg schon eine Laufstrecke gefunden?
Eine ja, aber das ist zu wenig. Zumal ich mir in Wolfsburg eigentlich erhofft hatte, wenn man so auf die Landkarte guckt, dass es dort flach ist. Wenn ich jetzt loslaufe, visiere ich erst das Theater an, dann geht’s die Braunschweiger Straße hinaus nach Detmerode, durchs Hasselbachtal, doch das ist alles überhaupt nicht flach. Die Pulserlebnisse, die ich früher hatte, sind jetzt ausschlagender. 
Um ein bisschen beim Sport zu bleiben: Sie sind großer FC-Köln-Fan. Wenn Wolfsburg gegen die Geißböcke spielt, stehen Sie im Wölfeblock oder bei den Gästefans?
Beim Heimspiel des VfL Wolfsburg gegen Köln, als die Rheinländer 2:1 verloren haben, saß ich im Block 58, das ist – glaube ich – neutrale Zone. In den Köln-Fanblock will ich nicht, weil es dort zwar gesittet zugeht, aber auch einige Ultras dabei sind. Wolfsburg-Fanblock würde nicht passen, mit einer FC-Mütze … Köln ist einfach Herzensangelegenheit. Man kann Wolfsburger werden, man kann sich mit dieser Stadt identifizieren, man kann sich sehr schnell sehr wohlfühlen, aber ein Vereinswechsel – das geht nicht! 
Apropos Identifikation: Wohnortwechsel, Arbeitsortwechsel – Wolfsburg ist ja wie eine neue Heimat für Sie. Wie fühlt sich die neue Heimat an?
Perfekt. Es hat mir überhaupt keine Probleme bereitet, hierherzukommen. Mit der Familie ist das derzeit noch Komplex: Meine Frau hat ihre Arbeit, meine Tochter muss mit ihrer ersten Fremdsprache Latein und ihrer zweiten Fremdsprache Englisch hier noch eine passende Schule finden, die diese Fremd-sprachenkombination unterstützt. Dann ist da noch die Sache mit dem genauen Wohnort: Ich muss mir darüber klar werden, ob es Stadtmitte, ob es Steimker Berg, ob es Vorsfelde, ob es Fallersleben, ob es Ehmen/Mörse, ob es Hattorf wird. Ich kenne inzwischen viele Leute aus den einzelnen Stadtteilen und alle sagen zu Recht, dass ihrer der schönste ist. Jetzt muss ich mich entscheiden. Doch um mir ein Urteil bilden zu können, muss ich alle Stadtteile erst einmal selbst kennenlernen. Und letztlich muss unser Haus in Köln noch einen Käufer finden. 
Wie war Ihr Wolfsburg-Bild, bevor Sie hierhergekommen sind?
VfL Wolfsburg, DFB-Pokal, Mitte der 90er-Jahre. Wir hatten schon die Fahrkarte fürs Finale in Berlin und sind in Köln durch den VfL rausgeflogen. Das war die erste Wolfsburg-Begegnung. 
Was hat Sie am stärksten überrascht?
Der stärkste Eindruck oder die stärkste Überraschung? 
Die stärkste Überraschung. Womit hätten Sie am wenigsten gerechnet?
Ich habe mich tatsächlich von Anfang an wohlgefühlt, der Rheinländer ist an und für sich sehr kontaktfreudig, aufnahmefähig. Aber es bleibt oberflächlich, das ist so der amerikanische Weg: Man ist sehr schnell beieinander, lädt alle gerne nach Hause ein, aber man geht nicht davon aus, dass die Einladung in Anspruch genommen wird. Hier habe ich es anders erlebt, so, dass man sehr offen miteinander umgeht, man sehr schnell integriert, dass man aufgenommen, dass einem geholfen wird. Das hätte ich nicht gedacht, weil ich mal gehört habe, dass der Niedersachse an und für sich eher etwas reservierter sei – und das kann ich gar nicht bestätigen, jedenfalls für Wolfsburg nicht. 
Für welche Form von Kultur interessieren Sie sich privat?
Am meisten für Literatur. Sie bewegt mich am stärksten. Bei der bildenden und der darstellenden Kunst empfinde ich mich nur als Zuschauer. Wenn ich aber ein Buch lese, bin ich der Interpret des Romans. In meiner geistigen Welt, und nur dort, läuft der Film ab. Ich habe mit Ulysses wieder angefangen, nachdem ich die Kommentarfassung bekommen hatte. Ich habe dann in der ausgeliehenen Version gesehen, dass ich selbst eigene Kommentare anbringen muss, damit ich es verstehe. Es ist meine große Schwäche, dass ich immer in Büchern herumschreibe – so ähnlich wie Schopenhauer, wenn er etwas von Hegel gelesen und einen Esel dazugemalt hat. Das Kommentieren ging aber nicht, weil es ja eine Leihgabe war. Dann habe ich mir von meiner Frau eine außerplanmäßige Literaturanschaffung der Höhe von 49,80 Euro genehmigen lassen … 
Privat ist also Ihre Frau die Finanzdezernentin?
Bei vielen Ausgaben, die nicht Dinge des täglichen Bedarfs sind, entscheiden wir gemeinschaftlich. Damit es keine schwarzen Kassen gibt (lacht).
[AKa]
Infobox

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.

Weiter Infos unter http://www.hallenbad.de/freischwimmer