Süheyl Yesilnur im Kurzporträt – Schulterwurf und Cocktails
© Landmann
In den 70er- und 80er-Jahren war Wolfsburg die Nummer eins im Judosport. Der VfL erreichte einen Sieg nach dem anderen und besaß Nationalkämpfer mit weltweitem Ruf. Einer von ihnen war allerdings unverwechselbar ...
Süheyl Yesilnur wurde 1953 in Istanbul geboren und kam mit 13 Jahren zum Ringen. Nach dem Training schaute er immer noch den Judokas zu und entdeckte diesen damals in der Türkei völlig neuen Sport für sich. Er sollte bald einer der erfolgreichsten Sportler werden: mehrfacher türkischer Meister, Balkanmeister, skandinavischer Meister, Deutscher Mannschaftsmeister, Europapokalgewinner, Sportler des Jahres, Nationalkämpfer, Olympiateilnehmer 1976 in Montreal und 1984 in Los Angeles. viseo traf Yesilnur zum verbalen Schlagabtausch.
Süheyl Yesilnur: Ich war zu der Zeit unantastbar, die Presse liebte mich.
viseo: Aus welchem Grund?
Weil ich nicht das gesagt oder getan habe, was man von einem „anständigen“ Türken erwartete. Ich habe schon immer meinen eigenen Kopf gehabt. Ich habe Respekt vor ehrlichen Menschen, aber nicht vor Titeln.
Wie bist du damit durchgekommen?
In der Türkei war ich ein Star.
Süheyl wühlt in einem alten Karton voller alter Zeitungen aus der Türkei. Die Farben vergilbt und lesen kann ich das natürlich auch nicht, aber eine Titelseite nach der anderen ist mit Süheyls Gesicht bedruckt.
Ich war frech, ich wollte mir nicht sagen lassen, was ich zu tun habe.
Wieso Judo?
Weil Judo für mich ein vielseitiger und kreativer Sport zu sein schien. Und: Ich kämpfe, um zu siegen. Beim Ringen brauchst du unheimlich viel Kraft. Beim Judo kannst du mit Technik ganz schnell punkten. Ich war bekannt dafür, meine Gegner in zehn Sekunden zu besiegen. Wenn ich das nicht geschafft hatte, habe ich den Kampf meistens verloren. Was fast nie vorkam (lächelt). Ich habe Anämie, dadurch habe ich von Natur aus keine lange Ausdauer. Ich musste meine Gegner also mit Technik kriegen. Bei Wettkämpfen finden meist mehrere Kämpfe gleichzeitig in einer Halle statt. Oft war es so, dass, wenn ich meinen Kampf hatte, die anderen aufhörten, um mir zuzugucken. Dauerte ja nie lange ...
Seit wann und warum bist du eigentlich in Deutschland bzw. Wolfsburg?
Seit 1979. Eigentlich weil ich besoffen war.(lacht)
Wie meinen?
Nach der EU-Meisterschaft in Brüssel war ich zu Besuch in Bad Neustadt an der Saale. Dort habe ich für mich im dortigen Sportverein trainiert, und wie das so ist: Du lernst Leute kennen, triffst Dich mit ihnen nach dem Training auf ein Bier oder auch zwei … (lacht). Ich hab’ da also ein bisschen viel getrunken mit einem Judoka. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich nicht Trainer in Bad Neustadt werden will. Ich willigte in meinem Zustand ein (lacht) und natürlich muss man zu seinem Wort stehen! Da habe ich zu meiner Mutter gesagt: „Ich gehe jetzt nach Deutschland“ – und das tat ich dann auch. Ab 1979 war ich Trainer in Bad Neustadt, seit 1981 bin ich in Wolfsburg.
Süheyl hing Anfang der 90er den Judogürtel an den Nagel und ist seitdem ein erfolgreicher Gastronom. "K 23" und "Da Capo" hießen seine ersten Bars. Mit ihnen etablierte er die Cocktail-Kultur in Wolfsburg.
Anfangs haben wir den Leuten die Cocktails geschenkt, um sie ihnen näher zu bringen. Cocktails gab es hier ja nirgendwo, nur eine Bier-und Korn-Monokultur ...
Worin besteht die Verbindung zwischen Judo und Cocktails?
Es ist so: Man lernt die Grundtechniken des Judo-Sports – entwickelt aber seinen eigenen Stil. Das Gleiche gilt für das Zubereiten von Cocktails. Auf meinen Reisen um die Welt mit „meiner“ Mannschaft habe ich abends oft in den Hotelbars gesessen und fasziniert den Barkeepern bei ihrer Tätigkeit zugesehen. Für mich war klar: Das ist Kunst, was die da mit den Shakern machen! Und es hat mich einfach gereizt, diese Kunst, diese Kultur zu verbreiten. Ich bereite ja nicht nur Cocktails nach überlieferten Rezepten zu, sondern experimentiere bis heute mit immer neuen Kompositionen. Auch hier reizt mich also die Kreativität.
Seinen großen Wunsch hat Süheyl sich mit der Eröffnung seines neuen Lokals, der „My Bar“ in Wolfsburg, erfüllt. Der Name ist Programm.
Eigentlich sind "MY" die Initialen meiner Frau – Mine Yesilnur. Das hier ist aber auch – zumindest im Kopf – meine Bar. Ich möchte mich hier wohl fühlen. Diese Bar bringt etwas Großstadtflair in den Kaufhof. Fühl mal die Sitze, das ist echtes Leder. Ich verbringe jeden Tag Zeit in dieser Bar, also mache ich mir meine Umgebung perfekt. Alles soll zueinander passen. Das bezieht sich auch auf die Gäste. (lächelt)
Bist du ein gelernter Gastronom?
Nein, ich habe früher bei meinem Vater in der Buchhaltung gearbeitet. Heute bin ich bei Volkswagen kaufmännischer Angestellter.
Du hast viel erlebt und bist viel rumgekommen, warst sogar auf Zypern im Krieg. Hast du ein spezielles Motto für dein Leben?
Gesundheit, alles andere hole ich mir.
OlL