
„Wichtig ist mir die Auseinandersetzung mit der Gegenwart, manchmal redet man zu viel über die italienische Tradition", sagt Stefano Jorio. Darum versucht er mit den kulturellen Kontinuitäten zu brechen. Denn die Auffassung, was ein italienisches Kulturinstitut sein und leisten soll, ist ihm gelegentlich zu eng gefasst: Zu viele Aspekte und zu viele Menschen bleiben außen vor. „Ich weiß, dass man das auch anders sehen kann, und ich möchte auch die bisherige Arbeit in der Art weiterführen, bin aber dennoch der Überzeugung, dass wir vom Italienischen Kulturinstitut immer wieder neue Wege beschreiten müssen", betont er.
Das altbewährte Italienbild bedarf einer Neuinterpretation. „Oft", wirft Jorio ein, „haben die hier lebenden Italiener ein Bild von ihrer Heimat, das es in Italien überhaupt nicht mehr oder nur noch auf Folkloreveranstaltungen gibt." Das Italien der Gegenwart aber ist bunter und unterschiedlicher, als man es aus der Ferne oder im Urlaub wahrnimmt. An diesem Punkt treffen sich kurioserweise die festgefahrenen Vorstellungen von Italienern und Deutschen.
Tatsächlich ist die Einwanderung der Italiener nach Niedersachsen nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Beide Seiten, die italienische und die deutsche, scheitern bis zum heutigen Tag an einer wirklichen Annäherung. Italien ist zwar seit dem Mittelalter das Sehnsuchtsland der Deutschen und die Strandtouristen bevölkerten seit den 50er-Jahren die italienische Küste oder die Toskana – aber eine echte Annäherung fand selten statt, galten doch schon Spaghetti als exotisch. Die Deutschen schätzen zwar das Land, deren Einwohner liebten sie jedoch weniger und begegneten ihnen mit Misstrauen, mit Vorurteilen.
Die Italiener begannen sehr zahlreich Zugkarten in Richtung Deutschland zu lösen: Fremdarbeiter, Gastarbeiter. Schon der Begriff kennzeichnet die Zurückhaltung hierzulande gegenüber den Italienern zu dieser Zeit.
Die Italiener hatten ihrerseits kaum Interesse an Deutschland; sie flohen vor der Armut, nicht vor Italien. So ist Italien für die hier in dritter oder vierter Generation lebenden Italiener ein Traumland geworden. „Das Bild Italiens war damals wie heute ein Überlebensmittel", beschreibt der Leiter des Kulturinstituts die Grundstimmung in der italienischen Gemeinschaft. Es herrschen große Sehnsucht und vielleicht stilles Heimweh. Die Integration – beileibe nicht abgeschlossen: „Es gibt hier noch viel zu tun. Für Deutsche, für Italiener und besonders für die dritte Generation. Das begreife ich als Auftrag."
Ein Teil dieses Auftrags ist, zu definieren, was Kultur ist und was sie noch sein kann. Bislang hatte die Institutsarbeit ihren Schwerpunkt in der Hochkultur und in der Folklorekultur. „Aber auch Rockmusik ist Kultur", gibt Jorio zu bedenken. Kultur soll zugänglicher gemacht werden für junge Italiener und für junge Deutsche. „Ich glaube, wir dürfen diese junge Generation nicht alleinlassen." Das Pfund des fehlenden oder irritierten Identitätsgefühls dieser Altersgruppen wiegt schwer. Sie kennen ihre gefühlte Heimat nur aus dem Urlaub, nur aus den Erzählungen der Eltern, die jedoch ebenfalls in der Fremde aufgewachsen sind.
Das Entwickeln oder das Arbeiten an einem neuen Kulturbegriff des spannenden Instituts scheint notwendig. Doch es liegt in guten Händen. Der 36-jährige Stefano Jorio hat sich dafür bereits eine geeignete Strategie zurechtgelegt: Er möchte die Veranstaltungen öffnen, zum Beispiel Bands bringen, welche die traditionelle Tarantella mit elektronischen Beats und anderen neuen Einflüssen mischen – und so auch für jüngere Generationen tanzbar machen.
Auf der symbolischen Ebene könnte man Stefano Jorio als Flussdampferkapitän auf einer schwierigen Reise, auf einem interessanten Weg sehen. Sollte ihm die Tiefe des Flusses zu unergründlich werden, dann sitzt da immer noch der Pinocchio auf dem Schreibtisch. Der hat bekanntermaßen auch ganz frech und ohne ständige Rückversicherung neue, ungewöhnlichere Wege beschritten. Und lässt man die Geschichte der langen Nase weg, darf er ruhig als Vorbild dienen. Mit einem Augenzwinkern, versteht sich.

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.
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