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DIE AUSLÖSERIN

Sandra  Behne
© privat

Ellenbogen, spitze Zunge und sogar Hechtsprünge in die wartende Meute der Fotografenkollegen – Sandra Behne setzt sich durch in der Männerdomäne der Sportfotografie. Mit ihren 1,83 Metern kann sie so manchem Mitbewerber in die Augen schauen, einige von ihnen überragt die sportlich-schlanke Frau sogar. Wenn die Fotografin mit 100 anderen Fotografen bei Bundesliga-Fußballspielen am Spielfeldrand sitzt, kann die Wolfsburgerin die weiblichen Kolleginnen an einer Hand abzählen, bei internationalen Aufträgen – wie während der Fußballweltmeisterschaft 2002 – ist sie meist allein unter Männern. viseo sprach mit Sandra Behne über ihren Traumjob.

viseo: Frau Behne, was macht ein richtig gutes Bild aus?
Sandra Behne: Abgesehen von dem technisch perfekten Bild, immer das zu haben, was die anderen nicht haben. Beim Spiel Bayern gegen Stuttgart zum Beispiel: Da haben alle darauf gewartet, dass Bayern endlich einen Treffer erzielt. Als es dann so weit war, haben alle draufgehalten. Ich habe Oliver Kahn abgelichtet. Der kam wie ein Irrer jubelnd aus seinem Tor rausgelaufen – direkt auf mich zu.
Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Auf Umwegen. Ich wollte schon nach der Schule was mit Fotodesign machen, habe aber nie den Mut gehabt, eine Mappe anzufertigen. In Lüneburg habe ich angefangen, im Sportbereich für ein Stadtmagazin zu arbeiten, und habe gemerkt, Presse und Action – das ist was für mich. Dann habe ich einfach die Gelben Seiten von Berlin genommen und mich bei den Fotoagenturen durchtelefoniert. Mit Bernd Wende habe ich zwei Stunden geplaudert – dann hatte ich den Job.
Also Learning by Doing?
Ja, so war es. Ich hatte eigentlich von nichts eine Ahnung. Mein erster Auftrag – ein Eishockeyspiel – war auch ein Reinfall. „Mickymauskino“ hat Bernd das genannt: Alles war ganz klein und ganz weit weg. Er hat die Negative genommen und gesagt: „Die archivieren wir mal“ – und in den Papierkorb geworfen. Ich habe sie dann wieder rausgefischt und mit nach Hause genommen. Die habe ich heute noch.Irgendwann hat es dann „klick!“ bei mir im Kopf gemacht und von da an habe ich viel closer fotografiert, eben das, worauf es ankommt. Wenn einem Fußballspieler mal ein Arm fehlt, ist das ja nicht so schlimm.
Aua …
(lacht) Bezogen auf den Bildausschnitt natürlich! Und bei einem Kopfballduell müssen keine Füße zu sehen sein. Ich habe mich auch bewusst weggesetzt von den anderen, wollte immer schon das Besondere machen. Und am Anfang hatte ich natürlich Angst, die anderen könnten sehen, dass ich noch etwas ungeübt im Umgang mit der Kamera war. Schnelle Bilder, Aktionsbilder – das ist mein Metier. Beim Fußball wie beim Boxen, Skispringen, in der Formel 1 oder beim Handball.
Und was zeichnet Sie als Fotografin aus?
Ich informiere mich. Man muss selbst sportbegeistert sein, die Artikel zu seinen Fotos lesen. Je besser man die Sportart kennt, desto besser werden die Fotos. Wer von Handball keine Ahnung hat, setzt sich schnell auf die falsche Seite. Denn es gibt auch Handballer, die Linkshänder sind. Man muss auch wissen, wann ein Fußballspieler, der, wie zum Beispiel Sebastian Deisler, lange verletzt war, wieder seinen ersten Einsatz hat – auf den muss man draufhalten. Außerdem braucht man Kontakte. Leute, die einem sagen, was wann wo läuft. Zum Beispiel, wann der Wildmoser aus der Haft entlassen wird.
Und Glück?
... ja, man muss halt auch ein bisschen Glück haben. So wie mit dem Foto von einem Foul von Victor Agali von Rostock gegen den Torwart von München 1860: Da springt der Agali so Kung-Fu-mäßig in den Keeper rein, der krümmt sich über dem Ball, den er in der Magenkuhle hat. Ich war die einzige Fotografin, die das hatte, und war am nächsten Tag in allen Zeitungen. Dann hatte ich einen richtigen Lauf – da waren viele Titel, viele Sport-1-Seiten von mir. Und die bei Bongarts haben sich gefragt: Warum arbeitet die nicht für uns? Dann hat Bongarts mich abgeworben.
Stichwort Leistungsdruck?
Also bei einem Samstagnachmittagspiel ist alles relativ entspannt, auch die Sonntag-17.30-Uhr-Spiele sind kein Problem. Allerdings sollten die ersten Bilder während der ersten Halbzeit per Laptop in die Redaktionen gesendet werden. Wenn ich ein gutes Bild habe, warte ich meistens noch auf ein zweites – Quer- und Hochformat, um die Formate abzudecken – und dann gehen die sofort aus dem Stadion raus.
... und was ist, wenn in den fünf Minuten des Bearbeitens und Versendens der Bilder eine entscheidende Szene stattfindet?
Tja, Pech. Ich muss höllisch aufpassen. Wenn die Sonne scheint, blendet auch noch der Bildschirm des Laptops. Dann versuche ich mit meiner Kapuze mir selbst Schatten zu machen, dabei achte ich auf die Geräuschkulisse des Publikums, aber wenn man hochguckt, ist ohnehin alles zu spät. In der Zeit kann es einfach passieren, dass man was verpasst – Berufsrisiko.
Lauern noch mehr Gefahren?
Klar, zum Beispiel beim DFB-Pokal oder bei der Meisterschaft. Da herrscht Mord und Totschlag unter den Fotografen. Da hält ein Spieler den Pokal hoch und 80 Kameras stürzen sich auf ihn. Jeder will das ultimative Bild. Manche Kollegen kennen da kein Pardon, die stellen Füße und rammen einem die Ellenbogen in die Rippen.
Trotzdem ein Traumjob?
Ja, auf jeden Fall! Aber der Beruf hat auch viele Nachteile. Immer Flughafen – Hotel – Stadion – Flughafen. Von den Städten an sich bekommt man nicht viel mit. Das kann schon ganz schön stressig sein. Als ich noch in Hamburg war, bin ich 60. 000 Kilometer im Jahr mit dem Auto gefahren, jedes Wochenende war ich unterwegs. Da bist du schon mit den Nerven am Ende, wenn du von der Autobahn kommst – und dann fängt die eigentliche Arbeit, auf die du dich ja voll konzentrieren musst, erst richtig an. Fotografen kennen kein Wochenende, keine Feiertage. Sport-Events passieren meistens, wenn andere Menschen Freizeit haben. Für uns ist das Arbeit.
Wie nahe kommen Sie den Fußballgöttern?
Also als Fotograf den Kontakt zu Spielern zu haben ist nicht so einfach. Uns fehlt halt – im Gegensatz zum schreibenden Journalisten – das Gespräch. Du hast immer die Kamera dazwischen. Selbst bei einem Interview. Da höre ich zwar zu, mache aber meine Bilder. Ich stelle keine Fragen und quatsche auch nicht einfach dazwischen. Die Distanz nervt schon manchmal. So wie bei der Fußball-WM in Japan und Korea. Da gab es nur Pressekonferenzen und Trainingseinheiten, keine einzige Situation, die zeigt, dass wir hier in Japan sind. Beim zehnten Bild von Rudi Völler fällt einem bald nichts mehr ein, da hat man schon alles ausprobiert.
Die letzte Frage ist eine Mischfrage. Sie richtet sich sowohl an die Fotografin wie auch an die Einheimische Sandra Behne. Wie gefällt Ihnen die neue Volkswagenarena?
Sicher ein tolles Stadion für die Fans, doch als Arbeitsplatz scheußlich (lacht). Die Banden sind viel zu hoch. Deshalb kann man meistens nicht im Sitzen fotografieren, sondern nur im Stehen. Das ergibt eine schlechte Perspektive.

StB