„WIR SIND EIN KLEINES BRENNGLAS“
© Landmann
Das Haus am Steimker Berg wirkt bescheiden. L-förmig liegt es inmitten des Grundstücks, das Wolfsburg nach Südost hin begrenzt. Innen setzt sich die Sprache des Anwesens fort: hochwertig, aber nicht übertrieben, repräsentativ, aber persönlich. Über die Kaffeetafel vor dem Panoramafenster geht der Blick weit hinaus ins Hasselbachtal. Und solange Hausherr Rolf Schnellecke nicht auf die Idee kommt, hier noch ein weiteres Baugebiet für Wolfsburg auszuweisen, wird er sich wohl noch lange an diesem Blick laben können. Das ist Naturschutzgebiet, pariert Wolfsburgs Oberbürgermeister die Anspielung unsererseits auf seine städtische Expansionspolitik und bittet zum Gespräch. Schnellecke mal ganz privat, interviewt während eines gemeinschaftlichen Herbstspaziergangs – fast hätte es geklappt. Am Ende verhindert der Regen den Ausflug in den Grüngürtel Wolfsburgs und natürlich rutscht man ohne Probleme thematisch dann doch vom Sofa des Privatmanns Schnellecke in den imaginären Sessel des Oberbürgermeisters. Was eine interessante Melange ergibt: Erinnerungen an die Trümmerstadt 1945 und an die Anfänge der Spedition Schnellecke, Wolfsburgs Position einst und jetzt, Perspektiven, Wagnisse, Herausforderungen und Erfolge. Und das Ganze am Ende eben doch persönlich-atmosphärisch. Band ab.
viseo: Herr Schnellecke, allein aufgrund Ihres Nachnamens hätten Sie einen passablen Stürmer für den VfL Wolfsburg abgegeben. Welche Berufswünsche hatten Sie als Kind?
Rolf Schnellecke: Oh, da muss ich erst einmal nachdenken …, was wollte ich als Kind werden?
War’s der obligatorische Feuerwehrmann oder Lokomotivführer?
Nee. Ich war ja etwas vorgeprägt, da ich in einem väterlichen Speditionsbetrieb aufwuchs. Daher habe ich meine berufliche Aufgabe wohl schon früh innerhalb dieses Unternehmens gesehen.
Bedingt durch den frühen Tod Ihres Vaters, schien sich diese Vorstellung zunächst auch zu intensivieren. Sie wuchsen quasi gezwungenermaßen in das Unternehmen hinein.
Das ist richtig, ja. Während meiner Schulzeit gab es dann jedoch einen Wandel, als sich bei mir der Wunsch konkretisierte, Wirtschaftsjurist zu werden. Daher fiel mir die Studienauswahl auch nicht schwer. Ich wollte mehr von der Gesellschaft und vom Staat verstehen, vom Wirtschaftswesen.
In einem Staat, der damals ein sehr junger war.
In der Tat. Die Narben des Kriegs waren überall noch spürbar, Deutschland musste sich neu positionieren. Vom so genannten Wirtschaftswunder haben wir selbst nicht viel bemerkt. Meine Mutter hatte schwere Zeiten mit dem kleinen Geschäft und musste sich sehr durchbeißen …
Mit wie viel Angestellten startete die heutige Schnellecke-Group?
(überlegt) Mein Gott, das waren … vier, fünf Leute und drei Lkws.
Die Geschichten von luftgekühlten Magirus-Lkws, riesige dünne Lenkräder ohne Servounterstützung, die Freude, auf Leerfahrt die wenigen Pkws auf der Autobahn bergab mit satten 90 km/h zu überholen …
Da hat wohl noch jemand einen Fuhrbetrieb in der Familiengeschichte mit den entsprechenden Erinnerungen … (lacht). Ja, solche Szenen stehen lebendig vor meinem geistigen Auge. Unser erstes Auto war übrigens ein Tempodreirad, dann haben wir uns zum Dreitonner-Hanomag vorgearbeitet und schließlich zu dem großen Magirus. Ich bin ja ein Stück weit am Güterbahnhof groß geworden – den es heute nicht mehr gibt. Lediglich unsere „Gründerhalle“ steht dort noch. Wir haben als Bahnspediteur die Stückgüter zu den Geschäften in Wolfsburg gebracht. Gleich nach der Schule musste ich auch mit „ran“ und helfen, was mich geprägt hat.
Sie sprechen an, dass Sie selbst schon früh mit anpacken mussten. Wie sah das genau aus?
Nun ja, ich hatte ja zunächst noch keinen Führerschein, half aber mit, die Lkws zu entladen und die Waren zu verteilen. Ich habe als Schuljunge zum Beispiel in das Haus, in dem ich jetzt wohne, Pakete geliefert – an Heinrich Nordhoff. Und morgens früh um sieben, also vor der Schule, half ich mit, die Fahrzeuge in Gang zu kriegen. Zum Glück hatte ich mit der Schule keine Probleme, so dass mir diese Doppelbelastung nicht schwierig erschien. Schließlich begann ich auch noch zu lernen, wie man die Lkws repariert …
Kein schlechtes Pensum …
(abwiegelnd) Ja, nun ja – alles der Reihe nach. Aber was nützt ein Auto, das nicht fährt? Da musste halt was getan werden. So habe ich dann auch von der Automobiltechnik etwas mitbekommen.
Trotz Ihrer Laufbahn im Staatsdienst haben der Transportbetrieb und das heutige Logistikunternehmen immer eine bedeutende Rolle in Ihrem Leben gespielt.
Meine Mutter, die heute 99 Jahre alt ist und mit uns unter einem Dach lebt, hat das Geschäft aufgebaut. Ich habe dabei geholfen, so würde ich es mal bezeichnen. Sie war die Person, die mir mein Jura- und Betriebswirtschaftsstudium in Göttingen und Hamburg ermöglichte. Ich studierte während der Woche und kam am Wochenende nach Wolfsburg, um im Geschäft unterstützend tätig zu sein. Was mir nicht geschadet hat.
Sie wurden 1944 in der damaligen „Stadt des KdF-Wagens“ geboren – eine rudimentäre Ansiedlung von Baracken und wenigen Neubauten, gruppiert um das riesige, in weiten Teilen in Trümmern liegende Werk. Wann setzt Ihre Wahrnehmung von Wolfsburg ein und welche Bilder aus dieser Zeit tragen Sie in sich?
ich erinnere mich erst mal an die Fritz-Reuter-Straße, wo ich aufwuchs. Natürlich kennt man da noch jeden Freund, jeden Hof. Das war so die kleine Welt. (betrachtet historische Aufnahmen Wolfsburgs aus dem Buch „Kleiner Wagen in großer Fahrt“ von 1949) Sehen Sie, hier: die Drogerie Häntsch, Sonnenblumen und aufgehängte Wäsche in den Vorgärten der Wohnbaracken, die wenigen fertig gestellten Neubauten (blättert weiter), die Kleingärten mit Federvieh, das Kraftwerk ohne Schornsteine … Also, erste Erinnerungen habe ich natürlich auch an den Schuppen meines Vaters. Da, wo heute die Heßlinger Straße verläuft und sich die Stadtwerke befinden. Gegenüber war die Gaststätte Schulz. Ich bin, als ich gerade laufen konnte, öfter ausgerissen und einfach durch die Stadt gestromert. Wolfsburg war ja eine Barackenstadt, die ihre ersten Steinbauten erst mit der Poststraße und mit der Porschestraße erhielt. Ich erinnere mich an die Wache Steg und an die Brücke über den Kanal, an den alten Bahnhof. (überlegt, schmunzelt) Da gab’s noch Mutti Schrader, die Baracke mit der Kneipe, in die so einige gingen. Viele haben auch vergessen, dass der Schachtweg die erste Einkaufsstraße Wolfsburgs war. Das war wie so eine Westernkulisse, die Häuser mit den Holzstegen davor … Dann die wenigen Autos, die Nahverkehrsbusse mit ihren Langkühlern. Bunker, die abgerissen und zu Wohnhäusern umgebaut wurden … Die Appelplantage hinter dem Delphin-Kino. Man kann anhand seiner Erinnerungen sehen, wie die Arbeit begann. Nicht nur im Werk, sondern auch an der Stadt.
Sie haben Wolfsburg von Anbeginn erlebt, die bauliche Stadtwerdung ebenso wie die gesellschaftliche Entwicklung. Wie war der Zusammenhalt innerhalb der Bevölkerung im Vergleich zu heute? Wie hat sich das Miteinander in Wolfsburg verändert?
Ich erinnere mich, dass die Leute mit ganz wenig glücklich waren. Dass man die Gemeinschaft, die Nachbarn suchte. Diese damals neue Zeit hatte doch viel Gemeinschaftsgeist, weil man auch schlicht aufeinander angewiesen war. Zur Gesellschaft: Die hat sich insgesamt verändert. Das merkt man auch in dieser Stadt. Sehen Sie, damals bestanden Freundschaften und Gemeinschaften auch explizit außerhalb der Arbeitszeit. Dies rührte wohl vor allem daher, dass die Arbeit noch einen zentraleren Stellenwert besaß, als das heute der Fall ist. Heute ist die Freizeit wichtiger geworden als die Arbeitszeit. Die Vereine müssen geradezu um Nachwuchs werben, die Vereinzelung innerhalb der Freizeit schreitet voran. Das Bedürfnis nach solchen Zusammenkünften und der Gemeinschaftsgeist waren damals stärker als heute. Wir finden heute ein viel breiteres Freizeitangebot als früher vor. So viel hat sich einem damals nicht geboten – was natürlich dazu führte, dass man selbst etwas auf die Beine stellte, sich etwas ausdachte. Wir waren ideenreich, was die Gestaltung der Freizeit anging. Ich stelle aktuell eine „Was-wird-mir-geboten?“-Haltung fest. Für uns war es ein Ereignis, wenn wir mal ins Kino gingen. Wir haben uns immer richtig herausgeputzt. Weniger war da oft mehr, möchte ich sagen. Der Mangel hat uns Kinder von damals nicht unglücklicher gemacht. Wir hatten halt nicht mehr, als uns zur Verfügung stand. Unsere Nachbarn, die mit uns im Hause wohnten, habe ich „Oma“ und „Opa“ genannt. Als meine Mutter Witwe wurde, haben wir diese Solidarität besonders erfahren dürfen. Und wir Kinder haben sowieso bärenmäßig zusammen-gehalten. Noch heute wohnen Hans und Hanna Ziegler da, zu denen immer noch eine enge Verbindung besteht. Meine Mutter hat bis 1996 dort gelebt.
Wolfsburg hat verschiedene Zuströme unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen erlebt: angefangen bei den so genannten Fremdarbeitern ab 1938, den Vertriebenen und Entwurzelten ab 1945 über die Italiener seit Anfang der 60er Jahre bis hin zu den Türken, Tunesiern und anderen in der jüngeren Vergangenheit. Was ist die Identität Wolfsburgs?
Wolfsburg musste erst zu einer Identität finden. Die war nicht „natürlicherweise“ da. Die Bevölkerung musste zusammenwachsen, zu einer Einheit finden. Das war in den stürmischen Aufbauzeiten, in denen fast jedes Jahr neue Stadtteile entstanden, nicht selbstverständlich. Für meine Kinder hatte diese Stadt jedoch von Anbeginn Identität, für sie bedeutet sie Heimat. Das haben die „Pioniere“ noch nicht so empfinden können. Das ist sicher die Besonderheit. Natürlich ist Wolfsburg eine Stadt des Automobils, das lässt sich nicht trennen. Schon allein von der Entstehung nicht. Das ist die berühmte Medaille mit zwei Seiten. Ich würde heute daher sagen, Wolfsburg ist eine Stadt der Auto-Mobilität. Eine Stadt, in der es jedoch nicht mehr nur um den Automobilbau geht, sondern um vielerlei mehr, was sich um die Auto-Mobilität der Gesellschaft rankt. Aber auch das ist nicht alles. Wir haben mittlerweile eine Stadt mit hoher Lebensqualität, mit einem hohen kulturellen Angebot, welches ausstrahlt. Denken Sie an das Kunstmuseum! Wir wachsen in diese Identität immer stärker hinein und – jetzt wechsle ich mal in die Vision, die ich auch als Oberbürgermeister habe – wir brauchen Identitätstiftende Bausteine. Die letzten Jahre haben ein Stück dazu beigetragen. Der VfL stärkt die Identität, die Autostadt, auch das phæno wird hier Maßgebliches schaffen. Aber es wird ein ständiger Prozess sein.
Nicht alle Funktionsträger aus Wolfsburg stammen wie Sie aus dieser Stadt. Carl Hahn hat seine Wurzeln ursprünglich in Chemnitz, Bernd Pischetsrieder, Peter Hartz, Justin Hoffmann, Dr. Susanne Pfleger oder Bernd Rodrian kommen ebenfalls nicht aus der Region. Warum trifft man sich in Wolfsburg?
Ja, weil Wolfsburg doch ’ne spannende Stadt ist und vieles anbietet – zum Beispiel hochwertige und zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Und Arbeit ist ja nicht nur der Job, es ist ja auch ein Stück Lebenserfüllung. Ich denke, das kann man hier in Wolfsburg finden. Und besonders der Aspekt des „Melting Pot“ – nicht das Zusammengewürfelte, sondern das Zusammengewachsene – das ist das Reizvolle, das ist der Reichtum dieser Stadt. Schauen Sie mal Städte gleicher Größenordnung an, die zwar Jahrhunderte Zeit hatten, sich zu entwickeln, die aber auch mehr oder weniger in Passivität, in Schlaf, in Bequemlichkeit verfallen sind. Wolfsburg konnte sich dies nicht leisten, Wolfsburg musste im Grunde immer nach vorn gehen, nach neuen Wegen suchen. Das ist schon der Pionier- und Innovationsgeist dieser Stadt.
Wolfsburg hat sich immer unter einem nicht zu vernachlässigenden Rechtfertigungsdruck befunden.
(trocken) Man muss sich fast entschuldigen, dass man da ist.
Wolfsburg, der parvenühafte Aufsteiger?
Ich muss Ihnen sagen, manchmal kam man sich so vor. Aber das hat sich geändert, wir sprechen mit den Nachbarstädten mittlerweile auf Augenhöhe. Wir spielen in einer anderen Liga. Was anderen manchmal nicht passt, aber nun ja ...
Die anderen werden sich an das andere Wolfsburg gewöhnen müssen …?
Ja, das tun sie ja bereits seit einigen Jahren, spätestens seit der Eröffnung des Kunstmuseums und der Autostadt. Lassen wir sie weiterüben.
Seit Ihrem Amtsantritt hat sich der Wind aus dem Rathaus nicht nur gedreht, sondern ist vor allem aufgefrischt. Die Verwaltung agiert mehr, als dass sie nur reagiert. Welchen Anteil davon könnte man auf Ihre Person zurückführen?
Meine Güte, Sie provozieren mit Ihrer Frage ja geradezu die Stimmen, die sagen: „Guck mal, jetzt lobt er sich selbst.“ (winkt ab) Nun gut, ich kam ja aus der Staatskanzlei. Neben dieser Erfahrung hat mir mein wirtschaftliches Wissen sicherlich nicht geschadet. Das war eher Kapital, als dass es von Nachteil war. Das Wissen um die Automobilindustrie führt dazu, dass man mit Partnern wie Volkswagen die gleiche Sprache sprechen kann. Zumindest würde ich es so beurteilen. Natürlich sind wir noch längst nicht da, wo wir hinwollen, haben aber schon viel erreicht. Oft auch durch schlicht glückliche Konstellationen, denn eine Stadt allein kann das nicht schaffen. Die Kräfte in der Region müssen gebündelt werden. Der Schulterschluss mit Volkswagen war dafür eine Grundlage. Das waren die guten Jahre für Wolfsburg.
Und jetzt? Gilt es, die schweren Jahre zu überstehen?
Wir sind wieder in schwierigem Fahrwasser, ja.
Vor fünf Jahren erwähnten Sie in einem Gespräch mit merklicher Erleichterung, dass die Stadt nun „wieder finanziellen Spielraum“ hätte. Wann werden Sie wieder eine ähnliche Äußerung machen können?
Das kann ich nicht voraussagen. Es setzt voraus, dass es der Wirtschaft wieder besser geht. Zunächst müssen wir noch laufende Projekte abarbeiten. Das phæno zum Beispiel war der große Kraftakt der Stadt für die kommenden Jahre. Eine Investition in die Zukunft der Stadt, auch wenn das jetzt noch nicht jedem klar sein mag.
„Wolfsburg hat die Urbanität erreicht“ ist ein weiteres Zitat aus dem Gespräch mit Ihnen im Jahr 1999. Die City-Galerie kommt zwar großstädtisch daher – was aber ist mit dem Umfeld, das ausblutet?
Als Bürger Rolf Schnellecke bekümmert es mich, wenn Traditionsgeschäfte schließen, seien das Namen wie Großkopf oder Vincent Müller. Das ist für mich persönlich ein Stück Wolfsburg, was verschwindet. Ein Verlust an Qualität, an individuellem Angebot. Nur: Wir stehen ja nicht allein da in dieser Welt. Wenn ich andere Städte betrachte, weisen sie die Tendenz zu den Ketten und damit den Rückgang an inhabergeführten Geschäften gleichermaßen auf. Viele schreckt die wirtschaftliche Unsicherheit ab, bestehende Geschäfte zu übernehmen oder eigene zu eröffnen. Aber jetzt wollen wir mal die Frage stellen: Was wäre ohne die City-Galerie? Ich muss Ihnen sagen, der Verlust an Kaufkraft bei weiter zurückgehender Attraktivität hätte sich fortgesetzt. Wir haben ja nachweisbar erhebliche Zugewinne an Kunden und Umsätzen zu verzeichnen. Wir hätten den Wandel im Verbraucherverhalten und damit im Einzelhandel auch so nicht aufgehalten. Es ist so ähnlich wie bei dem Thema Wohnungen und Wohnen in Wolfsburg. Da gibt es Stimmen, die sagen, die neuen Baugebiete führten nur zu einer Umverteilung. Dass die Menschen raus aus der Stadt in die Eigenheime im Umland zögen. Das ist richtig. Aber was wäre denn, wenn wir nicht diese Eigenheime anbieten würden? Dann wäre das, was sich hier 20 Jahre und mehr vollzogen hat, dass Tausende von Familien Wolfsburg verlassen haben, verstärkt worden.
Was ist eigentlich dran an dem Gerücht, dass Sie die Rotphasen der Ampeln an den Ausfallstraßen Wolfsburgs zur Feierabendzeit erhöht hätten, um den Frust der Pendler in Richtung Gifhorn zu erhöhen und sie so zum Umzug nach Wolfsburg zu motivieren?
(schmunzelnd) Ich möchte das nicht beantworten, aber … (schelmisch) freie Fahrt für freie Bürger, das hat doch auch seine Grenze … (lacht) Da muss man auch mal ein Stück Eigennutz walten lassen.
Noch einmal zurück zur negativen Ausstrahlung von Wolfsburgs Innenstadt. Was wünschen Sie sich für dieses Areal – und welche Perspektive halten Sie für realistisch?
Woran wir arbeiten müssen, ist die Atmosphäre. Am Wohlgefühl in der Innenstadt. Das habe ich von der ersten Stunde an unserer Stadtbaurätin ans Herz gelegt. Da werden wir auch hinkommen. Wir brauchen Geschäfte, die dem Kundenangebot gerecht werden, die preisgünstig sind und trotzdem Service bieten. Die Fußgängerzone ist die Achillesferse unserer Stadt. (unterbricht: – Ähm, wollen wir uns vielleicht in die Sofaecke legen, ich meine, setzen? Da isses vielleicht bequemer, um über solch unbequeme Themen zu reden!) (in der Sofaecke) So … Ja, die Innenstadt …
Man hört in der Öffentlichkeit verstärkt den Vorschlag, zumindest Teile der Porschestraße wieder für den Einkaufsverkehr freizugeben, wieder einen bepflanzten Mittelstreifen anzulegen wie einst …
Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob Sie heute in einer Fahrstraße wirklich noch so bummeln würden wie damals – gut, in Berlin, Unter den Linden, funktioniert das … Ich hoffe, dass man uns in 30 Jahren nicht ebenso vorwirft, falsch gehandelt zu haben, wie man es heute mit den damaligen Planern tut. Man kann so etwas nur immer aus der jeweiligen Zeit heraus betrachten. Und der Wandel vollzieht sich mittlerweile schneller, als wir und andere Generationen vor uns das gewohnt waren. Die Ansprüche werden höher, das, was heute gut ist und hoch gelobt wird, ist morgen schon wieder out – also, man kann fast dem Zeitgeschmack so schnell gar nicht hinterher-kommen. Früher hatten Sie Städtebau und Marktplätze, die über Jahrhunderte fast unverändert blieben. Wer nicht schon einen historischen Platz hat, kann das für sich kaum in Anspruch nehmen, weil die Neugestaltung auch von Städten inzwischen eine ungeheure Geschwindigkeit angenommen hat. Also, will sagen: Die Porschestraße ist das, wo wir unser Ziel noch nicht erreicht haben. Mit dem Goetheplatz, der Piazza Italia, sind wir auf dem richtigen Weg. Das hat Flair. Wenn wir jetzt noch die Sonne Italiens hätten, wären wir auch lebhaft und fröhlich in dieser Innenstadt. (lacht)
Apropos: Bedauerlich sind die neu gesetzten Poller auf dem Mittelstreifen der Piazza. Jetzt kann man gar nicht mehr italienisch parken …
Das erzählen Sie mal meinen Ordnungsleuten! Sie sind das also, der immer dagegen fährt!
Was kann baulich geschehen? Stichwort: die Pavillons inmitten der Fußgängerzone.
Wir haben da schon etwas von dem „Hineingebauten“ weggenommen und wollen das auch fortführen, aber das geht nur Schritt um Schritt. Unser erklärtes Ziel ist es, die Mitte der Fußgängerzone, das Zentrum, großzügiger werden zu lassen. Im Südkopf ist es uns gelungen, einen großen Verbrauchermarkt anzusiedeln, was eine gewisse Magnetfunktion verspricht. Im Norden sieht es noch nicht so gut aus. Wir hatten ja das Thema „Outlet-Center“ am bisherigen Hertie-Standort. Das wird aus heutiger Sicht dort nicht zu realisieren sein. Wir haben den Gedanken daran trotzdem noch nicht völlig aufgegeben. Man muss einfach eingestehen, dass sich der Handel in Deutschland momentan in einer Krise befindet. Die Kunden halten sich zurück. Jeder hat seine Grundausstattung, es sind andere Voraussetzungen als in der Gründungsphase dieser Stadt, in der jeder sich und seinen Hausstand aufbauen musste.
Es fehlt aber schlicht auch das Geld. Ein landläufiges Vorurteil gegenüber Politikern besagt ja, sie wüssten nicht mehr, was ein Stück Butter kostet. Wissen Sie es?
(nachdenklich) Ich weiß nur, dass die Packung Quark, die ich kaufe, inzwischen in Euro das Gleiche kostet wie früher in D-Mark. Die Lebenshaltungskosten sind extrem davongaloppiert, das entgeht mir durchaus nicht. Privat wie beruflich. Das ist sehr problematisch, zumal sich die Löhne nicht gleich entwickelt haben.
Die Menschen sind ängstlich und halten sich zurück. Sehen Sie den viel beschworenen Aufschwung?
Selbstkritisch muss ich sagen: Ich sehe ihn nicht. Ganz im Gegenteil. Die Probleme am Standort Deutschland sind erheblich größer geworden, das merken wir schmerzlich am Beispiel Opel. Opel ist für mich ein Zeichen, dass auch wir hier ein Stück am Abgrund stehen und aufpassen müssen, dass die Wettbewerbsfähigkeit – gerade die der Automobilindustrie Deutschlands – gehalten und nicht verspielt wird. Andere schaffen es – schauen wir nach Frankreich:10.000 Arbeitsplätze mehr im Automobilbau. Wir haben Fehler gemacht, sicherlich auch bei Volkswagen, aber das bloße Fingerzeigen auf die Manager, das ist mir zu wenig. Deutschland springt nicht an, insgesamt. Die Arbeitskosten sind so teuer geworden, dass wir Sorge haben müssen, den Anschluss an die weltweite Wettbewerbsfähigkeit wirklich zu verlieren.
Durch Eröffnen eigener Standorte in Osteuropa hat die deutsche Automobilindustrie diesen Trend zumindest verstärkt. Plötzlich schauen alle gen Osten und sagen: Sieh mal, wie kostengünstig das da alles ist.
Sicherlich. Ich sage ja auch nicht, dass die Menschen hier zu viel verdienen. Das wäre ja auch völlig widersinnig. Im Gegenteil. Aber wir müssen uns auch überlegen, ob es noch der richtige Weg ist, alle sozialen Kosten auf den Faktor Arbeit zu packen. Das hat seine Grenzen, die sind für mich schon überschritten. Die Welt dreht sich nicht immer so, wie wir es uns wünschen.
Wege aus der Krise stellen sich im Nachhinein immer als schlüssig dar. Gehen wir zurück ins Wolfsburg von 1994 …
Wolfsburg befand sich vor knapp zehn Jahren nicht nur in einer Krise – man wusste schlicht nicht, wo die Zukunft dieser Stadt und ihrer Menschen hingeht. Diese Krise ist mit ganz neuen Wegen gemeistert worden und das ist ein großartiger Erfolg. Möglich war er nur, weil hier alle gemeinsam an einer Lösung gearbeitet und sich nicht in kleinlichen Animositäten verrannt haben. Wir haben bereits 2002 die Halbierung der Arbeitslosenzahlen erreicht. Das ist die Stärke, die Wolfsburg bewiesen hat in der Not. Und aus der Krise erwachsen ja manchmal auch Chancen. Deutschland ist in keiner minderen Krise als Wolfsburg vor zehn Jahren. Wir sagen ja auch immer, wir sind so n kleines Brennglas für Gesamtdeutschland, eine konzentrierte Abbildung des Gesamtbilds. Daher würde ich mir für Deutschland eine ähnlich effektive Vorgehensweise wünschen wie damals – und auch jetzt wieder – in Wolfsburg. So etwas kann auch nur gesamtgesellschaftlich funktionieren, denn es sind ja keine bequemen Maßnahmen, die erforderlich sind.
Das „Modell Wolfsburg“ als Generalrezept? Geht es Wolfsburg gut, geht es auch Deutschland besser?
Das wäre übertrieben und wohl auch etwas vermessen. Aber es ist ein Denkansatzpunkt. Denn wenn es Deutschland insgesamt gut geht, geht es auch Wolfsburg wieder besser. Das muss man sehen. Wir sind gerne bereit, unseren Teil hierzu beizutragen. Und das tun wir bereits. Nicht umsonst hat Wolfsburg in einer Untersuchung aller 439 deutschen Städte und Landkreise das Prädikat „Deutschlands dynamischste Stadt“ erhalten, in der Zukunftsausrichtung auf Platz neun – als einzige Stadt nördlich der Mainlinie. Nur darauf dürfen wir uns jetzt nicht ausruhen. Auf der anderen Seite gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, hier vor Ort den Untergang des Abendlandes auszurufen. Wolfsburg ist weiterhin eine wohl situierte Stadt. Auch hätten wir den immensen Kraftakt der vergangenen Jahre nicht auf Dauer durchhalten können, wir müssen jetzt mal durchatmen.
In welchen Bereichen kann, muss und wird die Stadt agieren?
Wir möchten mehr sein als Industriestandort, an dem Ziel arbeiten wir intensiv. Dies bedeutet, dass wir uns jetzt auf die „weichen“ Standortfaktoren konzentrieren. Das ist zum einen die kulturelle Ausstrahlung, das Thema „Kulturhauptstadt 2010“. Das Stadtmarketing muss intensiviert werden, denn wir haben viel in der Entwicklung unserer Stadt erreicht, damit können wir jetzt auch mal ein wenig „klappern“. Die Bildung spielt eine zentrale Rolle, denn die Qualität der Schulen bestimmt unsere gesellschaftliche Zukunft. Auch ob Menschen nach Wolfsburg ziehen oder nicht. Das ist die Aufgabe für die zweite Hälfte des Jahrzehnts, in dem wir weniger in Beton und Infrastruktur investieren werden. Wir brauchen Angebote, die Lebensfreude und Qualität verkörpern. Von Durchschnitt haben wir genug.
Viele Wolfsburger nörgeln ungeachtet der Veränderungen über die Stadt. Zu Recht oder befinden sich die Einheimischen zu nah am Geschehen, um den Wandel zu bemerken?
An Letzterem ist eher was dran. Ich höre oft von Wolfsburgern, die sich über längere Zeit im Ausland aufhalten und in unregelmäßigen Abständen hierher zurück kommen, Äußerungen wie: „Das ist ja toll, was sich hier getan hat.“ Vielleicht kann man mit etwas Distanz eher Veränderungen wahrnehmen und deren Ausmaß erkennen, als das bei uns, die wir uns täglich in Wolfsburg aufhalten, der Fall ist.
Verlassen wir das Amtsumfeld des Oberbürgermeisters und kehren zurück zu Ihnen als Privatperson. Welche Orte in Wolfsburg suchen Sie als Bürger immer wieder gerne auf?
Das sind vor allem die Wälder rund um Wolfsburg: den Klieversberg, das Hasselbachtal, den Schillerteich. Ich bin der Natur verbunden und darüber hinaus passionierter Spaziergänger. Das ist ein schöner Ausgleich zum Dienst, der sich ja hauptsächlich in der Stadt vollzieht. (schaut nach draußen in den stärker werdenden Regen) Obwohl ich glaube, dass aus unserem Herbstspaziergang nun doch nichts mehr wird …
Was haben Sie privat für Wünsche?
Viele. Meine Frau und ich haben eine Liste mit Dingen, die wir uns für später vorgenommen haben. Momentan ist die Zeit etwas knapp für solche Wünsche. So nimmt man sich immer wieder vor: „Irgendwann machst du das!“ Schauen wir mal …
Sie selbst frönen dem Hobby des Sammelns klassischer Automobile …
Nun ja, als Sammler würde ich mich nicht bezeichnen. (macht entschuldigende und hilflose Geste) Die Autos finden einfach zu mir! (lacht) Manchmal habe ich sie auch einfach nur in der Scheune stehen lassen, weil es nicht mehr lohnte, sie zu verkaufen. Aber verschrotten …, nee, das ging nicht. Ich habe natürlich einen Käfer, ein Cabriolet, dann einen alten Golf. Mit dem Cabrio bin ich sogar mal mit Werner Schlimme zum Käfer-Treffen gefahren, mit einer über die Haube gezogenen Wolfsburg-Fahne. Während einer Konfirmation, zu der ich eingeladen war, kam ich mit einer Dame ins Gespräch, die mir erzählte, dass sie ihren Käfer in Zahlung geben wolle. „Was für einen Käfer denn?“, wollte ich wissen. Na ja, so einen 61er-Export, den hätte sie noch aus ihren Studentenzeiten und so weiter. Erste Hand! Der wurde dann sofort abgeholt und kam auf eigener Achse zurück nach Wolfsburg. Einen DKW Munga habe ich noch … und einen Trabant, aber schon mit dem Polo-Motor.
Wie viele Fahrzeuge besitzen Sie?
Puh …, tja …, sechs, sieben, acht. Aber es sind keine Besonderheiten, es sind einfach meine ehemaligen Alltagsautos. Bis auf zwei: ein Käfer aus der letzten Serie, so mit Weißwandreifen, und …
… ein Horch. Nun mal nicht so zurückhaltend!
Ja, der Horch 851 von 1935 hat natürlich eine Sonderstellung, da gebe ich Ihnen Recht. Der steht in der Gläsernen Manufaktur in Dresden als Ausstellungsstück. Das ehemalige Fahrzeug von Kaiser Haile Selassie. Schon schön. Sogar der Originalfahrzeugbrief existiert noch.
Im Alltag geben Sie sich bescheiden: Sie fahren VW Lupo.
Das ist einfach ein liebenswertes Auto, super in der Stadt, so schön wendig und handlich. Ich fahr ihn riesig gerne. Für weite Strecken habe ich aber, ich gebe es zu, noch einen Phaeton in der Garage stehen.
Die Garage nebst dazugehörigem Haus ist mit Heinrich Nordhoff verbunden. Was ist das für ein Gefühl, im ehemaligen Haus des Volkswagen Generaldirektors zu wohnen?
Anfangs hatte ich schon Sorge, dass man ein wenig vom Schatten der Vergangenheit befangen wäre. Was ich nicht negativ meine. Aber so nah an jemanden heranzukommen, vor dem man immer hohen Respekt und auch ein wenig Ehrfurcht hatte … Das habe ich hinter mir gelassen. Hier muss man leben und wohnen. Das Gefühl, nach einer stressigen Woche hier mit meiner Familie Ruhe zu finden und auch innerlich entspannen zu können, das ist ganz wichtig. Sonst kommen Sie sich ja vor wie der Hamster im Rad. Jetzt ist es ein ganz normales Haus, es ist gemütlich und lebendig. (überlegt) Eigentlich so wie Wolfsburg.
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