Oberbürgermeister Prof. Rolf Schnellecke und sein Blick auf Wolfsburg
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Durchfahrt verboten. Frei für Taxis, Linienbusse, Lieferverkehr, Rettungsdienste. Und den schwarzen Phaeton mit dem Kennzeichen WOB-OB 111. Trotz Hinweis des Fahrers: Oberbürgermeister Prof. Rolf Schnellecke verzichtet auf sein Sonderrecht. Wozu auch – er kennt ja schließlich den Schleichweg. „Sie können doch hier vorn einfach links abbiegen, dann gleich rechts“, dirigiert er den Mann am Steuer, das er in diesem Moment am liebsten selbst in der Hand hielte. Schnellecke ist eben durch und durch ein Macher im allerpositivsten Sinne und einer, der Wolfsburg kennt wie kaum ein anderer. An seinem Elternhaus und hoch über den Dächern der Stadt hat er mit dem freischwimmer Station gemacht, über das alte und das neue Wolfsburg, über Kindheitserinnerungen und Zukunftsvisionen gesprochen.
freischwimmer: Wenn Sie Ihre Augen schließen, welche Erinnerungen an das Wolfsburg Ihrer Kindheit haben Sie?
Rolf Schnellecke: Ich erinnere mich, dass es hier unglaublich viele Kinder gab, alle fest als Freunde verschweißt, viele Familien aus den verschiedensten Regionen, die nach dem Krieg bunt zusammengewürfelt wurden. Das war eine besondere Atmosphäre. Und dass man Rollschuh auf Plattenwegen gelaufen ist, denn der Asphalt war nicht von Anfang an da. Der runde Spielplatz dort, das war unser Treffpunkt, von dort aus sind wir durch die Innenstadt gestromert. Es war ein Paradies.
Das Paradies Ihrer Kindheit hat sich seit seiner Gründung permanent gewandelt. Von der Barackenstadt zur Stadt der Moderne: Wie intensiv haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?
Geradezu unmittelbar. Ich habe für unsere kleine Firma nach der Schule die Umzüge mitgemacht und später auch Güter ausgefahren. Von den 50er-Jahren bis in die 70er-Jahre hinein habe ich ganze Stadtteile entstehen sehen. Das war eine hochspannende Epoche; in kürzester Zeit hat sich eine ganze Stadt entwickelt. Jeder, der das miterlebt hat, fühlt sich tief mit Wolfsburg verbunden.
Die Verbundenheit hat gehalten, obwohl Sie während Ihres Studiums und in den ersten Berufsjahren viel herumgekommen sind: Hamburg, Göttingen, Braunschweig, die Staatskanzleien in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Trotzdem haben Sie sich für Wolfsburg entschieden. Rostet alte Liebe nie?
Nach meinem Staatsexamen hatte ich verschiedene sehr gute Angebote. Und ich habe mich ernsthaft gefragt, wohin ich gehe. In Wolfsburg fühlte ich mich gebraucht, da gab es schließlich das Familienunternehmen, das meine Mutter führte. Ich habe geheiratet, die Kinder kamen und die Überschaubarkeit Wolfsburgs erschien mir gegenüber einer Großstadt wie Hamburg das richtige Umfeld für meine Familie zu sein. Und ich freue mich heute, dass meine Kinder und Enkelkinder ebenso tief mit der Stadt verbunden sind, wie ich es war und bin.
Welches Vorurteil schmerzt den Wolfsburger Rolf Schnellecke da am meisten?
Dass Wolfsburg eine graue Industriestadt ist. Diese Aussage geht vollkommen an der Wirklichkeit vorbei. Wir sind grün, haben eine Umweltqualität und eine Lebensqualität wie kaum anderswo.
Und welchen Einfluss hat der Oberbürgermeister Rolf Schnellecke auf die Entwicklung hin zur Erlebnisstadt, zur Wohlfühlstadt genommen?
Mein Ziel als Oberbürgermeister war es, Wolfsburg aus der Vorstellung herauszuholen, es handle sich um eine Industriestadt, eine Arbeiterstadt. Doch ganz offen gesprochen: Wenn Volkswagen selbst nicht an manchen Stellen, etwa bei der Autostadt, der Auslöser oder, im Fall des Stadions, ein Partner gewesen wäre, wäre die Entwicklung so nicht möglich gewesen. Allerdings haben wir als Stadt viele wichtige Investitionen selbst getätigt und viele Institutionen selbst angeschoben, zum Beispiel das phæno. Es ist also beileibe nicht so, dass alles von Volkswagen abhängt.
War als Kind ein derart urbanes Wolfsburg für Sie vorstellbar?
Nein – und ehrlicherweise auch viel später noch nicht. Diese Entwicklung im Zeitraffer-tempo hat ja erst in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre mit dem Bau der Autostadt begonnen. Sie war letztlich der Auslöser dafür, dass hier mit einem Mal die Ideen so rasch gereift sind.
Hat Sie die Geschwindigkeit ein Stück weit selbst überrascht?
Ja. Das gebe ich zu. Dass eine derartige Entwicklung innerhalb von zehn, fünfzehn Jahren abläuft, war für mich kaum vorstellbar.
Beim städtebaulichen Dauerfeuer gab es doch mit Sicherheit Fehlschüsse …
Es gibt immer Irrungen und Wirrungen. Manchmal muss man auch den Mut haben, Planungen zu korrigieren. Ein konkretes Beispiel: Wo heute das phæno steht, sollte das sogenannte Stadthaus errichtet werden. Mit Abstand kann ich heute nur sagen: Gut, dass wir uns damals dagegen entschieden haben.
Und welche zukünftigen Entscheidungen stehen an?
Im Zentrum, in der Porschestraße, gibt es noch immer viele Gebäude, die eher auf eine Stadt mit 30.000 bis 40.000 Einwohnern – und als solche wurde Wolfsburg ja ursprünglich geplant – ausgelegt sind. Eine zweigeschossige Bauweise ist einfach nicht das, was eine Großstadt verlangt. Ein anderes Beispiel ist die Poststraße: hübsch und adrett, aber für das neue Wolfsburg einfach nicht zeitgemäß, da ist vieles schlichtweg überfällig. An einigen Stellen ist Wolfsburg noch Wild West, was natürlich aus der recht zweckmäßigen Aufbauzeit herrührt. Dessen muss sich die Stadt in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren annehmen.
Da sind Sie – wenn es für Sie so etwas überhaupt gibt – bereits Oberbürgermeister im Ruhestand. Nehmen wir einmal an, Sie bekommen in dieser Zeit die Aufgabe, einen Reiseführer über Wolfsburg zu schreiben: Welche drei Orte muss jeder Wolfsburg-reisende gesehen haben?
Den Bereich rund um phæno und Autostadt, das Schloss und das Hasselbachtal. Das sind nicht die drei großen Attraktionen, aber sie bilden die drei Facetten unserer Stadt ab.
Die Moderne, die Historie und die Natur …
In der Tat sind viele Besucher besonders über das Geschichtsträchtige überrascht. Da ist ja nicht nur das Schloss, sondern auch die Sankt-Annen-Kirche, die fast 1.000 Jahre alt ist. Das sind Orte, die zeigen, dass Wolfsburg nicht nur eine neue Stadt ist.
Gerade dieses neue Wolfsburg wandelt sich zusehends zur Stadt der Kultur. So sehr, dass man inzwischen von einem Überangebot sprechen kann?
Kulturangebote kann es nie genug geben. Das Hallenbad ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie ein historisches Gebäude wie das Schachtweg-Schwimmbad in das neue Stadtentwicklungskonzept integriert wird. Ich wünsche mir ganz persönlich, dass nicht nur die großen Einrichtungen, sondern auch die kleinen Institutionen und Initiativen zu festen Impulsgebern für das kulturelle Leben werden, die kleinen Dinge an der Basis. Das Tanzende Theater ist da ein hervorragendes Beispiel – persönlich möchte ich aber gerade Jugendkultur noch stärker gefördert sehen. Junge Menschen sollen mehr Möglichkeiten bekommen, sich einzubringen.
Ist das auch ein Wunsch, der aus der eigenen Geschichte herrührt? Also: Waren Sie schon als Kind der Anführer in Ihrer Bande? Der Klassensprecher? Oder kam das mit der Zeit?
Klassensprecher war ich zumeist, ja, aber ich habe niemals daran gedacht und mir träumen lassen, dass ich einmal erster Bürger der Stadt werden würde. Es lag mir jedoch schon etwas daran – das war auch entscheidend für meine Berufswahl –, gesellschaftliche Dinge mitzugestalten und nicht erst als Anwalt oder Richter verfahrene Sachverhalte nachträglich zu beurteilen. Das war auch der Grund, weshalb ich nach meinem Staatsexamen als Referent bei der Stadt Wolfsburg angefangen habe. Und das hat mir Freude bereitet. Dabei habe ich eigentlich nie vorgehabt, mal in der Verwaltung zu landen.
[AKa - Alexander Kales für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]