THEATERMANN - DURCH UND DURCH
© Altschaffel
Der Besuch beim 53-Jährigen beginnt mit einem Fototermin auf der Probebühne des Wolfsburger Theaters. Die Probebühne ist ein Raum hoch über der eigentlichen Theaterbühne mit einer großen Fensterfläche, die einen weiten Blick über Wolfsburg freigibt.
Nervosität macht sich bei Rainer Steinkamp breit. Es ist immer eine schwierige Situation für den, der gleich fotografiert wird. Der Fotograf schraubt noch an seiner Nikon, der Regen prasselt gegen die Scheiben und der neue Intendant des Theaters dehnt sich etwas die Glieder an der Stange. Er schaut auf die ihm noch neue Stadt und sagt: „Das ist wohl mein Publikum." Er lacht und fährt fort: „Die Schornsteine sind mein Publikum."
Ein humorbegabter, offener Mensch, der Zusammenhänge schnell erfasst und den ebenso direkten wie konzentrierten Zugang zu seinen Zeitgenossen sucht. Ein Theatermann durch und durch. Rainer Steinkamp ist kein distinguierter Schöngeist im edlen Tuch, er hat schon so ziemlich jede Arbeit an einem Theater gemacht: vor, hinter und auf der Bühne. Er gehört zu denen, die ihren Beruf nicht nur ausüben, er ist ein Überzeugungstäter. „Ich bin kein Genie wie Frank Castorf oder Peter Zadek, aber wohl ein ganz guter Handwerker." Sagt er von sich. Während des Shootings unterhält er sich nebenbei mit seinem technischen Leiter über anstehende Projekte. Was uns, als wir kurz darauf in der Theaterkantine sitzen, direkt ins Thema führt.
Herr Steinkamp, was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger?
Rainer Steinkamp: Meine Vorgänger haben das Haus zu einem Diamanten gemacht und ich will, dass dieser Edelstein in einem neuen Glanz erstrahlt. Wenn der Vorgänger so lange am Haus war, dann ist es die Aufgabe des neuen Chefs, die Fenster und Türen aufzumachen. Ich will das Haus lüften und für neuen Wind sorgen. Vielleicht nur so weit: Ich möchte niedrigschwelliges Theater machen, klein, persönlich und interaktiv. Darüber hinaus lege ich großen Wert darauf, mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten. Ansonsten führe ich die Arbeit meines Vorgängers weiter.
Haben Sie Angst vor den sehr guten Besucherzahlen von Hans Thoenies?
Nein, das zeigt nur die gute Arbeit von Thoenies und die Theaterbegeisterung der Wolfsburger. Das ist für mich eher ein Anreiz als ein Gefühl von Angst.
Sie waren in Hameln am Theater, haben das Haus dort sehr lange geleitet, fast 15 Jahre, warum jetzt der Wechsel nach Wolfsburg?
Der Reiz, der Kick auf was Neues war schon da und Wolfsburg hat ein tolles, schönes Theater. Wolfsburg selbst finde ich auch schön und ist sehr überraschend. Da gibt es historische Traditionen, Fallersleben, Hesslingen und gleichzeitig dieses moderne junge Wolfsburg. Diese Spannung finde ich sehr interessant.
Was war für Sie der wichtigste Grund, hier- herzukommen? Das Haus? Die Lust an einem Wechsel oder gar die Stadt, das hörte sich eben fast so an?
Alles zusammen. (Zögernd spricht er weiter.) Gut, wenn Sie es genau wissen möchten, dann war ausschlaggebend für mich, was hier in dieser Stadt in den letzten zehn Jahren passiert ist. Wolfsburg hat nicht die historischen Wurzeln wie zum Beispiel die Stadt Hameln – aus der ich ja gerade komme. Wolfsburg macht aber ganz viel im sozialen und kulturellen Bereich, um sich Wurzeln über diese beiden Segmente zu geben. Segmente, die in anderen Städten immer nur als Geldfresser angesehen werden. In Wolfsburg wird noch viel Kultur ausgebaut, aktuell zum Beispiel das Hallenbad mit seinen kulturellen Angeboten.
Also doch die Stadt?
Die politische Ausrichtung der Stadt. Ich sehe einfach, dass hier jede Menge für Kultur getan wird, dass ganz viel versucht wird möglich zu machen. Hier liegt offensichtlich ein Schwerpunkt. Es sollen Wurzeln geschaffen werden für die Menschen, die ja nicht nur hier arbeiten, sondern auch wohnen wollen. Ich bin hier anlässlich des Bewerbungsgesprächs zu Fuß vom Bahnhof durch die ganze Stadt zum Rothehof gelaufen, durch die Porschestraße, einmal querdurch. Habe mir bewusst die Stadt angeschaut. Was sind das für Menschen, habe ich mich gefragt, mit denen du hier dann lebst? Es hat mich einfach gereizt. Die Stadt hat was sehr Ehrliches in vielen Dingen, kann sich nicht verstecken. Sie ist immer noch dominiert von Ihrem großen Arbeitgeber, dieser riesigen Industrie, entweder du hast VW im Rücken oder vor Augen, das ist für mich sehr spannend. Nein, ich sehe das als große Herausforderung für mich.
Wie war der erste, persönliche Eindruck vom Haus?
Das Theater ist für ein Haus ohne eigenes Ensemble eines der besten Häuser im deutschsprachigen Raum. Viel größer geht es nicht mehr. Den Scharoun-Bau finde ich unglaublich schön und wunderbar. Es ist ein gigantischer Luxus, dieses Haus. Heute würde so kein Theater mehr gebaut werden, wenn man allein das riesige und sehr lange Foyer anschaut. Die Philosophie, die dahintersteht. Sich langsam aus dem Alltag zu lösen, diesen weiten Weg zu einer wie auch immer gearteten Form von Kunst zu gehen – wunderbar. Das würde man heute nicht mehr in solch einer Form machen. Heute baut man ökonomisch normiert und so weiter. In diesem Haus gibt es zum Beispiel keine rechten Winkel. Das ist traumhaft. Es kommen immer wieder Architekturstudenten, die das Haus aufgrund seiner Schönheit besichtigen. Es ist einfach ein tolles Gebäude und besitzt in der Theaterwelt einen sehr guten Ruf, was die Mitarbeiter angeht. Bühnen kommen sehr gerne hierher, auch weil das technische Personal sehr professionell und gut arbeitet.
Die Frage von vorhin umgedreht: Wissen Sie, weshalb Sie ausgewählt wurden, das Haus in Zukunft zu führen?
Ich bin der Beste! (Lacht und winkt gleich wieder ab.) Nein, ich weiß es konkret nicht. Ich kann mir vorstellen, dass meine Leidenschaft für das Kinder- und Jugendtheater einen Ausschlag gegeben hat. Die Stadt, das ist mein Eindruck, macht ja viel für Kinder und Familien. Vielleicht war das ein wichtiger Grund.
Warum ist Ihnen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wichtig?
Kinder und Jugendliche können durch die Theatererfahrung Anerkennung erfahren, die sie sonst, warum auch immer, vielleicht nie haben. Diese Anerkennung bekommen sie aber nur, wenn sie sich im Vorfeld disziplinieren. Sie müssen sich an Absprachen halten, Texte lernen, müssen genau auf ihre Umwelt reagieren. Theater ist ein sozialer Vorgang – hier können die Heranwachsenden, die ja immer mehr vereinzeln, eine Erfahrung von Gemeinschaft machen. Gewisse Erfahrungen kann der Mensch eben nur in einer Gemeinschaft machen. Hier erlebt man gemeinsam schöne, traurige oder aggressiv machende Dinge. Hinterher kann man darüber sprechen, streiten, sich austauschen. Das ist wie beim Fußball, auch wenn im Theater während der Vorstellung weniger getrunken wird.
Wie stehen Sie zu dem immer wieder zu hörenden Vorwurf, dass das Theater zu viel Prominenten- und Boulevardtheater macht? Stichwort: Herbert Herrmann?
Es existiert offensichtlich ein Bedürfnis nach solchen Stücken. Für mich gibt es dann eben ein Kriterium und ich denke, dass das Hans Thoenies bisher genauso gesehen hat. Boulevard ist etwas Legitimes, weil es eben auch schwer ist, wenn es gut gemacht sein soll. Wenn ich also Boulevard anbiete, bemühe ich mich darum, möglichst diejenigen Schauspieler zu bekommen, die das Genre am besten beherrschen. Herbert Herrmann zum Beispiel beherrscht dieses Genre ganz hervorragend. Prominente ziehen auch solche Zuschauer zu Stücken ins Theater, die sonst nicht kommen würden. Wir haben vor Kurzem Anna Karenina mit Katja Riemann gezeigt. Ich bin mir sicher, dass wir bei einem solchen Thema nicht so einen Zuspruch erlebt hätten, wäre diese fantastische Bühnenschauspielerin Katja Riemann nicht dabei gewesen. Wenn ich also den sogenannten Star in seinen Fähigkeiten und seinem Ruf nutzen kann, dann finde ich das völlig legitim.
Wenn das Theater der Spiegel der Gesellschaft und der Spiegel seiner Zeit ist, welches Stück würde dann Wolfsburg widerspiegeln?
Überlegt, lächelt, überlegt noch mal und sagt dann: "Darf ich das beim nächsten Interview beantworten?"
Rainer Steinkamp hat sichtbar zwei oder drei Stücke im Kopf, die ihm zu Wolfsburg einfallen. Vielleicht traut er sich nicht oder ist sich in seinem Urteil noch nicht so sicher. Lassen wir den Mann erst mal ankommen und zudem ist das ein guter Spannungsbogen für ein Interview im nächsten Jahr.
Hau