Otto Ferdinand Wachs im Gespräch mit dem freischwimmer
© Altschaffel
Die Voraussetzungen für das Interview sind nicht die günstigsten. Einem vorher festgelegten Plan folgend, soll vor dem Gespräch der Fototermin im Hafenbecken stattfinden und das noch vorhandene Licht genutzt werden. An einem lauen Sommerabend eigentlich kein Problem. Zwei Boote sind für das Shooting vonnöten: erstens das Boot unseres Protagonisten und ein zweites Boot für den Tross mit dem Fotografen. Vor dem Besteigen der Boote wird noch gewitzelt, ob auch jeder an Bord seinen „Freischwimmer“ hat, denn man weiß ja nie! Journalisten lieben den Wortwitz und fürchten ihn gleichsam.
Otto Ferdinand Wachs soll das historische wunderschön aufgearbeitete Rivieraboot der Autostadt aus den 40er-Jahren vor der immer wieder spektakulären Kulisse der Autostadt und des Kraftwerks fahren, das zweite Boot fährt zu unserer Überraschung ein Koch aus dem Sternerestaurant Aqua. Um es vorwegzunehmen: Der Koch fährt das Beiboot formidabel und auch Otto Ferdinand Wachs durchmisst das Hafenbecken mit Bravour. Es fällt niemand ins Wasser hinein, nein, das Problem kommt ganz unerwartet von oben. Nach wenigen Augenblicken geht ein heftiger Regenguss auf uns nieder und wir sind der Naturgewalt schutzlos ausgeliefert – die Boote haben kein Dach, keinen Rückzugsraum. Zum Erstaunen aller bricht der Chef der Autostadt die Aktion nicht sofort ab, sondern hat trotz der Widrigkeiten großen Spaß am Motorbootfahren. Eine gute halbe Stunde gleiten wir durch das Hafenbecken, schaukeln die verbliebenen Tretschwäne und ihre jugendlichen Besatzungen durcheinander, versuchen mit der Situation gelassen umzugehen und werden nass bis auf die Haut. Wie gesagt: Die Voraussetzungen sind nicht die besten. „Sturmfest und erdverwachsen“, geht es uns durch den Kopf und tatsächlich bringen Wind und Regen Otto Ferdinand Wachs nicht aus dem Konzept. Als Chef der Autostadt und durch seine langen Jahre im Volkswagen Konzern sind ihm Disziplin und Härte auch immer ein Schutz, das sagt er selbst von sich. Dabei bleibt er stets außergewöhnlich zuvorkommend, freundlich und professionell. Er weiß in jeder Sekunde, für wen er das macht: die Autostadt. Nach dem Shooting im Regenguss treffen wir uns im The Ritz-Carlton mit Blick auf das Kraftwerk, welches sich während unserer Unterhaltung im beginnenden Dämmerlicht bläulich im Fenster zu spiegeln beginnt.
freischwimmer: Wir haben beim Fototermin im Hafenbecken gesehen, dass Sie trotz der Nässe Ihren Spaß mit dem Boot und recht unkomfortablen Bedingungen hatten. Ist es als echter „Hamburger Jung“ vielleicht auch wichtig, einen Arbeitsplatz so direkt am Wasser zu haben?
Wachs: Mein Element war von Kind an das Wasser. Ich bin mit Blick auf die Elbe groß geworden, habe daher also immer auf einen Fluss geschaut und komme aus einer Seglerfamilie. In meinen früheren Funktionen, sei es im Ausland oder als Kommunikationschef, habe ich mich immer wieder nach dem Wasser gesehnt. Ich habe mich gefreut, wenn Fahrzeugpräsentationen am Genfer See stattfanden oder auf Sardinien. Wasser, das ist für mich immer: Entspannung, Erholung, die Seele baumeln lassen.
Gerade im Hafenbecken hat sich das nicht nach Entspannung angefühlt. Es war sehr windig und hat plötzlich sehr stark geregnet. Wir waren überrascht, dass Sie so lange durchgehalten haben. Immerhin waren wir ja schon nach fünf Minuten richtig nass und Sie haben trotzdem fast eine halbe Stunde versucht, für unseren Fotografen in Position zu fahren.
Das Element Wasser kann sich sehr rasch verändern. Man muss sich hier immer auf die Eventualität von schnell geänderten Bedingungen einstellen. Es kann sehr windig werden, sehr stürmisch oder, wie wir es hier eben erlebt haben, auch mal regnerisch und da hat man auf dem Wasser bei so einem Boot dann wenig Möglichkeiten. Bei schlechtem Wetter können Sie sich vielleicht einen Südwester anziehen oder Ölzeug, aber Sie müssen auf der Brücke Ihren Mann stehen. Sie müssen die Verantwortung dennoch tragen. Sicherlich hätte ich mir auch gewünscht, dass die Fotosituation etwas angenehmer gewesen wäre, aber das ist dann so und man muss auch mit schwierigen oder unangenehmen Situationen umgehen können.
Die Umsetzung des Projekts „Autostadt“ war bestimmt nicht immer einfach. Haben Sie das von Anfang an mit großer Begeisterung betrieben oder war die neue Aufgabe eine gewisse Bürde?
Wenn man Kommunikationschef eines so großen Konzerns ist, dann ist das schon eine sehr interessante, aber auch verantwortungsvolle Aufgabe. Sie vertreten und sprechen stellvertretend für das Unternehmen und tragen die Verantwortung. Sie kommen nebenbei sehr in der Weltgeschichte herum. Sie erleben viel. Sie lernen eine große Zahl Menschen kennen. Dabei haben Sie natürlich auch viel Stress, immerhin ist es ein harter Job. Ich hätte damals, als das Projekt „Autostadt“ an mich herangetragen wurde, lieber den Job als Kommunikationschef weitergemacht. Das war ein Sprung ins kalte Wasser und mir war klar, dass es sich um ganz besonders kaltes Wasser handelte, weil eben auch niemand wusste, was daraus werden würde …
Zieht man da die Möglichkeit des Scheiterns immer mit in Betracht?
Wenn es misslungen wäre, dann würde ich heute nicht an diesem Tisch sitzen. Es war damals schon ein ziemliches Wagnis und es gab auch viele Widerstände. Nach sehr kurzer Zeit habe ich aber sehr viel Unterstützung gespürt. Insbesondere von den maßgeblichen Personen des Vorstands und des Betriebsrats. Auch diejenigen, die in der Stadt Verantwortung trugen, haben mir geholfen, ich denke da an Herrn Schnellecke. Es waren wenige, aber eben die entscheidenden Personen, die letzten Endes auch diese Stadt geprägt und verändert haben in den 90er-Jahren.
Ist man aus dieser Sichtweise froh, dass man so etwas wie die Movimentos Festwochen auf den Weg bringen konnte, die ja heute nicht nur die Autostadt, sondern auch Wolfsburg mit seiner internationalen Anerkennung schmückt?
Wer hätte geglaubt, dass sich hier eines der maßgeblichen europäischen Festivals etablieren würde? Wir sind in diesem Jahr im achten Jahr eines Festivals, das mehr oder weniger in einem Atemzug mit den großen Festivals in Europa – sei es Salzburg, Bayreuth oder Lyon – genannt wird. Einerseits kann man sehr dankbar sein, dass Volkswagen die Möglichkeiten dafür gegeben hat, andererseits musste man auch mit vielen anderen Menschen hart dafür arbeiten. Ich habe meine ganze Karriere Volkswagen gewidmet, für den Außenauftritt des Konzerns gearbeitet und das mache ich heute noch in der Autostadt. Da freut es mich natürlich, wenn Wolfsburg auch so anerkannt wird, wenn diese Stadt auf der Landkarte nicht nur industriell, sondern seit einigen Jahren auch touristisch und zunehmend kulturell eine Rolle spielt. Wolfsburg war ja schon immer eine moderne Industriestadt, auch eine moderne Architekturstadt. Doch das Kulturelle, das durften wir – zusammen mit dem Kunstmuseum Wolfsburg – ganz entscheidend prägen.
Was hat Sie am Anfang an dieser Aufgabe gereizt, was hat Sie motiviert?
Zum einen bekam ich die Möglichkeit, als relativ junger Mann, 1995 war ich noch keine 40 Jahre alt, mir Gedanken darüber zu machen, wie man die Beziehung zwischen den Kunden und Volkswagen verdichten könnte. Zum anderen stand mir die Tür offen, mich in der Welt umzuschauen und Ideen zu sammeln. Ich merkte schnell, dass diese Herausforderung für mich eine viel persönlichere und freiere Aufgabe war als alles, was ich vorher gemacht hatte. Hier gab es zu Anfang ja gar nichts: Es gab lediglich eine grüne Wiese, um nicht zu sagen eine braune, und Öltanks. Vornehm ausgedrückt, es war die Rückseite des VW Werks. Ich bin also losgezogen und habe mich in den verschiedenen Kulturen umgeschaut. Die Aufgabe war, die Hauptstadt von Volkswagen aufzuwerten, sie interessanter und lebenswerter zu machen. Die Gedanken gingen in Richtung Fahrzeugauslieferung und Auto-mobilmuseum. Letztlich ist daraus viel mehr geworden. Es war für mich sicherlich die anstrengendste Zeit in meinem Leben, denn das war eine ziemliche Herkulesaufgabe. Es gab viele, die daran nicht glaubten, sich diese Vision und die Veränderungen Wolfsburgs einfach nicht vorstellen konnten.
Eine Veränderung, die auch sehr augenscheinlich ist, findet sich in der weltläufigen Gastronomie der Autostadt. Geben Sie dem Standort hier eine zusätzliche geistige oder auch kulturelle Öffnung? Zum Beispiel der Spagat in die asiatische Welt mit dem ungewöhnlichen Restaurant ANAN.
Die Gastronomie und das Erlebnis von gutem Essen sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Konzepts. Wenn wir hier nur die VW Currywurst anbieten würden, wäre das zu wenig. Wir dürfen uns nicht nur darauf zurückziehen, was man sowieso von Volkswagen erwartet. Volkswagen ist der am globalsten ausgerichtete Automobilhersteller der Welt. Schon immer gewesen übrigens – und denken Sie an den asiatischen Markt. Da wäre es doch fatal, wenn wir in der Hauptstadt von Volkswagen nur gute niedersächsische Hausmannskost anbieten würden. Ich glaube, wir tun gut daran, die internationale Volkswagen-Welt auf der Kommunikationsplattform auch widerzuspiegeln. Am Anfang ist das ANAN nicht sehr gut gegangen, weil alle gesagt haben: Japan ist Sushi. Das ist es aber nicht. Die japanische Ernährung besteht wesentlich aus der Suppenküche und dies ist das wahre Leben auf der Straße, das wollten wir auch zeigen und zugänglich machen.
Welche Rolle spielt der Aspekt der Dienstleistung im Konzept der Autostadt?
Die wichtigste. Es war zum Beispiel ein genialer Schachzug, das The Ritz-Carlton gleich am Anfang hierher zu holen. Es ist eines der führenden Luxushotels und richtungweisend bei sehr guten Dienstleistungen. Das ist natürlich ein tolles Vorbild für den gesamten Park. Wir bedienen hier das ganze Jahr über die Bedürfnisse unserer Besucher. Da können wir hinstellen, was wir wollen, wenn der Gast unaufrichtig, muffig oder unfreundlich bedient wird. Wenn die Dienstleistung also nicht stimmt, dann geht er nach Hause und hatte einen schlechten Tag. Mit der Autostadt, einem der größten Arbeitgeber der Region, ist ein Wandel von einem reinen Industriestandort hin zu einem stärker dienstleistungsgeprägten Ort geglückt. In diesem Bereich sind ganz neue zukunftsweisende Arbeitsplätze in Wolfsburg entstanden.
Es kommen immer wieder Weltstars und Legenden in Ihr Haus: Liza Minnelli, Sting oder auch Paul Anka. Empfindet man in solchen Momenten Stolz über das Erreichte oder Demut, ein wichtiger Teil davon sein zu dürfen?
Ja, sicher beides. Wenn ich aber Ja sage, dann meine ich damit, dass es nicht ganz einfach ist, das öffentlich zu zeigen, weil ich hier natürlich eine Person des öffentlichen Interesses bin.
Vielleicht nicht speziell auf der Bühne, sondern dann in dem Moment, wenn Sie auf dem Weg nach Hause sind.
Es gibt viele besondere Momente und außergewöhnliche Situationen, an die ich mich gerne erinnere – etwa dieser Auftritt mit Liza Minnelli auf der Bühne, der ja sehr persönlich war. Ich denke auch gerne an den gemeinsamen Rundgang mit Sting durch unsere Ausstellung „Level Green“. Seine ruhige, sympathische Art, sein Interesse am Thema Nachhaltigkeit und sein eigenes soziales Engagement haben mich sehr beeindruckt. Auch seine zurückhaltende Anwesenheit beim wunderbaren After-Show-Konzert seiner Bandmitglieder um Dominic Miller im Hallenbad, nach dem Auftritt im Volkswagen Kraftwerk, bleibt unvergesslich – eine wahre „Jam-Session“ und ein gelungener Abend, der für mich erst gegen drei Uhr am Morgen beendet war.
Als unser Gespräch beendet ist, legt sich die Nacht langsam über die Stadt, wir treten vor die Autostadt und ihr Glanz spiegelt sich im inzwischen ruhig gewordenen Gewässer. Was bleibt uns von diesem Gespräch? Dass wir vom freischwimmer den „Freischwimmer“ gar nicht benötigt haben und vielleicht die Erkenntnis, dass mit Otto F. Wachs in dieser Ausgabe ein echter Kapitän an Bord ist. Und für ihn? Die Anerkennung und die vielleicht schönste Belohnung, die man einem hart arbeitenden VW-Manager noch zukommen lassen kann: eine halbe Stunde Entspannung in seinem Lieblingselement.
[Hau - Nikolaus Hausser für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]