Nicole Froberg: Eine einmalige Chance
© Altschaffel
Das Forum Architektur, untergebracht im Alvar-Aalto-Kulturhaus, leistet seit Jahren vorbildliche Arbeit für die Architektur der Stadt und dient vielen Besuchern als Anlaufstelle. Dennoch dürfte Nicole Froberg, die Leiterin dieser kleinen Institution, den meisten Wolfsburgerinnen und Wolfsburgern unbekannt sein. Mit der aktuellen Ausgabe des freischwimmers starten wir eine Serie über Architektur in der Stadt. Denn Wolfburg ist geradezu gespickt mit interessanten und besonderen Gebäuden. Stararchitekten aus der ganzen Welt haben in den vergangenen Jahr-zehnten ihre Spuren in der Stadt hinterlassen und diese wirken inzwischen auch anziehend auf Touristen. Architektur ist ein wichtiges Thema und ein Imageträger für Wolfsburg geworden. Ein guter Anlass, sich mit Nicole Froberg zu treffen und etwas über die Baukultur der Stadt und die Arbeit des Forums Architektur zu erfahren.
In der Ausstellung des Forums Architektur zum 70. Geburtstag Wolfsburgs war folgender Satz über die Stadt zu lesen: „Wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dann Wellen schlägt." Wie ist das zu verstehen?
Nicole Froberg: Ich habe in der Vorbereitung auf diese Ausstellung nachzuvollziehen versucht, in welchen Abschnitten die Stadt entstanden ist. Am Anfang dachte ich, dass sich die Stadt chronologisch entwickelt hat, in den 50ern war dies und in den 60ern das und so weiter. Ich habe dann gemerkt, dass es eher schubweise passiert ist. Die Bauten sind in einer bestimmten Abfolge entstanden und dieser Abfolge ähnelt das Bild des Steines, der in das Wasser fällt. Die Industriebauten von Volkswagen lösen eine sozusagen ursprüngliche Entwicklung aus. Zweitens müssen Menschen untergebracht werden, die hier arbeiten sollen. Das geht so einige Zeit und dann kommt Anfang der 50er Jahre etwas, das man Lebens-bedürfnisse nennt, also Kindergärten, Geschäfte und interessanterweise auch Kirchen. Erst nachdem man alles Zwingende hat, kommen nach einer gewissen Ruhepause die Kulturbauten hinzu. Dahinter steht der Gedanke, jetzt, wo wir eine richtige Arbeitersiedlung sind, wollen wir auch eine richtige Stadt werden.
Letztlich gibt es aber, gemessen an der Stadtgröße, eine überdurchschnittliche Dichte an Kulturbauten – Kulturtempeln möchte man sagen. Hat das etwas mit dieser Sehnsucht nach einer „richtigen Stadt" zu tun?
Meiner Ansicht nach hat das mit denjenigen zu tun, die hier die Kultur aufgebaut haben. Ihnen war bewusst, dass es die Chance, eine neue Stadt zu bauen, nur einmal gibt. Genau genommen gibt es so eine Chance ja gar nicht. Wo werden schon Städte gegründet und wo ist schon so viel Platz vorhanden? Es war die Gelegenheit, eine moderne Stadt mit den städtebaulichen Ideen des 20. Jahrhunderts zu gründen. 1958 traute man sich dann, den großen Alvar Aalto zu fragen, und machte damit sehr positive Erfahrungen, denn der hat schon am gleichen Tag gesagt: „Ja, ich mache das." Damit konnte man in den darauf folgenden Jahren auch immer mutiger werden. Auf diese Weise sind dann das Theater, das phæno und viele weitere Gebäude entstanden. Natürlich werden diese Architekturen auch Imageträger für die Stadt.
Könnte man sagen, dass Wolfsburg mit dem Alvar-Aalto-Kulturhaus das Prinzip Leuchtturmarchitektur* schon 40 Jahre vor Bilbao erfunden hat? Bilbao hat mit seinem spektakulären Museumsbau von Frank O. Gehry diese Phase offiziell – oder zumindest medial erstmals so beachtet – eingeläutet.
Ob die Stadtplaner in Wolfsburg es damals bewusst erfunden haben, weiß ich nicht, aber sie haben sicher gemerkt, was dieser Bau für einen Effekt hat. Die ganze Welt schaute auf dieses Gebäude. Knapp zehn Jahre später wurde daraus ein richtiger Wettbewerb und den gewann dann bekanntlich Hans Scharoun mit seinem Theater. Das war im Hinterkopf, als es um das phæno ging, und mit den positiven Verstärkern im Hintergrund ließ sich ein solches Projekt auch umsetzen. Heute sieht man, wie stolz die Wolfsburger auf ihre Architektur sind.
Daran würde sich ja die Frage anschließen, ob sich durch diese Art der Leuchtturm-architektur das in der Öffentlichkeit doch sehr zementierte Image der Stadt verändern lässt?
Schwierig. Ich würde sagen, es gibt vornehmlich drei Außenbilder von Wolfsburg: die Volkswagen-Stadt und die NS-Stadtgründung – das wird kein Architekturtempel aus dem Weg räumen können. Aber Wolfsburg ist auch die moderne Stadt und die Menschen kommen von weit her, um sich diese Stadt anzuschauen, da wirken diese Highlights natürlich. Jedes Jahr führen wir vom Forum Architektur ca. 10.000 Besucherinnen und Besucher durch die Stadt, die tatsächliche Zahl der Architekturtouristen liegt aber weitaus höher. Fast jeden Tag begegnen mir Touristen im Alvar Aalto Kulturzentrum. Wolfsburg gilt als Pflichtprogramm für Menschen, die sich mit Stadtplanung auseinandersetzen. Dass das Thema Architektur zu einem allgemeinen Image für die Stadt wird, daran muss man halt arbeiten.
Was ist denn die genaue Arbeit des Forums Architektur in Wolfsburg?
Das Thema Architekturvermittlung in allen Bereichen. Kinderakademien, ernsthafte Vorträge, Aus-stellungen, Publikationen und so weiter. Die Schwierigkeit – und auch die Chance – ist, dass wir keine Vorbilder in diesem Bereich haben. Wir sind die einzige kommunale Einrichtung in Deutschland, die sich um das Thema Baukultur kümmert. Kultur ist in Städten immer nur Musik, Literatur und
Kunst – den Gedanken, Baukultur und Architekturkultur als eigenes Kulturthema anzusiedeln, gibt es nirgends, nur in Wolfsburg.
Nun sind die bekannten Gebäude bekannt und entdeckt. Gibt es noch Themen und Gebäude, die es in und für Wolfsburg zu entdecken gilt?
Das Kirchenthema ist sehr spannend für Wolfsburg, schließlich wurden im Laufe von 26 Jahren 24Kirchen gebaut. Man kann ganz genau sehen, wie sich Kirchenbau im 20. Jahrhundert entwickelt:
von den Kirchenburgen direkt nach dem Krieg und den Erfahrungen daraus bis hin zu Multifunktions-kirchen, die dann auch zunehmend Stadtteilfunktion übernehmen und sich öffnen für immer weitere Aufgaben. Das zweite Thema, das in Wolfsburg sehr spannend ist, ist das Thema Wohnungsbau. Im Vergleich zu den Kulturbauten ist dies jedoch stets sehr schwer zu vermitteln, dabei liegt es doch so viel näher an den Menschen, weil jeder wohnt. In Wolfsburg hat man in jedem Jahrzehnt tolle Wohnungs-baukonzepte umgesetzt.
Können Sie uns da ein Beispiel nennen?
Die Wohnanlage von Professor Friedrich Spengel in Westhagen. Westhagen wird ständig eher negativ überschrieben, aber die Wohnanlage ist von der Architektur und den Ideen her betrachtet sehr fortschrittlich. Man kann sich diesem architektonischen Komplex jedoch sehr schwer nähern, weil es eben privat bewohnt wird und das macht es auch sehr unzugänglich.
Kann es sein, dass es noch nicht so im Bewusstsein ist, dass Architekturkultur sehr viel mit uns selbst zu tun hat?
Mittlerweile wird schon erkannt, dass Baukultur eine größere Rolle für die Menschen spielt.
Die Gründung der Stiftung Baukultur des Bundes ist ein Indiz dafür. Baukultur ist neben Kunst, Literatur und Musik ein wichtiger Wert für eine Gesellschaft – speziell für die Schulen. Menschen müssen für Architektur und Baukultur sensibilisiert werden. Das sieht man beispielsweise in Finnland. Wenn man sich dort bekannte Architektur anschaut, haben auch die normalen Menschen immer auch ein eigenes Interesse und auch das Wissen, etwas über das Gebäude zu erzählen – es ist ihre Kultur. Das sieht in Deutschland anders aus. Da merkt man wieder, wie viel Arbeit das noch ist. Vielleicht ist das auch gut so, denn sonst wäre die eigene Stelle ja überflüssig ...
[Hau]