
Das große deutsche Drama „Nathan der Weise“ endet mit einer Versöhnung der drei großen monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam. Die religiösen Spannungen und Kriege müssen, so die Aussage des Stücks aus der Zeit der Aufklärung, überwunden werden, weil wir letztlich eines sind: eine Gemeinschaft von Menschen. Und so lautet die letzte Bühnenanweisung von Gotthold Ephraim Lessing: „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.“ Die Hoffnung, die der kluge Dichter in diesem Stück ausspricht, ist auch 230 Jahre nach seinem Tod noch nicht erfüllt. Nicht nur die „Sarrazin- Debatte“ des letzten Jahres hat gezeigt, dass viele Vorurteile gegenüber dem Islam in höchstem Maße virulent sind. Quer durch alle Schichten haben sich eine Islamophobie und eine Furcht vor dem vermeintlich Fremden eingestellt, die zu nichts Gutem führen können. Vorurteile jedweder Art sind eine Quelle zwischenmenschlicher Kontroversen und Auslöser ethnisch-religiös motivierter Konflikte. Denn schon wie es der Wortsinn nahelegt, ist ein Vorurteil ein Urteil, welches jemand fällt, bevor er es auch wirklich genau und wahrhaftig überprüft hat. Da ist es sehr wohltuend, wenn in eine überhitzte Debatte eine Person tritt, die sachlich, menschlich und überlegt zwischen den Parteien vermittelt und sehr genau nach Wahrheiten, Wirklichkeiten und Bedürfnissen der Betroffenen schaut. Eine solche Person ist Mohamed Ibrahim, der Imam der Wolfsburger Moschee und Leiter des Islamischen Kulturzentrums. Der Mann, so viel darf man vorwegnehmen, ist für die Stadt ein Glücksfall. Wir haben ihn zu seiner Herkunft befragt, zu seinem Weg vom Naturwissenschaftler zum islamischen Geistlichen und zu Fragen der Integration von Muslimen in Deutschland. Hauptsächlich wollten wir ihn aber als Person kennenlernen, um auch noch die letzten Reste eigener Vorurteile zu bannen. Im Schlussteil des Gesprächs hat er uns mit seinem Wissen über die deutsche Literatur beeindruckt und uns Hermann Hesses „Stufen“ ansatzlos rezitiert. Die am Ende des Interviews abgedruckten Zeilen dürfen auch gerne als unser Kommentar zur Islam-/ Integrationsdebatte gelesen werden. Es geht schlicht um Menschlichkeit, darum, dass wir Menschen uns nicht mit dem Gestern und alten Vorurteilen beschäftigen sollten, sondern mit dem Morgen und den Möglichkeiten, die in uns allen stecken.
freischwimmer: Herr Ibrahim, können Sie uns etwas darüber erzählen, woher Sie stammen?
Mohamed Ibrahim: Ich bin auf der Sinaihalbinsel geboren und in einer schon sesshaft gewordenen Beduinenfamilie groß geworden. Wir haben damals nicht in richtigen Häusern gewohnt. Ich kann mich noch erinnern, dass die Hütten ganz früher aus Palmenzweigen waren. Dort im Ort habe ich dann die Grundschule besucht, später in einem Nachbardorf die Mittelschule und dann das Gymnasium.
War es der Wunsch Ihrer Eltern, dass Sie ein Abitur machen, dass Sie studieren, oder war es Ihr eigener Antrieb?
Das hat sich schlicht nach den Noten entschieden. In Ägypten haben die Eltern natürlich den Wunsch, dass ihren Kindern eine gute Ausbildung zuteil wird, am besten ein Ingenieur- oder Medizinstudium.
Was haben Sie nach dem Abitur gemacht? Sind Sie sofort in die Universität gegangen?
Ich war zwar immer gut in der Schule, aber selten der Beste, nur im Jahr meines Abiturs. Da hat es sich so ergeben, dass ich der beste Abiturient im Norden des Sinais gewesen bin – dadurch habe ich ein Stipendium für ein Maschinenbaustudium in Deutschland erhalten. Und damit hat dann meine Geschichte mit Deutschland begonnen. Ich hatte das weder geplant noch etwas dafür getan, es hat sich so für mich ergeben.
Hatten Sie einen Plan, mit dem Sie nach Deutschland gekommen sind?
Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, die Sprache gut zu können, und habe in dieser Zeit – auch mit Landsleuten – nur Deutsch gesprochen. Das hatte dann zur Folge, dass ich schon nach einem halben Jahr ganz gut sprechen und verstehen konnte. Später habe ich dann auch das Große Deutsche Sprachdiplom (GDS) am Goethe-Institut gemacht, meine Sprachkenntnisse sind also zertifiziert. (lacht)
Sie sind dann ziemlich schnell wieder nach Ägypten zurück. Warum?
Ich fühlte mich einsam und war am Anfang des Studiums nicht glücklich. Ziemlich schnell bin ich allerdings wieder nach Deutschland zurückgekommen. Zum einen konnte ich so meine Familie unterstützen und zum anderen hatte ich gesehen, dass mich die Ausbildung in Kairo nicht so voranbringen würde wie ein Studium in Deutschland. Ich war dann 1993, jetzt ohne Stipendium, erst noch ein Jahr in Heidelberg und danach bin ich nach Karlsruhe zum Studium der Elektrotechnik gegangen und später habe ich dann Wirtschaftsingenieurwesen studiert. (lächelt)
Das klingt aber sehr wechselhaft ...
Ja, das ist wahr, da kam wohl der Beduine in mir wieder durch. (lacht)
Wann hat bei Ihnen die religiöse Ausbildung begonnen?
Das religiöse Interesse war bei mir schon fast immer da. In der Grundschule habe ich kurze Suren und Gebete gelernt. Ab und zu habe ich da schon meine Schulkameraden im Gebet geleitet. Später mit 15, 16 habe ich mich dann verstärkt um Literatur, um den Koran gekümmert, mit 18 war ich dann freiwillig als Imam tätig und ich hätte das auch sehr gerne studiert. Aber wie ich schon anfangs sagte, bestand, geprägt durch meine guten Noten, der Wunsch durch das Umfeld, dass ich einen technischen Beruf erlernen sollte.
Gab es bei Ihnen einen Umbruch, an dem Sie entschieden haben, den religiösen Weg zu gehen?
Meiner Ansicht nach gab es da keinen Umbruch. Bei mir ging es in der Schul- und Studienzeit immer mehr in die Richtung Naturwissenschaften/Technik. In meiner Freizeit habe ich mich für die Religion interessiert. Als ich nach Deutschland zog, suchte ich den Kontakt zu Muslimen, um vor allem das Freitagsgebet zu verrichten. Mit einer kleinen Gruppe in Heidelberg taten wir dies damals im Kellerraum eines Studentwohnheims. Dort habe ich angeboten, eine Freitagspredigt zu halten, und die religiöse Tätigkeit hat sich dann über die Jahre ehrenamtlich, erst in Heidelberg und dann in Karlsruhe, entwickelt. Nach einigen Jahren war mir klar, dass ich das ganze Wissen langsam systematisieren muss, und dann hatte ich die Möglichkeit, das in einem Fernstudium zu tun. Am Ende des Studiums war ich ganz offiziell islamischer Theologe und Wirtschaftsingenieur.
In Karlsruhe waren Sie einer der Vorsitzenden der dortigen Christlich-Islamischen Gesellschaft, die sich für die Verständigung zwischen diesen beiden Religionen einsetzt, und auch hier in Wolfsburg zeichnet sich Ihre Arbeit durch eine besondere Offenheit aus.
Nur durch Offenheit und Aufeinanderzugehen kann man einander kennen lernen und Verständnis füreinander entwickeln. Meine Kenntnisse der deutschen Sprache helfen mir sehr in diesem Bereich. Durch Sprache gelingt eben Kommunikation und damit auch Integration. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Menschen für uns im Islamischen Kulturzentrum interessieren und den Kontakt zu uns suchen. Immer wieder haben die Zeitungen über die Aktivitäten hier berichtet und jüngst gab es auch überregionale Beiträge im Fernsehen.
Durch diese Berichte haben Sie auch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Nimmt man die Rolle als medialer Vertreter für den Islam gerne an, zumal als positives Beispiel für einen integrativen, weltoffenen Islam?
Das ist natürlich nicht leicht, da man als einzelne Person für eine ganze Religionsgemeinschaft steht. Das heißt, bei allem, was im Namen dieser Religion begangen wird, denken die Leute direkt an den Herrn Ibrahim und vor allem die Medien wollen von diesem Herrn Ibrahim eine Stellungnahme haben.
Wie kommt aber Ihre Rolle als islamischer und progressiver Geistlicher in Ihrer Gemeinde an? Das ist doch schon nicht so ganz gewöhnlich ...
Das ist ein interessanter Punkt. Wenn die Medien über mich berichten, dann verwenden sie gerne Aussagen wie „Herr Ibrahim predigt einen modernen Islam“, oder andere nicht klar definierte Begriffe. Da kommen natürlich Mitglieder und fragen, was ist das denn genau für ein „moderner Islam“ von dem da gesprochen wird? Für mich ist das mein Islam, so wie ich ihn gelernt habe, so wie ich ihn verstehe und auch lebe. Entsprechend gebe ich dies auch weiter. Manchen Menschen und Medien scheint das dann „modern“ zu sein. Man kann aber auch darüber diskutieren, ob „modern“ immer gut ist!
Nun, wenn Sie jetzt wie in dem schon erwähnten Fernsehbericht von Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sprechen, dann wirkt das schon modern und diese Thematik wird von anderen Imamen bestimmt anders interpretiert.
Meine Aufgabe und auch meine Pflicht ist es, meine Meinung zu äußern. Diese Meinung entnehme ich natürlich meiner Religion, d.h. meinem Religionsverständnis und meinem Verständnis der Schriften. Die Benachteiligung der Frauen, sollte es die im Namen der Religion geben, ist oft bedingt durch die Traditionen oder ein falsches Verständnis der Schriften! Eine weitere Aufgabe für mich ist es, die Menschen in meiner Gemeinde für die Gesellschaft hier zu sensibilisieren.
Wie beurteilen Sie diesen Prozess und sehen Sie einen positiven Wandel?
Ich denke, dies ist tatsächlich ein Prozess, der seine Zeit braucht. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die erste Generation größere Probleme mit einer Anpassung hat und größere Brüche zwischen sich und der Mehrheitsgesellschaft spürt. Das bemerke ich in vielen Gesprächen. Der Zeitfaktor ist das entscheidende Moment und wenn es jetzt dazu kommt, dass wir in Deutschland Imame und deutsch-muslimische Religionslehrer ausbilden, dann wird in der Zukunft vieles anders sein als jetzt.
Was sind wichtige Themen, die Sie hier im Zentrum mit den Menschen diskutieren?
Ein Thema ist zum Beispiel die Kindererziehung in einem Umfeld, welches nicht islamisch ist, und wie die Kinder dadurch dennoch nicht automatisch zu Außenseitern werden. Es geht darum, sich nicht abzuschotten und trotzdem die Werte und den Glauben zu transportieren. Ein anderes Thema ist das muslimische Keuschheitsprinzip vor der Ehe: wenn junge Männer und Frauen es erleichtert haben möchten, früh zu heiraten und die Vorstellungen ihrer Eltern etwas andere sind. Da gibt es viel Bedarf für Vermittlung zwischen den Generationen.
Wenn wir über Integration sprechen, dürfen wir Sie fragen, in welcher Sprache Sie Ihre Kinder erziehen?
Wir erziehen unsere Kinder zweisprachig, wobei die Hauptsprache schon Deutsch ist. Uns ist die arabische Sprache deshalb wichtig, weil wir möchten, dass unsere Kinder auch mit den Verwandten in Ägypten kommunizieren können und auch diesen Teil ihrer Kultur besser verstehen lernen. Bildung ist uns generell sehr wichtig. Wir haben zu Hause zum Beispiel keinen Fernseher, keine Computerspiele, ich denke, das lenkt die Kinder nur vom Wesentlichen ab.
Ihnen ist die Sprache sehr wichtig, auch die Trennschärfe bei Begrifflichkeiten. Können Sie uns erläutern, warum das so wichtig ist?
Ja, weil die Dinge, wenn sie nicht klar gesagt werden, falsch verstanden werden. Es ist wichtig, dass die Botschaft klar und unmissverständlich ankommt. Bei Schlagwörtern wie Integration hat jeder eine ganz eigene Vorstellung. Wenn ich Stellung nehme zu einem Sachverhalt, dann möchte ich mich auch klar positionieren und versuche dann auch klar zu formulieren.
Kommt da bei Ihnen der Naturwissenschaftler zum Zug?
Weiß ich nicht, kann aber natürlich sein.
Woran kann man Integration, also eine gelungene Integration, von Muslimen messen?
Ich mache das immer an zwei Dingen fest: erstens an der Kenntnis der deutschen Sprache und zweitens an der Gesetzestreue. Ohne diese zwei Dinge kann keine erfolgreiche Integration stattfinden. Gesetzestreue meint, dass die Gesetze ihre Verbindlichkeit haben, für alle gleich und von allen zu respektieren sind. Die deutsche Sprache ist wichtig, um überhaupt fähig zu sein zu kommunizieren und um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.
Integration ist ja nicht nur ein muslimisches Problem.
Ja, nur bei den Muslimen werden alle Probleme direkt als muslimisch definiert. Man betrachtet muslimische Familien oft nicht als Individuen mit jeweils eigenständigen Bedürfnissen. Diese Bedürfnisse, ich sprach vorher von Werten, die in Familien weitergegeben werden, sind aber auch sehr wichtig. Es gibt in der gesamten Gesellschaft viele abgeschottete Gruppen mit eigenen Interessen – ob das jetzt Kegelvereine sind, ob sich Menschen in Gruppen für Literatur oder Theater interessieren. Ich würde das als ganz normal ansehen.
Wie kann man diese Denkmuster, die in vielen Diskussionen auftauchen, durchbrechen?
Wichtig ist in der Debatte das Interesse an den anderen Gruppen und dass es eine Bereitschaft gibt, sich aufeinander zuzubewegen. Diese Offenheit gilt sowohl für die deutsche Mehrheitsgesellschaft wie für die Muslime und andere Gruppen.
Und wie läuft bei Ihnen persönlich die Integration? Sie sind seit 2007/08 mit Ihrer Familie in Wolfsburg. Fühlen Sie sich hier wohl und fühlt es sich schon heimatlich an?
Auf jeden Fall fühlt es sich so an, auch wenn der Weggang nach 13 Jahren Karlsruhe nicht einfach war. Wir fühlen uns wohl in Wolfsburg und meine Kinder gehen hier gerne zur Schule. Und zur persönlichen Integration möchte ich sagen, dass ich in zwei Ländern zu Hause bin. Ich fühle mich in beiden Kulturen wohl und möchte weder auf die eine noch auf die andere Seite verzichten.
Gibt es Felder, in denen Ihnen die Integration besonders gut gelingt?
Besonders wohl fühle ich mich in der Welt der Literatur, das betrifft sowohl arabische als auch deutsche Autoren. Wenn ich nach Ägypten fahre, dann nehme ich mir deutsche Bücher mit und wenn ich dann wiederkomme, dann habe ich einen Stapel arabische Bücher bei mir. (lacht) Man kann das so interpretieren, dass es eine Sehnsucht nach der jeweils anderen Kultur gibt.
Dürfen wir fragen, welche Bücher Sie beim letzten Mal nach Ägypten mitgenommen haben?
(lacht wieder) Ja, „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig oder auch Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“.
Ein Bildungsroman und ein Buch über das deutsche Bürgertum? Klingt nach einem klassischen Bildungsbürgerkanon. Gotthold Ephraim Lessing haben Sie vermutlich dann auch gelesen?
Ja, von Lessing natürlich „Nathan der Weise“. Gerne lese ich aber auch Weltliteratur in deutscher Sprache wie Miguel de Cervantes, Lew Tolstoj, Paulo Coelho oder Tchingis Aitmatow. Mein Lieblingsautor ist aber Hermann Hesse, von dem ich viele Bücher gelesen habe.
Von Hermann Hesse kennen die meisten Deutschen wohl allenfalls das Gedicht „Stufen“, welches im Übrigen hervorragend zur (nicht nur muslimisch geprägten) Integrationsdebatte passt mit seiner berühmten Textzeile „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne ...“
Genau, und (rezitiert aus dem Kopf weiter): „Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen, Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.“
Danke schön, Herr Ibrahim, dies ist eine würdige Schlussrede zum Thema, wie Integration gelingen kann – dem haben wir nichts mehr hinzuzufügen.