
Die Kunstschau „documenta 6" mit Manfred Schneckenburger als künstlerischem Leiter setzte sich mit einer zunehmend medial geprägten Gesellschaft auseinander. Die Kunst verließ ihren bis dahin begrenzten Rahmen und durfte, auch mit unkonventionellen Mitteln, in Kontakt zu den Menschen treten. Die auf der „documenta 6" ausgestellten Werke provozierten die Bevölkerung von Kassel und faszinierten das international angereiste Publikum; unter diesem der noch junge Schweizer Markus Brüderlin, der zu Besuch bei seinem in Kassel studierenden Bruder war. Dass Kunst eigenständig und gleichzeitig in der Gesellschaft verhaftet sein sollte, war für den bis dahin naturwissenschaftlich orientierten Brüderlin ein Motiv, seine Lebens- und Berufspläne zu ändern. Seit diesem Datum im Sommer 1977 widmet er sein Leben der Kunst und steht bis heute in ihrem Bann.
In Basel aufgewachsen und zur Schule gegangen, waren ihm Museumsbesuche nicht fremd. „Als Schweizer kommt man mit Skiern zur Welt – als Baseler wächst man mit dem Kunstmuseum auf." Basel war schon in jenen Tagen eine Stadt mit einer vielfältigen Museumskultur. Für Markus Brüderlin war nach dem prägenden Erlebnis in Kassel sein Weg vorgezeichnet. Er verließ die oberrheinische Heimat für viele Jahre.
Nach dem Abitur beginnt er ein Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie in Wien. Die österreichische Metropole hat ihn, den Schweizer, nachhaltig geprägt. „Als protestantisch erzogener Jüngling habe ich 17 wunderbare Jahre im katholischen Wien verlebt. Zwar soll in Paris die Moderne erfunden worden sein, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dies ein Missverständnis ist. Die Moderne wurde nämlich in Wien erfunden, allerdings 1934 wieder abrupt abgeschafft", erläutert Markus Brüderlin und lehnt sich schmunzelnd zurück. Wien war Anfang der 80er-Jahre gespickt mit Persönlichkeiten, welche die Kunstwelt prägten. Peter Weibel hielt an der Hochschule für angewandte Kunst seine legendären Vorlesungen, ebenfalls Bazon Brock und Peter Gorsen. Joseph Beuys war da, allerdings nur kurz: Man hatte ihn aus dem Sacher rausgeworfen, da er seinen Hut nicht ablegen wollte. Für den jungen Markus Brüderlin war Wien ein Mekka der Kunstinstitute und einer aufblühenden Kunstszene: „Irgendwie war der Osten von der Schweiz aus zunächst nur dunkel und finster. Wenn man nach Wien kam, spürte man unmittelbar den weiten Osten. Wien war und ist bis heute eine Stadt, die es zu entdecken gilt und die unglaublich fruchtbar ist. Heute findet sich in Berlin eine ganz ähnliche Situation."
In Wien betätigte er sich nach dem Studium als Kritiker und Kunstpublizist und begann unter anderem in der renommierten Wiener Secession Ausstellungen zu kuratieren. Mitte der 90er-Jahre übernahm Brüderlin den viel diskutierten Job des Bundeskurators des österreichischen Bundesministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst, gründete die Kunstzeitschrift „Springer" und den „Kunstraum Wien". 1996 folgte er dem Ruf der Heimat und wurde künstlerischer Leiter der neu gegründeten Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.
Vor zwei Jahren dann trat er die Stelle als Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg an. Eine weitere Karrierestufe? „Natürlich, ein eigenes Haus zu leiten ist etwas Fantastisches. So merkwürdig das aber klingen mag: Bei mir gibt es kein Karrieredenken, sondern es entsteht alles aus der Arbeit heraus. Die Kunst hält mich gefangen. Ein Fluch und Segen zugleich. Die richtigen Dinge kommen auf einen zu durch gute Arbeit. Wichtig ist eine aufrechte und ehrliche Haltung gegenüber der Kunst und der eigenen Profession." Was begegnet also dem helvetischen Weltbürger in der niedersächsischen Industriemetropole? „Wolfsburg ist, wie der Historiker Christoph Stölzl einmal schrieb, „die deutscheste Stadt Deutschlands." Dieser sicherlich treffenden Einschätzung fügt er hinzu: „Wenn man mal die Romantik ausblendet und dafür die Moderne einblendet." Es ist allgemein bekannt, dass es nur wenig Orte in der Bundesrepublik gibt, die sich, zumindest städtebaulich, so nahtlos ins Projekt der Moderne einfügen lassen. Nirgends ist das Erbe der Moderne – auch die Schwierigkeit dieser Hinterlassenschaft – besser zu verstehen als in Wolfsburg. Wieder die Moderne in Brüderlins Leben. Diese Theorie, die das 20. Jahrhundert prägte wie keine andere, sucht einen Umbruch in allen Bereichen des Lebens gegenüber der Tradition, ist einem Glauben an die Zukunft und an die Entwicklungsfähigkeit der Menschen geschuldet. Deutschlands Aufbruch in die Wirtschaftsgeschichte des mittleren und späten 20. Jahrhunderts ist in Wolfsburg allenthalben spür- und verortbar. Von diesem Weg zeugen am symbolträchtigsten die vier Fabrikschlote jenseits des Kanals, das kaum zu überschätzende Alvar-Aalto-Kulturhaus in der Stadtmitte und das Scharoun-Theater auf dem Hügel am Südkopf. „Der Bau des Kunstmuseums", so Markus Brüderlin, „ist dann der Ausgangspunkt des neuen Wolfsburgs nach der Wende, das ins 21. Jahrhundert hineinstrahlt. Es war stilprägend, denken wir an die Autostadt. So gesehen ist Wolfsburg ein großes Kunstmuseum, als radikale Neugründung gar ein einziges Kunstprodukt." Markus Brüderlin glaubt weiter, dass man, wenn man die Globalisierung im Kleinen studieren will, sich an Wolfsburg halten sollte. Denn: „Wolfsburg liegt näher bei Dubai als bei Berlin. Im Positiven wie im Negativen."
Wenn Markus Brüderlin seine Sicht über die Dinge darlegt, fängt er gerne an zu zeichnen. „Das mache ich, um die Sachen plastischer zu gestalten." Er betreibt die Vermessung der Welt, immer im Zusammenhang oder mit den Mitteln, welche die Kunst ihm bietet. So weist seine Arbeit auch immer über diesen Kontext hinaus und ordnet Kunst. Die besondere Geschichte der Stadt sichtbarer und noch öffentlicher zu machen sowie gleichzeitig die Bevölkerung mit internationaler Kunst zu konfrontieren, die sich genau an diesen Schnittstellen bewegt, beschreiben seine Programmatik sehr treffend.
Markus Brüderlin ist ein Mensch, der viel von der Welt sieht, häufig reist und aus der Beschäftigung auch einen Mehrwert ziehen möchte. Sichtbares Zeichen dieser Auseinandersetzung ist der Japangarten im Hof des Museums, den er zu Beginn seiner Amtszeit versprochen und mittlerweile umgesetzt hat. Ein stiller meditativer Ort findet sich hier, dessen Größe und Ausstrahlung so ganz anders sind als alles andere in der Stadt und sich doch wie ein Puzzleteil in das Ganze einfügt.

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.
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