
Das Ganze hat ostdeutsche Wurzeln: In der ehemaligen DDR rief man in den späten sechziger Jahren eine Klasse für Rennboote der Marke Eigenbau ins Leben, die sich einer großen Fangemeinde erfreute. Unter der Bezeichnung HR-1000 (Historische Rennboote) wurden in Ostdeutschland aufgrund der akuten Mangelwirtschaft Zweitaktmotoren der DDR-Luxusmarke Wartburg mit einem Liter Hubraum eingebaut, die normalerweise 55 Pferdestärken leisteten, durch Mechanikerkunst jedoch auf locker 100 PS aufgepeppt werden konnten. Erich Honnecker ging, HR-1000 gab Gas: Die Sportart überlebte die Wende. Und jetzt? Ausgerechnet ein „Wessi“ in Gestalt des 34-Jährigen Lars Katzorke aus Fallersleben brachte es nach der Umbenennung in Formel R-1000 und einigen Regeländerungen im Jahr 2003 sogar zum deutschen Meistertitel und auf Platz drei in Europa.
Sehr spät kam Katzorke zu der für hiesiges Verständnis eher ungewöhnlichen Sportart. 1996 begleitete er den ehemaligen Bootrennfahrer Wolfgang Barth zu einem Formel-HR-1000-Rennen nach Magdeburg. Das Powerboatfieber erfasste ihn und der begeisterte Motorradfahrer heuerte bei einem Rennstall zunächst als Helfer und Mechaniker an. Bereits ein Jahr später kaufte sich Katzorke ein eigenes gebrauchtes Chassis und Motor. Unzählige Stunden Heimarbeit und eine finanzielle Investition in der Größenordnung eines guten Mittelklassewagens später war das Ding betriebsbereit. Dies reichte im ersten Rennjahr immerhin für Platz elf. Die Leistungskurve Katzorkes, der heute für den Yachtclub Hoffmannstadt Fallersleben e. V. startet, zeigte in den kommenden Jahren steil nach oben.
2003 wurde die Klasse in Formel R-1000 umgetauft. Ein Teil des Regelwerks blieb bestehen. Der Antrieb umfasst weiter einen Liter Hubraum und muss ein Vergasermotor sein, Turbos und Einspritzer bleiben tabu. Das Motorengehäuse muss mindestens zehn Jahre alt sein. Hinter Katzorkes Rücken dröhnt nun der Motor aus einer Unfall-Honda des Typs CBR-900, aus dem der in der Qualitätssicherung der Volkswagen AG tätige 34-Jährige durch Eigenleistung, mit Mathy Universal-M Hochleistungsadditiv für das Motorenöl und anderen Tuningkomponenten stattliche 150 PS herauskitzeln konnte. Ein gleichwertiger Austauschmotor steht immer bereit. Diese Leistung reicht aus, um das maximal 150 Kilometer pro Stunde schnelle Boot aus Flugzeugsperrholz und Kohlefaser vergleichbar mit einem Ferrari der Formel 1 nach 50 Metern bereits auf 100 km/h zu katapultieren. Bei dieser Geschwindigkeit liegt das Boot (Typ Dreipunkter) lediglich noch mit drei Punkten im Wasser. Die Drehzahl ist äquivalent mit der des Markenmotorrads: 12.000 Umdrehungen pro Minute leistet das Aggregat. Dreimal legen die Konkurrenten den insgesamt 12,5 km langen Rundkurs beim Wettkampf zurück. Die jeweils errungenen Punkte werden anschließend addiert. Wer die meisten Punkte auf dem Konto angesammelt hat, wird Deutscher Meister.
Katzorke ist bescheiden. Fast nebenbei erzählt der gelernte Industriemechaniker, dass er auch den Geschwindigkeitsweltrekord für die Bootsklasse hält, den er am 16. Oktober 2003 auf dem englischen Lake Windermere aufgestellt hatte. Eine Woche hielten sich Lars und Vater Joachim Katzorke sowie Helfer Matthias Waßmus auf der britischen Insel auf, um zweimal eine Strecke von jeweils einem Kilometer Länge mit Vollgas hin- und zurückzulegen. Die Messung ergab eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 144,2 km/h. „Ich bin der einzige Nichtbrite, der im berühmten K7-Club Ehrenmitglied wurde“, sagt Katzorke mit einem Lachen.
Der Preis für diesen Spaß? 15.000 Euro muss das Team, zu dem auch noch Andreas Lenke gehört, pro Jahr investieren, um die Saison über die Bühne zu bringen – der Großteil dieses Betrags speist sich aus Eigenkapital. Ein Hauptsponsor würde ein großes Stück weiterhelfen.
Risiken bergen auch plötzlich auftretender Wind und die Möglichkeit, dass sich die Nase des fünf Meter langen und zwei Meter breiten Bootes durch Luftströme unerwartet anhebt. Ein Überschlag ist nicht unwahrscheinlich und kann nur durch entsprechend dosiertes Wegnehmen des Fußes vom Gaspedal verhindert werden. Katzorke verdrängt die Unfallgefahr während des Rennens. „Eigentlich habe ich während des Rennens mehr Angst um den Motor.“
Ungefährlich ist der Sport auch aus anderer Sicht nicht. Häufig kommt es zu Unfällen, die für einige Mitstreiter bereits mit dem Tod endeten. Zum Teil bis auf zwei Zentimeter kommen sich die Rennboote nahe, wenn sie an den Bojen die Richtung wechseln. Katzorke geht gehandicapt ins Rennen. In der Region Wolfsburg existieren weder See noch Fluss, auf dem das rund 260 Kilogramm leichte Boot zum Einsatz kommen darf. „Auf dem Kanal sind maximal 8 km/h erlaubt. Die schaffe ich schon mit dem Anlasser“, lacht Katzorke. Hinzu kommt: Es herrschen hohe Sicherheitsstandards. Während jeden Rennens oder Trainings müssen ein Arzt und Rettungstaucher anwesend sein. Dreimal legen die Konkurrenten den insgesamt 12,5 Kilometer langen Rundkurs beim Wettkampf zurück. Die jeweils errungenen Punkte werden anschließend addiert. Wer die meisten Punkte auf dem Konto angesammelt hat, wird Deutscher Meister.
Traditionell pilgern auch heute noch die meisten Zuschauer in den neuen Bundesländern an die Rennstrecke. Beim ersten Rennen zur Europameisterschaft waren es 10.000 Fans. „Je weiter der Rennzirkus Richtung Osten zieht, desto mehr Anhänger findet der Sport“, weiß der Fallersleber. In Polen zog es einmal sogar 30.000 Zuschauer ans Ufer.
Ausgerechnet zwei Leguane mit Namen Big Al und Wilma sowie das Chamäleon Floyd, die sich mit ihm die Dachgeschosswohnung in Fallersleben teilen, zählt Lars Katzorke zu seinen weiteren Hobbys. Tiere, denen der Geschwindigkeitsrausch absolut fremd ist.