
Hoffmann, 48, hat so gar nichts vom Bunten, Schrillen und Lauten der modernen Kunstszene. Vom äußeren Typ her repräsentiert er genau das Gegenteil seiner beiden Vorgängerinnen Barbara Steiner und Doris Berger. Ein eher ruhiger Vertreter: leise Stimme mit minimalem bayrischem Akzent, seine Augen, die den Gesprächspartner still fixieren, sind tiefbraun.
Ortswechsel: Wir stehen im Licht des 1962 erbauten Kirchraums der Heilig-Geist-Kirche. Im Architekturführer Wolfsburg von Cornelia Thömmes heißt es dazu: „Östliches Sonnenstreiflicht ohne direkte Blendung und gute Akustik geben dem Raum eine eigenwillige Atmosphäre.“ Wie wahr. Details wie das verzahnte Mauerwerk, die durch ein Oberlicht beleuchtete Nische für das Taufbecken und die asymmetrische Bestuhlung finden Hoffmanns besondere Aufmerksamkeit.
Das ist wirklich beeindruckend. Die hölzerne Konstruktion im Altarraum sieht aus, als führe sie direkt in den Himmel. Wie ein Bogen, der in das Unendliche reicht.Kein Zweifel: Dieser Mann ist im katholischen Bayern groß geworden. Obwohl den Bayern oftmals Bodenständigkeit nachgesagt wird, erscheint Hoffmann eher als ein Wanderer zwischen den Welten. Flexibilität wird bei ihm groß geschrieben. Wen wundert es da noch, dass sich die kommende Ausstellung des Kunstvereins mit diesem Thema befassen wird.
Ich finde es schön, wenn sich immer wieder mal etwas verändert. Möbel und Klamotten können auch zu Ballast werden. Da ist es ganz praktisch, wenn man von Zeit zu Zeit etwas davon abwerfen kann. Bis dato hatte ich immer meine Wohnung in München und eine zweite am Ort meiner neuen Wirkungsstätte. Für Wolfsburg habe ich zum ersten Mal die Wohnung in München untervermietet. In der Innenstadt von Wolfsburg, wo ich jetzt im Immermannhof wohne, fühle ich mich sehr wohl. Alles, was man braucht, ist zu Fuß erreichbar.Architektur, das erkennt Hoffmann schnell, hat in und für Wolfsburg schon immer eine besondere Bedeutung gehabt. Allein nach Plänen des finnischen Baumeisters Alvar Aalto wurden drei Gebäude errichtet: das Alvar-Aalto-Kulturhaus, die Heilig- Geist-Kirche und das Stephanus-Gemeindezentrum in Detmerode. Damit hat Wolfsburg die meisten Gebäude von Alvar Aalto außerhalb seiner Heimat zu bieten. Aber auch andere herausragende Architekten waren und sind hier tätig: Das Theater von Hans Scharoun, das Rathaus von Titus Taeschner und das im Bau befindliche Phaeno, entworfen von Zaha Hadid, fungieren als Erkennungszeichen der jeweiligen Architekturströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Wir stehen auf der Bühne des Theaters, das neben Ludwigshafen und Leverkusen zu den drei größten Bespieltheatern Deutschlands zählt. Dieser Bau (1971 bis 1973) war Scharouns letztes Projekt, er starb ein Jahr vor der Eröffnung. Disponentin Marita Stolz ist die Gastgeberin. „Mit seinen 80 Metern ist das Theaterfoyer das längste in Deutschland. Hier ist noch alles Original – sogar die Länge der Kabel für die Artischockenlampen.“ 20 Minuten dauert die informative Kurzführung. Am Ende hat Hoffmann, der eigentlich kein Theatergänger ist, gar ein Programmheft unter dem Arm und verspricht wiederzukommen.
Dieser Artikel ist in der viseo-Ausgabe Nr. 2, April-Juni 2004, erschienen. Klicken Sie auf das Titelbild für eine FlashPaper-Ansicht.
Justin Hoffmann, 1955 in Cham im Bayerischen Wald geboren, geht er nach dem Abitur an die Münchner Kunstakademie, danach studiert Hoffmann Kunstgeschichte an der Universität München und promoviert. Schon während des Studiums schreibt er für diverse Kunstzeitschriften, unter anderem für den „Wolkenkratzer“, das „Kunstforum“, die „Süddeutsche Zeitung“ oder das schweizerische „Kunst-Bulletin“. Nach seinem Doktor ist er als freier Kurator, Dozent und Gastprofessor tätig, organisiert Ausstellungen im Lenbachhaus in München, in der Kunsthalle im dänischen Odense und im kunstraum muenchen. 1997 tritt Hoffmann seine erste feste Stelle als Kurator in der Shedhalle in Zürich an, von 2000 bis 2001 ist er Kurator der Kunsthalle Wien. Zwischendurch veröffentlicht Hoffmann Bücher über die Destruktionskunst und, zusammen mit Marion von Osten, ein Werk mit dem Titel „Das Phantom sucht seinen Mörder – Ein Reader zur Kulturalisierung der Ökonomie“. Seit dem 1. April 2004 ist Hoffmann Leiter des Kunstvereins Wolfsburg.