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„MIR REDET KEINER HINEIN“

Justin Hoffmann, neuer Leiter des Wolfsburger Kunstvereins, über Leben und Berufung im Norden

Justin Hoffmann
© Landmann

Dichte Regenwolken über den Dächern der Stadt. Vom Ehrenmal auf dem Klieversberg schauen wir hinunter auf Wolfsburg. Die Ausdehnung des Volkswagen-Werks sticht hervor, in seiner Verlängerung erscheinen die Autostadt, das hell leuchtende Rund des Dachs der Volkswagen-Arena und – nicht weit davon entfernt – das Rathaus. „Neubürger“ Justin Hoffmann, seit April Leiter des Kunstvereins im Schloss, betrachtet das Panorama seines neuen Wirkungskreises. Ein gesprächiger Stadtrundgang – mit viseo.

Hoffmann, 48, hat so gar nichts vom Bunten, Schrillen und Lauten der modernen Kunstszene. Vom äußeren Typ her repräsentiert er genau das Gegenteil seiner beiden Vorgängerinnen Barbara Steiner und Doris Berger. Ein eher ruhiger Vertreter: leise Stimme mit minimalem bayrischem Akzent, seine Augen, die den Gesprächspartner still fixieren, sind tiefbraun.

viseo: Herr Hoffmann, was hat Sie an der neuen Aufgabe gereizt?
Justin Hoffmann: Besonders gereizt hat mich, relativ frei Projekte und Ausstellungen realisieren zu können. Mir redet keiner hinein. Deshalb kann ich sehr konsequent meine Konzepte durchziehen. Es ist schon eine Herausforderung, Leiter einer der zehn führenden Kunstvereine in Deutschland zu sein, der auch starke internationale Beachtung findet.
Ihren Vorgängerinnen wurde vorgeworfen, an den Besuchern vorbei zu konzipieren. Die Zahlen waren stark rückläufig. Für wen arbeiten Sie?
Ich produziere Ausstellungen nicht aus einem rein subjektiven Gefühl heraus. Ich habe schon die Vorstellung, dass sich Kunstausstellungen an gesellschaftlichen Interessen orientieren sollten. Ich möchte die Menschen begeistern, sich mit den verschiedensten Sichtweisen der Künstler zu bestimmten Themen auseinander zu setzen. Daher wäre es falsch, von einer eigenen hermetischen Welt der Kunst auszugehen.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Städtischen Galerie und dem Stadtmuseum?
Sehr gut. Wir ergänzen uns. Es ist sehr wichtig, dass das Schloss verstärkt als kulturelles Zentrum mit großem Freizeitwert wahrgenommen wird, von den Wolfsburgern wie von Auswärtigen.

Ortswechsel: Wir stehen im Licht des 1962 erbauten Kirchraums der Heilig-Geist-Kirche. Im Architekturführer Wolfsburg von Cornelia Thömmes heißt es dazu: „Östliches Sonnenstreiflicht ohne direkte Blendung und gute Akustik geben dem Raum eine eigenwillige Atmosphäre.“ Wie wahr. Details wie das verzahnte Mauerwerk, die durch ein Oberlicht beleuchtete Nische für das Taufbecken und die asymmetrische Bestuhlung finden Hoffmanns besondere Aufmerksamkeit.

Das ist wirklich beeindruckend. Die hölzerne Konstruktion im Altarraum sieht aus, als führe sie direkt in den Himmel. Wie ein Bogen, der in das Unendliche reicht.

Kein Zweifel: Dieser Mann ist im katholischen Bayern groß geworden. Obwohl den Bayern oftmals Bodenständigkeit nachgesagt wird, erscheint Hoffmann eher als ein Wanderer zwischen den Welten. Flexibilität wird bei ihm groß geschrieben. Wen wundert es da noch, dass sich die kommende Ausstellung des Kunstvereins mit diesem Thema befassen wird.

Ich finde es schön, wenn sich immer wieder mal etwas verändert. Möbel und Klamotten können auch zu Ballast werden. Da ist es ganz praktisch, wenn man von Zeit zu Zeit etwas davon abwerfen kann. Bis dato hatte ich immer meine Wohnung in München und eine zweite am Ort meiner neuen Wirkungsstätte. Für Wolfsburg habe ich zum ersten Mal die Wohnung in München untervermietet. In der Innenstadt von Wolfsburg, wo ich jetzt im Immermannhof wohne, fühle ich mich sehr wohl. Alles, was man braucht, ist zu Fuß erreichbar.

Architektur, das erkennt Hoffmann schnell, hat in und für Wolfsburg schon immer eine besondere Bedeutung gehabt. Allein nach Plänen des finnischen Baumeisters Alvar Aalto wurden drei Gebäude errichtet: das Alvar-Aalto-Kulturhaus, die Heilig- Geist-Kirche und das Stephanus-Gemeindezentrum in Detmerode. Damit hat Wolfsburg die meisten Gebäude von Alvar Aalto außerhalb seiner Heimat zu bieten. Aber auch andere herausragende Architekten waren und sind hier tätig: Das Theater von Hans Scharoun, das Rathaus von Titus Taeschner und das im Bau befindliche Phaeno, entworfen von Zaha Hadid, fungieren als Erkennungszeichen der jeweiligen Architekturströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Wir stehen auf der Bühne des Theaters, das neben Ludwigshafen und Leverkusen zu den drei größten Bespieltheatern Deutschlands zählt. Dieser Bau (1971 bis 1973) war Scharouns letztes Projekt, er starb ein Jahr vor der Eröffnung. Disponentin Marita Stolz ist die Gastgeberin. „Mit seinen 80 Metern ist das Theaterfoyer das längste in Deutschland. Hier ist noch alles Original – sogar die Länge der Kabel für die Artischockenlampen.“ 20 Minuten dauert die informative Kurzführung. Am Ende hat Hoffmann, der eigentlich kein Theatergänger ist, gar ein Programmheft unter dem Arm und verspricht wiederzukommen.

Wenn Sie bisher schon nicht oft das Theater besuchen – wie leben Sie Ihre künstlerische Ader aus?
Früher habe ich Gitarre gespielt, ab und zu singe ich, heute stehe ich überwiegend am Keyboard – und zwar in einer Band mit dem Namen „FSK“. Wir spielen eine Mischung aus elektronischer Musik und alternativem Pop, wie House-Musik, nur eben mit echten Instrumenten. Gerade war ich zwei Wochen mit der Band auf Tournee, um unsere neue CD „first take then shake“ live zu präsentieren.
Aha. Deshalb war Ihnen die Musikrichtung von „Chicks on Speed“, Ihrer ersten Ausstellung hier im Kunstverein, die zur Eröffnung einen Besucherrekord aufgestellt hat, auch nicht fremd?
(schmunzelt) Die Mitglieder der „Chicks“ waren allesamt Studentinnen bei mir ...
Was wünschen Sie sich für ihre Zukunft hier vor Ort?
Jetzt habe ich, dank Ihrer Mithilfe, ja schon viel von Wolfsburg zu sehen bekommen. Aber um Ihre eigentliche Frage zu beantworten: Ich hoffe auf eine vitale, für Experimente offene Wolfsburger Kunstszene. Und wünsche mir, dass mehr Fachkritiker von überregionalen Zeitungen vom Kunstverein Notiz nehmen. Schön wäre außerdem, wenn ICE-Reisende nach Berlin am letzten Halt vor der Hauptstadt einfach mal aussteigen und das Schloss besuchen würden.

StB