Joseph G. Ansel, inhaltlicher Entwickler des phæno im Gespräch
© Landmann
Joseph G. Ansel – seit Jahrzehnten ist der US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln Spezialist bei der Entwicklung von Science-Museen weltweit. Von 1974 bis 1983 tätig für das Exploratorium in San Francisco, der Keimzelle aller Science-Museen, leitet der 56-Jährige seit mehreren Jahren sein eigenes Unternehmen Ansel Associates Inc. in Point Richmond. Sein Hauptaugenmerk: die Entstehung von Neugierde beim Betrachten naturwissenschaftlicher Phänomene. Und nun Wolfsburg, phæno – Content follows Emotion oder Emotion follows Content?
Beides ist richtig, befindet Ansel im exklusiven Interview mit viseo.
viseo: Mr. Ansel: Ein Science Center, zumal in einer derart spektakulären Außenhaut, und das ausgerechnet in Wolfsburg – warum?
Joseph G. Ansel: Nun – warum nicht? Deutschland hinkt extrem hinterher, was die Präsenz derartiger Institutionen, wie das phæno sie repräsentiert, angeht. Überall sonst auf der Welt finden Sie Science Center, nur nicht in einem Land, das seit Jahrhunderten für seine wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften berühmt ist. Deshalb besitzt das Wolfsburger phæno eine Pionierfunktion für Science Center in Deutschland.
Woraus besteht diese Funktion: Freizeitpark, populärwissenschaftliches Zentrum, Nachhilfeeinrichtung für Schüler ...?
Wir wollen auf spielerische Weise alle möglichen Phänomene aus Wissenschaft und Technik zeigen – dabei aber nicht nur das Wissen, sondern auch das Gefühl hierfür vermitteln. Dieses Museum ist jedoch nicht als Konkurrenz zur Schule, zur Bibliothek oder zum Fernsehen zu sehen, sondern als Ergänzung. Schüler sollen im phæno Gelegenheit finden, die Theorie gemeinsam mit ihren Lehrern in die Praxis umzusetzen. Alles soll sich um die Besucher drehen. Sie sollen aktiv werden. Animiert vom Team, Welches diese Anregungen zur Selbstentdeckung geben soll.
Sie konzipieren seit über 30 Jahren Science Center und können demnach bei Ihrer Arbeit hier vor Ort auf eine lange Erfahrung zurückgreifen. Wird das Science Center auf Dauer in Wolfsburg funktionieren oder, anders gefragt: wäre es an einem anderen Standort nicht besser aufgehoben gewesen?
(macht auffordernde Geste) Come on, pick a city – nennen Sie mir irgendeine Stadt auf der Welt!
Chicago ...
… hat eins. Weiter.
... Washington ...
(nickt) Go on.
Okay: Boston, Los Angeles, Paris, London …
Durchweg positiv – in all diesen Städten finden Sie Science Center. Der Bedarf ist da. It works! Diese Institutionen sind überall selbstverständlich, nur hier höre ich immer: „Oh, ein Science Center, wie außergewöhnlich!“ My god!
Offiziell rechnen Sie mit 260.000 Besuchern jährlich. Wie lange wird das phæno ein Publikumsmagnet bleiben?
Die Frage lautet nicht, wie „anders“ ich das phæno konzipiere, sondern wie abwechslungsreich die Besucher das phæno erleben. Damit das phæno nie langweilig wird, werden viele Exponate mit der Zeit gehen, sich verändern. An allen Standorten haben sich die bestehenden Science Center etabliert, ihre Ergänzungsfunktion hat sich bewährt. Und: Meine Erfahrung ist, dass Science Center Lebensläufe verändern. Es gab mehrere Fälle, in denen aus jungen Besuchern, die über Jahre hinweg immer wieder Gast in unseren interaktiven Museen waren, engagierte Mitarbeiter wurden. Das ist die schönste Bestätigung, die man sich wünschen kann. Und bedenken Sie eines: In den Vereinigten Staaten haben die Unternehmen von Anfang an begriffen, dass sie durch die Science Center personellen Nachwuchs an Fachkräften gewinnen können. Auch aus 8-jährigen Besuchern können später Ingenieure werden!
Das phæno steht auch in der Kritik. Öffentliche Mittel in Höhe von rund 80 Millionen Euro flossen in das Projekt.
Menschen wie Wolfgang Guthardt, dem Forcierer des Projekts phæno, weht von jeher Kritik entgegen. Das ist klassisch. Über die Beweggründe der Kritik möchte ich mich nicht äußern. Man kann jedem, der umtriebig ist, Dinge vorwerfen. Wichtig im konkreten Fall ist: Guthardt bewegt etwas. Und das nicht im Alleingang. Menschen wie Rolf Schnellecke und sogar Ferdinand Piëch haben das phæno befürwortet. Die Welt bräuchte mehr von diesen Guthardts.
Sie konzipieren den Inhalt des phæno – wer setzt Ihre Ideen vor Ort um?
Das sind über 30 Partner, unter ihnen die Technische Universität Braunschweig, die Physikalisch-technische Bundesanstalt, die DLR … die Liste ist zu lang, um sie hier vollständig aufzuzählen. Aber die Kompetenz dieser Wissenschafts- und Forschungsregion wird auch anhand des phæno sichtbar werden. Mehr als 250 Exponate werden die Besucher erwarten.
Existieren bezüglich der Exponate nationale oder regionale Unterschiede und nach welchen Vorgaben werden erstere entwickelt?
Was Ersteres angeht, lautet die Antwort: nein. Grundlage für alle Exponate sind die so genannten „Cookbooks“, die ich während meiner Zeit am Exploratorium in San Francisco verfasst habe. In ihnen sind sämtliche Versuche samt ihres Aufbaus beschrieben ...
Nach dem Motto: „Wir basteln uns ein Science Center“?
(lacht) Yes, so ungefähr. Tatsächlich sind diese Bücher jedem frei zugänglich und die Exponate unterliegen auch keinem Urheberrecht. Wissenschaft gehört allen. Die ausgestellten Exponate werden alle zum Anfassen, Entdecken und Ausprobieren sein. Ich will, dass die Besucher aller Altersklassen mindestens zehnmal vor Überraschung gelächelt haben.
Die von Ihnen angesprochenen Exponate werden ein unverwechselbares „phæno-design“ erhalten. Ist das eine der von Ihnen erwähnten Veränderungen?
Ja. Sehen Sie, der Begründer des Exploratoriums und „Vater“ der Science Center, Frank Oppenheimer, war mein Lehrmeister. Für ihn war die Aufmachung der Exponate völlig nebensächlich, er hielt Improvisation für völlig legitim. Für mich war das eine komplette Umstellung: Bei Lockheed, wo ich vorher tätig gewesen war, herrschte Perfektion, Oppenheimers Exploratorium glich einem Bastelkeller. Oppenheimer, der definitiv ein fantastischer Manager war, vertrat die Philosophie, dass die Exponate für sich sprächen und keine atemberaubenden Designs benötigten, um ihre Faszination auszuüben. He was interested in how the world turns and acts.
Mit Oppenheimer, dem Bruder des Erfinders der Atombombe, hatten Sie einen prominenten Lehrherrn. Wie gelangten Sie 1974 zum Exploratorium?
Ich sollte einen Freund für sechs Monate vertreten – und blieb 20 Jahre! (lacht) Damals, zwischen 1967 und 1974, hatte das Exploratorium höchstens zehn bis zwölf Mitarbeiter. Viele von ihnen arbeiteten unentgeltlich. Es war, wie gesagt, alles etwas improvisiert, aber ich hatte bei meiner Arbeit komplett freie Hand – fantastisch! Und Oppenheimer war einmalig. Nie interessiert an Äußerlichkeiten wie eleganten Anzügen, repräsentativen Autos oder dergleichen. Es ging ihm immer um die Sache. Als er im Februar 1985 starb, war das ein großer Verlust.
Wissen Sie, woher Oppenheimer seine Inspiration für das Exploratorium, die Keimzelle aller Science Center, bezog?
Anstoß für ihn waren sicher seine Europareisen. Einrichtungen wie das Deutsche Museum in München oder South Kensington ließen in ihm die Idee für das Exploratorium reifen.
Das Exploratorium und Sie sind heute feste Begriffe, Instanzen. Ab wann waren Sie sich dessen bewusst?
(schmunzelt) Ab dem Zeitpunkt, an dem man begann, unser Konzept zu kopieren. Da war uns klar: „Wir haben etwas bewirkt!“ Ich selbst hatte mein persönliches Aha-Erlebnis am Rande eines Kongresses im Jahr 1983. Ein Gesprächspartner erstarrte förmlich vor Ehrfurcht und sagte: „Uuh! You’re from the Exploratorium!“ (lacht)
Und als was sehen Sie sich: Pionier, Vater, Chefdenker …?
(wehrt ab) Oh, no, no. Nichts von alldem. Ich bin Dienstleister. Das phæno soll nicht zeigen, wie klug wir Erbauer und Erschaffer sind. Es soll uns oder andere nicht berühmt machen. Mein Traum ist, dieses Museum über Jahrzehnte hin künftig wachsen zu sehen, wie es sich verändern wird. Es ist eine Institution, die durch die Kreativität all derer lebt, die es besuchen werden. Und durch das Team, welches darin arbeiten wird. Die nicht vorhandene Alterseingrenzung bei den verschiedenen Themen sorgt für eine ständige Erweiterung des Horizonts. Jeder kann seinem Wissensstand entsprechend etwas an den Exponaten entdecken. Für mein Team und mich steht die soziale Komponente im Vordergrund. So kann es durchaus sein, dass ein 13-jähriger Teenager seiner Mutter ein Experiment erklärt oder Menschen sich mehrere Minuten über die Möglichkeiten von Lösungsansätzen eines Exponats unterhalten. Wenn das passiert, haben wir unser Ziel erreicht.
sim/HeW