viseo.de
viseo.de > Wolfsburger Köpfe > Joachim Franz

AIN'T NO MOUNTAIN HIGH ENOUGH

Moderne Abenteurer im Kampf gegen AIDS

Joachim Franz
© privat

Es gibt Themen auf dieser Welt, denen man sich nicht verschließen kann. Hunger, Apartheid, Krieg – um nur einige zu nennen. Ereignisse, die jeden Tag, zu jeder Stunde auf unserer Erde stattfinden, die wir in den Nachrichten sehen können, in den Zeitungen lesen und die wir vielleicht auch am eigenen Leib schon miterlebt haben. Es gibt allerdings immer wieder das Phänomen des Unterdrückens, des Verschweigens und des Nicht-sehen-Wollens.

Im Jahr 2003 war die Krankheitstodesursache Nr. Eins: AIDS. Acquired Immune Deficiency Syndrome – zu Deutsch: Erworbenes-Immun-Defekt-Syndrom. Seit einigen Jahren sind diverse Gerüchte in aller Munde: „Impfstoff gefunden!“ oder „AIDS – endlich heilbar“, „die Zahl der Infizierten reduzierte sich“ und so weiter. Diese Mitteilungen sind durch die Bank weg falsch und das Gegenteil ist der Fall: Die Infizierten lassen sich bald nicht mehr zählen, da sich das HIV-Virus derart schnell verbreitet. Aufklärung tut also Not.

Das Team Joachim Franz hat sich dieser Aufgabe gestellt und den Kampf gegen Aids aufgenommen. Wie es dazu kam und wie so ein Kampf aussehen kann, erzählte mir der Initiator und das Aushängeschild des Teams, der Extremsportler Joachim Franz.

Joachim Franz: Der Begriff Extremsportler ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck für mich. Vielmehr würde ich unser Team als moderne Abenteurer bezeichnen.
viseo: Es ist aber schon extrem, mit dem Mountainbike „Paris–Dakar“ zu bewältigen oder mit dem Tretroller 1200 Kilometer den Ural zu passieren, um nur einige deiner Verrücktheiten zu nennen ...
Das ist richtig, aber weißt du, früher gingen Abenteurer auf die Reise, um fremde Länder zu entdecken und neue Kulturen zu erkundschaften. Eigentlich ist so ziemlich alles entdeckt. Was wir jetzt versuchen, ist die globale Kommunikation herzustellen und uns gemeinsam um die Probleme der Welt zu kümmern. Der Sport ist dabei völlig in den Hintergrund getreten und gilt eigentlich nur als Medium. Je verrückter die Dinge werden, umso mehr Menschen werden wir damit erreichen, und das ist es, was wir letztendlich wollen. Aids darf nicht vergessen werden, sonst rollen wir ganz schnell auf eine Katastrophe zu, deren Ausmaße wir im Moment noch nicht erfassen können.
Es gab und gibt ja neben dem Kampf gegen Aids so viele Probleme, mit denen du dich auseinander setzt und für die du und dein Team Spenden sammelt. Woher kommt dein Engagement, besonders für den Kampf gegen Aids?
Das kann ich dir ganz genau sagen: Am 9. Januar 1990 beim Frühstücken fing alles an.
...
Damals wog ich 118 kg, rauchte zwei Päckchen Tabak am Tag weg und getrunken hab ich auch ganz gern mal. Aber an diesem besagten Tag fragte ich mich: „War das jetzt alles?“ Dreischichtsystem, Wochenende mit Kumpels Party machen, abends fernsehen. Ich glaube, der nördlichste Punkt, an dem ich damals war, war Dänemark. Außerdem siehst du ja auch nach nichts mehr aus, kriegst keine gescheiten Klamotten und so. Tja – und so begann ich mein Leben zu ändern, nicht nur meinen Körper aufzuarbeiten, sondern auch meinen Geist ins Spiel kommen zu lassen. Im selben Jahr lief ich meinen ersten Marathon und brachte mein Gewicht auf 72 kg. Ein nicht unwesentlicher Grund, wieso ich mich ausgerechnet für AIDS einsetzte, hat sicherlich mit dem Tod eines Freundes zu tun, der an dem Virus starb.
Wer unterstützt dich bei deinen Aufgaben?
Na ja, ich habe mit 17 Jahren im VW-Werk angefangen. Dort bin ich immer noch beschäftigt, nur dass ich jetzt nicht mehr in der Produktion tätig bin, sondern einen ziemlich einmaligen Job habe. Ich unterliege jetzt dem Gesundheitswesen und bin praktisch so etwas wie ein Gesundheitsbotschafter für Volkswagen. Also die Kooperation besteht aus der „VW-G“ und dem mittlerweile ziemlich großen „Team-Joachim Franz“, das sich aus ca. 400 Menschen zusammensetzt, die sich über die ganze Welt verteilt für die Projekte engagieren.
Ich nehme an, dass jemand wie du schnell die Leute begeistern kann, dir die Türen offen stehen, wenn du solche Projekte vorlegst und zeigst, dass du helfen möchtest. Du bist immerhin Halter von mehreren Weltrekorden und stehst im „Guinness-Buch der Rekorde“.
Das ist ja genau der Klopfer! Ich habe auch gedacht: so! Auf geht’s! Ärmel hoch, hier bin ich – lass uns mal was machen. Aber dem ist nicht so! Was du da für Mühlen in Gang setzen musst, damit irgendetwas funktioniert ... Es war zum Beispiel ein riesiger Akt, die Deutsche Aids-Hilfe und die Deutsche Aids-Stiftung an einen Tisch zu bekommen. Es gibt so viele Organisationen, aber die arbeiten nicht zusammen. Bei einem Telefonat sagte jemand mal zu mir: „Ja, Herr Franz das ist ja alles schön und gut, aber es geht doch eigentlich nur ums Geld.“ – „Ich dachte, es geht um Aids“, antwortete ich und war ziemlich erschüttert. Ich mache das ja jetzt schon eine ganze Zeit lang und mittlerweile hab ich natürlich meine Lehrstunden gehabt und weiß, wie ich zum Ziel kommen kann.
Was war das Ziel deiner letzten Expedition?
Aufklärung, Aufklärung und nochmals Aufklärung!
2600 Kilometer von Kapstadt nach Johannesburg: pro Tag 50 Kilometer laufen und dann 120 bis 140 Kilometer Rad fahren. Das Ganze in 15 Tagen. Wann hat man da noch die Zeit aufzuklären?
Die Afrikaner sind ein sehr sportbegeistertes Volk – extrem, wenn’s ums Laufen geht. Wenn du ihnen zeigst, dass du nicht der reiche Weiße mit den dicken Klunkern bist, sondern versuchst, dich zu integrieren – mit ihnen lebst – dann öffnen sie dir auch ihre Herzen und hören dir zu. Des Weiteren haben sich uns auch afrikanische Sportler angeschlossen und liefen einen Teil der Strecke mit. Aber um auf die Problematik in Südafrika zurückzukommen: Unterhalb der Sahara sind ca. 30 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Täglich sterben ca. 600 Menschen an dem Virus. Neueste Zahlen sagen: „Alle 10 Sekunden stirbt auf der Erde jemand an AIDS“. Da fragst du dich nicht, woher du die Kraft und die Zeit nehmen sollst aufzuklären. Bereits jetzt gibt es 660.000 Waisenkinder, deren Eltern an Aids gestorben sind. Die dann darauf folgende Stigmatisierung und Ausgrenzung ist ein Trauerspiel.
Welche Initiativen ergreift denn das Land Südafrika selbst, um gegen Aids zu kämpfen?
Einige Gemeinden bieten z. B. freiwillige Reihenuntersuchungen an. Leider aber setzen sich immer noch breite Bevölkerungskreise nicht mit dem Thema Aids auseinander.
Was kannst du in Deutschland tun und gibt es in Deutschland überhaupt eine Notwendigkeit der Aufklärung?
Gerade das ist das Erschreckende! Die meisten erinnern sich nur noch dunkel an den Anfang der 80er Jahre, als AIDS in aller Munde war. Viele glauben heute noch, dass es nur Homosexuelle betrifft. Es ist traurig, das zu erleben! Ich gehe gezielt an die Orte, an denen ich glaube, dass dort die Aufklärung am wichtigsten ist. An die Schulen! Wir starten jetzt gerade ein neues Programm mit dem Namen „Be your own hero“. Es basiert darauf zu gucken, was ich als Einzelner oder mit einer Gruppe tun kann. Man kann dieses Programm oder Seminar z. B. in Jugendherbergen buchen. Start wird im MIROW 21, der modernsten Jugendherberge Deutschlands, im Ort Mirow in Mecklenburg-Vorpommern sein. Die Jugendlichen erstellen hierbei ein Konzept, welches später einem Gremium vorgestellt und dann – wenn es für „gut genug“ befunden wurde – umgesetzt werden soll.
Nachdem nun „Run & Bike for Help“ (der Name der Südafrikaexpedition) zu Ende ist, gibt es neue Ziele – ich meine, mit sportlichem Rahmen?
Also die eigentliche Arbeit der „Run & Bike for Help“-Aktion fängt jetzt gerade erst an. Was wir nun machen, ist Spenden zu sammeln. Im Haus der IG Metall in Wolfsburg ist zurzeit die Fotoausstellung zu sehen. Frank Bierstedt zeigt dort 50 Fotos der Tour, welche die Strapazen des Körpers aber auch den Kampf gegen Aids ganz ausdrucksvoll darstellen. Die Ausstellung verweilt dort bis zum 26. Februar, dann geht sie auf Tour durch Deutschland. Man kann dort übrigens auch spenden, der Eintritt ist aber kostenlos. Die nächste Expedition ist auch in Arbeit. Sie läuft unter dem Titel SIGN.
Darfst du schon davon erzählen?
(lächelt) Na ja, das Ganze ist voll in der Planung. Losgehen soll es im Sommer 2004. Ziel ist dieses Mal Kirgistan.
Wofür steht SIGN?
Ein paar Bergsteigerkollegen und ich werden auf den „Pik Pobedy“ steigen, um dort eine riesige Aidsschleife aus Leichtmetallbauteilen aufzustellen.
Wieso auf einem Berg?
Der „Pik Pobedy“ ist 7500 Meter hoch, also Todeszone! Wo sonst könnte man das Zeichen des Lebens besser aufstellen? Wir möchten mit dieser Aktion in erster Linie auf das Aidsproblem in China und Russland aufmerksam machen. Die Zahlen der HIV-infizierten Menschen steigt dort schneller als irgendwo anders auf unserem Planeten. Ich denke, dass wir mit dieser Aktion weltweit einen Ruck auslösen können. Es ist wichtig, die Schleife nach oben zu bringen und ein Foto zu machen. Dieses Foto wird dann auf eine Postkarte gedruckt werden und der Erlös soll helfen, schnell einen Impfstoff zu finden.
Ihr tragt sicherlich Sauerstoffmasken ...?
Nein.
Zum Schluss noch eine private Frage: Hast du eigentlich keine Angst bei deinen Aktionen?
Nein. Zwar habe ich einen wahnsinnigen Respekt vor der Natur, denn ich weiß ja nie, ob da gerade mal eine Lawine runterkommt oder ob sich irgendwo Steine im Geröll lösen, aber Angst hab ich nicht. Wir bereiten uns auf unsere Touren so gut vor ... Das fängt beim Equipment an – und dazu gehört natürlich auch die Auswahl der Expeditionsteilnehmer. Ich denke, wenn du mit der Natur lebst und nicht gegen sie handelst, dann tut sie dir auch nichts.

OlL