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"WOLFSBURG? INSPIRIERENDER ALS DIE VENUS VON MILO!"

FREISCHWIMMER-INTERVIEW MIT MUSIKER, SONGSCHREIBER UND REGISSEUR JAN CHRISTOF SCHEIBE

Jan Christof Scheibe
© Altschaffel

Er hat Filmmusiken komponiert, mit Bands die halbe Welt bereist, Bühnenshows entwickelt. Jetzt macht Jan Christof Scheibe ein Musical über Wolfsburg: WOB-CITY. Alexander Kales hat er verraten, warum er Klischees attraktiv findet, die Skepsis der Wolfsburger fürchtet und WOB-CITY in mancher Hinsicht mehr bietet als Klassiker von Andrew Lloyd Webber.

Sie haben mit Götz George, Sissi Perlinger und Esther Schweins zusammengearbeitet. Jetzt machen Sie ein Mucical über Wolfsburg – ein Karriereknick?

Jan Christof Scheibe: (Lacht.) Ich hab’s mir ja selbst ausgesucht. Ich war ja derjenige, der diese verrückte Idee hatte. Doch selbst wenn ich das gedacht hätte, so habe ich im Laufe meiner Arbeit gemerkt, wie viel es hier zu holen gibt: an Geschichten, an Besonderheiten, an Charme, den diese Stadt hat. Mein Grund-enthusiasmus hat sich ständig gesteigert.

Welches Bild hatten Sie vor WOB-CITY? Das vom Schichtarbeiter, der morgens am Band steht und nachmittags an seinem Golf GTI schraubt?

Das Klischee gibt es tatsächlich in persona. Darauf könnte man Wolfsburg natürlich reduzieren. Aber ich bin Mensch, der offen durch die Welt geht, der sich Sachen von allen Seiten anschaut. Ich habe von Anfang an geahnt, dass es mehr gibt. Und Bestätigung gefunden.

Die Sichtweise hat sich verändert?

Ich habe Puzzleteile gefunden, von denen ich nicht wusste, dass es sie hier gibt. Das Zusammenleben verschiedener Volksgruppen, das Schaffen von Identitäten, das ist etwas sehr Besonderes. In Wolfsburg leben verschiedene Nationalitäten nicht nebeneinander, sondern sie ergänzen sich auf wunderbare Art und Weise. Das ist in wenigen Städten so. In Wolfsburg aber sind die Italiener ein Stück weit deutsch geworden und die Wolfsburger haben im Gegenzug italienische Lebensart angenommen.

Wie entstand die Idee, ein Wolfsburg-Musical zu machen?

Ich habe einen Abend lang mit Thomas Holthoff überlegt, dem Hallenbad einen Einstand zu geben, der für die Stadt etwas Besonderes ist. Die Idee, ein Musical zu machen, haben wir zunächst als Weinlaune abgetan. Aber wir sind mit dem Projekt auf so viele offene Ohren gestoßen, dass wir es doch verwirklicht haben. Auch das ist eine Wolfsburger Besonderheit: dass man Türen aufkriegt, weil die Leute offen sind.

Es war also einfach, mit Wolfsburgern ins Gespräch über ihre Stadt zu kommen?

Ja. Das war überraschend einfach. Doch mir ist eines aufgefallen: Die Wolfsburger sind unglaublich kritisch mit ihrer Stadt. Ich habe selten Menschen getroffen, die ihre Stadt so runtermachen, ihr so skeptisch gegenüberstehen. Allerdings: Die Wolfsburger wohnen freiwillig hier, sie sind schließlich nicht festgekettet. Sie haben viele Gründe, warum sie ihre Stadt lieben. Und die verraten sie einem auch, es dauert halt etwas länger.

Fürchten Sie diese Skepsis nicht auch im Hinblick auf das Musical?

Ja, die fürchte ich. Obwohl: Fürchten ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sagen wir besser: Ich rechne mit ihr. Aber es gibt für diese Skepsis keinen Grund. Das Musical ist eine Liebeserklärung, vielleicht eine humorvolle Liebeserklärung. Sie soll unterhalten, aber auch positive Aspekte darstellen.

Was war zuerst da: die positiven Aspekte, welche die Story bilden? Einzelne Songs? Textfragmente?

Das kann man schwer sagen. Ich bin ein Mensch, der viel geschrieben hat. Ich hatte eigentlich fest vor, ein paar alte Songs in WOB-CITY reinzupacken. Aber natürlich braucht das Wolfsburg-Musical eine neue Geschichte, da kann man keine fremde Handlung drüberstülpen. Letztlich habe ich nicht einen Song davon übernommen, sondern alles neu geschrieben. Weil ich in dieser Stadt so vieles gefunden habe, was sich lohnt, gefunden zu werden.

Wolfsburg als Inspiration ...

Ich hätte nicht gewagt, das zu hoffen, aber es war so. Es gibt Momente, in denen man einfach nicht inspiriert ist. Da hat man die Venus von Milo in persona vor sich und bekommt nur ein Strichmännchen zustande. In Wolfsburg war alles gegeben: ein illustrer Bilderbogen, den man wunderbar bearbeiten konnte.

Aber verleiten nicht allzu gute Vorlagen oft dazu, dass man ins Klischee abrutscht?

Natürlich, Klischees sind verlockend, weil sie Dinge vereinfachen. Bei einem zweistündigen Abend kann man nicht alle Probleme vertiefen; man kann nicht in die letzte Falte kriechen und sie ausleuchten. Man muss zwangsläufig vereinfachen. Aber wir haben keine Revue gemacht, in der zehn Volkswagen Käfer auf der Bühne tanzen. WOB-CITY erzählt die Geschichte von Menschen, die in der Stadt leben. Sie sind natürlich klischeehaft, aber eben mit eigenen Geschichten, Träumen, Wünschen, Ängsten – und mit Herz.

Keine Stereotype, sondern Individuen?

Ja, absolute Individuen.

Und welche der Figuren ist Ihr Lieblings-charakter?

Ich habe versucht, künstlerischen Sozialismus walten zu lassen, acht Figuren zu schaffen, die auf der Bühne gleichberechtigt sind. Das ist mir hoffentlich gelungen. Es gibt also, so gesehen, keine Hauptfigur und auch keinen Lieblingscharakter, sondern acht individuelle Personen, manche eher komisch, manche eher ernst, aber alle mit einem eigenen Hintergrund.

Die Charaktere werden von Schauspielern und Sängern mit teils beeindruckender Vita verkörpert. Was zieht solche Leute: die Stadt, das Projekt oder Scheibe?

Die Möglichkeit, etwas Neues zu machen. Ich arbeite bei WOB-CITY mit Leuten zusammen, die Lust haben, mal nicht die ewig gleichen fünf Musicals zu spielen, die überall laufen. Die sogenannten etablierten „Klassiker".

Hat WOB-CITY das Zeug, ein Klassiker zu werden oder wenigstens ein Tourneestück?

Dafür ist es zu speziell. Man kann Menschen in Berlin oder München vermutlich für ein Musical über Wolfsburg nicht so ohne Weiteres begeistern.

Und mit welchen Worten werden Sie die Wolfsburger begeistern?

Die Musik fetzt, packt einen, hat sowohl Drive als auch Emotionen. Wir bieten gute Unterhaltung auf hohem Niveau, haben super Schauspieler und spielen ein Musical, in dem sich der Wolfsburger wiedererkennen kann. Sicherlich mehr als in den Werken von Andrew Lloyd Webber und Konsorten.

AKa

Infobox

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.

Weiter Infos unter http://www.hallenbad.de/freischwimmer