
Hinter dem schmiedeeisernen Zaun blühen Maiglöckchen, Fingerhut und wilde Rosen, und aus der Küche riecht es nach gefüllter Paprika. Das Reihenhaus der Mondrés sieht rein äußerlich wie jedes andere in der Laagbergstraße aus: gutbürgerlich, unaufdringlich, unauffällig, vielleicht ein wenig spießig, jedenfalls überhaupt nicht so, wie man sich die Wirkungsstätte eines Kunstpreisträgers vorstellt. Doch dann, einige Treppenstufen später, ist alles anders. In Heinz Mondrés unterirdischem Atelier, das mehr oder minder den gesamten Keller ausfüllt, werden das Kreative dieses Ortes und die Schaffenskraft dieses Mannes spürbar.
Bis unter die Decke stapeln sich hier die Formen und Modelle, die Regale gefüllt mit Prototypen, Formteilen, Werkstücken, in Einmachgläsern stecken Dutzende feinhaarige Pinsel, sorgsam geschärfte Schaber und unzählige Feilen. Den Nebenraum hat der Künstler mit wuchtigen Werkzeugen nahezu unpassierbar gemacht. Sein ganzer Stolz ist die 100 Jahre alte Drehbank, die er aus der Konkursmasse von Vogtländer gerettet hat. In der Vorratskammer nebenan teilen sich die Marmeladen und Gemüsekonserven seiner Frau den Platz mit großen und kleinen Fläschchen mit Salzen, Metallpulvern, Lösungen.
Derlei Ausstattung hat ihren Grund: Mondré macht alles selbst. Er schmilzt seine Bronze im mächtigen Tiegel, rührt aus Glimmer, Graphit, Kieselerde, Feldspat und Kalkspat seine eigenen Tonsorten an, vermengt Kartoffelmehl, Stärke, Vaseline und Bienenwachs zu Plastilin. Daraus formt er seine Plastiken, macht Gipsabdrücke, die er mit Beton, Ton oder Bronze füllt. Einzelteile werden sorgsam zum Gesamtwerk komponiert. Der Künstler selbst sieht das nüchterner: „Es ist wie die Konstruktion eines Schiffes mit vielen Aufbauten." Ungewöhnlich ist das nicht. Denn genauso wie den künstlerischen Ausdruck interessiert den Wolfsburger die handwerkliche Umsetzung, die technische Perfektion.
Der Blick in Mondrés Lebenslauf erklärt diese einzigartige Herangehensweise. Schon als jungen Mann faszinieren ihn die Grenzgänge zwischen Technik und Graphik – und so belegt er 1937 parallel zur Betonwerkerlehre in Berlin-Spandau einen Fernschullehrgang im Maschinenzeichnen. Weil ihm die kreativen Impulse dort schon bald nicht mehr ausreichen, schreibt er sich drei Jahre später begleitend zur Arbeit im Konstruktionsbüro der Phrix-Werke in unzählige Abendkurse an der Hamburger Kunsthochschule ein. Bis ihn 1942 die Luftwaffe einberuft, sitzt er nach der Arbeit bis spät in die Nacht hinein in den Werksälen der Hochschule, zeichnet, schnitzt, modelliert.
1953 zieht ihn – wie viele andere auch – die prosperierende Wirtschaftswunderstadt Wolfsburg mit ihrem Volkswagenwerk an. Er heuert in der formgestalterischen Abteilung an, arbeitet bis 1982 als Modelleur für den Autobauer – und bis heute als Modelleur in eigener Sache. Denn das Formen, das Gestalten ist seine Leidenschaft. Im heimischen Atelier verschmelzen Eindrücke aus dem Beruf mit eigenen Sinneswahrnehmungen zu unnachahmlichen Kunstwerken, die stets bestimmten Themen gewidmet sind: Technik und Natur, Wachstum und Entwicklung, industrielle und natürliche Ästhetik.
Was er bei der Arbeit im Werk wahrnimmt, fließt angereichert um Naturerfahrungen in die Kunst ein, die im heimischen Keller entsteht. Mondré deutet Knautschversuche mit der Längssäule biologisch, formt eine Getriebezeichnung in Bronze so nach, dass der Betrachter nicht mehr sicher sein kann, ob er auf ein technisches oder natürliches Leitungssystem blickt. „Zellen, Organik, Wachstum – das ist meine große Faszination", erklärt der inzwischen 84-Jährige. In nahezu jeder seiner Arbeiten wird das deutlich – auch bei der Kleinskulptur „Wachstum und Entwicklung", die er beim Kunstverein eingereicht und für die er den arti-Kunstpreis bekommen hat.
Dass die Wahl auf Mondré fiel, hat viele Wolfsburger überrascht, aber eigentlich war es vorherzusehen. Schließlich ist er außerhalb der Stadtgrenzen ein durchaus nicht unbekannter Bildhauer. In Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen hat er jahrzehntelang ausgestellt und wichtige Kunstpreise gewonnen; und er hat für Unternehmen wie die Raiffeisen-Gruppe geformt und gegossen.
In Wolfsburg stand die Arbeit in der Volkswagen-Formgestaltung stets an erster Stelle; seiner Heimat Wolfsburg wollte Mondré stets als Modelleur und nicht als Künstler in Erinnerung bleiben. Wie gut, dass es ihm nicht gelungen ist.

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.
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Dieser Artikel ist in der freischwimmer-Ausgabe Nr. 2, Juni-August 2007, erschienen. Klicken Sie auf das Titelbild für eine FlashPaper-Ansicht.

Heinz Mondré, 1923 in Alt-Drewitz geboren, lernte Betonwerker und Maschinenzeichner. Berufsbegleitend belegte er Kurse an der Hamburger Kunsthochschule. Von 1953 an arbeitete er bis zu seiner Pensionierung 1982 als Modelleur in der formgestalterischen Abteilung von Volkswagen und machte sich besonders in Süddeutschland und Westdeutschland einen Namen als Bildhauer. Der Kunstverein zeichnete im vergangenen Oktober den 84-Jährigen für sein Lebenswerk mit dem ersten arti-Kunstpreis aus.