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SCHÖPFER NEUER WELTEN

Heinrich Heidersberger – eine Würdigung

Heinrich Heidersberger
© Heidersberger

Der Urknall ist lautlos. Im dunklen Rot der Speziallampe gleitet das Barytfotopapier in die chemische Lösung. Ein weicher Entwickler, der eine neue Welt entstehen lässt. Genau drei Minuten soll die Entstehungsgeschichte dauern, doch der Zauber des langsamen Erscheinens wird unterbrochen durch den Wechsel der Chemie. Für den zweiten Teil hat der Tüftler einen härteren Entwickler vorgesehen. Schalen bewegen und selbst eintauchen in die Welt, die gerade erschaffen wird. Rausch der Grauwerte. Kompositionen von Linien und Flächen. Betriebsamkeit. Jetzt gilt es, schnell mit einem Wattebausch, der in nahezu kochendes Wasser getunkt wird, die Lichter, also die hellen Stellen, so zu bearbeiten, dass der Anflug eines Hauchs von einer Ahnung von Grau selbst in den hellsten Stellen liegt. Zeichnung in den Lichtern, Zeichnung in den Schwärzen. Die Macht der Veränderung wird in der zweiten Schale gestoppt. Ein saures Bad beendet die Entwicklung und der Prozess wäre mit Durchlaufen der dritten Wanne, Fixierung und anschließender Wässerung abgeschlossen, wenn, ja wenn Heinrich Heidersberger nicht Heinrich Heidersberger wäre.

Auf der ständigen Suche nach dem perfekten Bild muss „Farmer´scher Abschwächer“  die tiefdunklen Stellen wieder angleichen, die Durchzeichnung unterstützen. Dann wieder wässern und endlich trocknen, um das neue Stück Welt endlich im Licht zu bewerten. Streng mit sich und seinen Ansprüchen, ist oft erst der 20. Versuch gut genug, wobei man häufig den Unterschied zwischen den einzelnen Bildern nicht mehr sehen kann. Ein wenig heller hier, ein wenig heller dort, dafür diese Stellen dunkler, der Übergang weicher und insgesamt etwas kontrastreicher.
Heinrich Heidersberger ist kein Gott, aber er erschafft Welten, die sich in Perfektion und Anmut mit denen der Natur messen wollen. Und dabei greift er massiv ein, macht sich den Himmel mittels Filter dunkler, wenn es seine Aussage stärkt, zaubert Wolken hinein oder lässt die Kamera wieder abbauen, ohne ein Foto gemacht zu haben, wenn das Licht an diesem Tag nicht gut genug war. Dabei interessiert ihn die Architektur der Natur genauso wie die Natur der Architektur. Sein Wissensdurst kann nie gestillt werden und seine Sichtweisen scheinen unerschöpflich.

Der heute 98-Jährige ist gebrechlich geworden. Ein elektrischer Rollstuhl übernimmt die Arbeit der Beine und man muss ihn schon recht laut ansprechen, um ihn in seiner Welt zu erreichen, in die er sich oft zurückzieht. Seine eigens für ihn umgebaute Digitalkamera jedoch hat er fast immer dabei. Fasziniert auch von diesem Medium, wie ihn Technik schon immer faszinierte – besonders aber Foto- und Aufnahmetechnik.

Als 1984 das Magazin „National Geographic“ auf der Titelseite eine Holografie zeigt, weiß er bereits genau, wie man so etwas fotografiert. Nicht in New York, Mailand, London oder Paris – sondern in Wolfsburg, im Schloss. Geboren 1906 in Ingolstadt, siedelt Heidersberger 1911 nach Linz über, wird 1918 als so genanntes „Wiener Kind“ nach Dänemark verschickt und beginnt 1927 in Graz Architektur zu studieren.

Nur ein Jahr später soll er einen richtungsweisenden Schritt tun. Heidersberger geht nach Paris und trifft dort auf eine künstlerische Gesellschaft, die sein Leben beeinflusst. Er lebt von Gelegenheitsjobs, belegt Malkurse bei Fernand Léger und beginnt zu fotografieren. Auf Partys lernt er Henry Miller kennen, leiht sich Geld von Ernest Hemingway (welches dieser nie zurückverlangte) und lässt sich von der künstlerischen Avantgarde mittragen. Einem unfähigen Fotochemiker verdanken wir die Werke Heidersbergers, der, als er seinen vollkommen verhunzten Film zurückerhält, beschließt, die fotografischen New York – zu, gleichermaßen begeistert von den Möglichkeiten, die eine so junge, im Wachstum begriffene Stadt zu bieten hat, und von der Architektur Alvar Aaltos und Hans Scharouns. Aalto, der seoeben den Auftrag für die Errichtung eines Kulturzentrums erhalten hatte, und das Schloss bieten ihm viel Platz für seine Arbeiten und Tüfteleien, für ein Studio, ein Labor und Büroräume. Zudem weht über dem 700 Jahre alten Gemäuer nun der Hauch einer Künstlerkolonie. Maler, Drucker, Töpfer, eine Galerie, eine Designwerkstatt – für einige Jahre steht das Schloss für Wolfsburger Kultur und Heidersberger wurde schnell ein fester Bestandteil eben-dieser. Bald folgt sein Buch über Wolfsburg, die „Bilder einer jungen Stadt“ erscheinen 1963. Berühmt wird der damals in Fotografenkreisen sehr geschätzte Wahl-Wolfsburger allerdings nicht richtig. Dieses Buch sei nicht seines und er habe sich nicht wirklich gekümmert, kommt dann murmelnd aus ihm heraus, denn ein wenig bastelt er dann schon am eigenen Denkmal, aber das hat er inzwischen gar nicht mehr nötig, denn man hat mittlerweile auch in Wolfsburg begriffen, welche Perle im Schloss verborgen liegt. Ausstellungen in Ingolstadt, Linz, Paris und Tucson/Arizona schließen sich an, dann die Verleihungen des Verdienstkreuzes des Landes Niedersachsen und der Silbernen Plakette der Stadt Wolfsburg. Heute ist Heinrich Heidersberger Ehrenbürger.

Tüftler, Bastler, Künstler, Denker, Orchideenzüchter – das Wirken der Person Heidersberger ist ganzheitlich. Nach der Vergrößerung einiger Aufnahmen für eine Ausstellung im Centre Pompidou in Paris baut er selbst eine Kiste für den Versand. „Idiotensicher“, wie er sagt, denn beim Öffnen kann, „egal, wie dumm man sich anstellt“, keines der Bilder beschädigt werden. Diese Tischlereinlage kostet fast drei Tage Zeit – bei der Gelegenheit wird gleich die Bewässerungsanlage für das Orchideengewächshaus mit repariert.

Seine Bastelei hat auch ein wenig zu seiner Bekanntheit beigetragen, so zum Beispiel der „Rhythmograph“: eine Ansammlung von riesigen Pendeln, die so miteinander verbunden sind, dass sie einen Lichtstrahl über Spiegel rhythmisch ablenken und damit ein recht gleichmäßiges Muster auf dem Fotopapier hinterlassen. „Rhythmogramm“ nennt Heidersberger das Ergebnis. Jean Cocteau erwirbt eines davon, um es seinem Freund Picasso zu schenken, und der Südwestfunk Baden-Baden benutzt jahrelang eines als Senderlogo. So weit ist Wolfsburg noch nicht ...

Heidersbergers Sohn Benjamin wirkt darauf hin, seinem Vater die ihm zustehende Anerkennung zukommen zu lassen. Seit 1999 arbeitet Bernd Rodrian auf seine Initiative hin das Archiv Heidersbergers auf und fördert längst vergessene Aufnahmen zutage. Er kümmert sich um die Ausstellungen und die Vermarktung. Ob im Ritz-Carlton edel gerahmt oder bei Ikea als Fototapete – Rodrian tut das, was der Fotograf selbst am schlechtesten kann: Heidersberger verkaufen. Und das ist gut so.

LaL