"THEATER IST MEIN LEBEN!"
© Landmann
Seit 1973 ziert das Theater am Klieversberg unser Stadtbild und ist seitdem ein kulturelles Aushängeschild für Wolfsburg. Es ist eines der größten Bespielhäuser Deutschlands und zu 90 % ausgelastet. Weil man das Wolfsburger Theater als Gütesiegel ansieht, gastieren hier viele Stücke, die vom Preis her nicht im Rahmen des möglichen Budgets lägen, zu Sonderkonditionen. Das Theater Wolfsburg mit 14 festen Mitarbeitern wird von Hans Thoenies geleitet. Er hat sich heute die Zeit genommen, uns vom Theater und aus seinem Leben zu erzählen.
viseo: Herr Thoenies, wann standen Sie das letzte Mal auf der Bühne?
Hans Thoenies: "Am 15. September, kurz nach dem Unglück in New York; nach langer Überlegung habe ich beschlossen: 'The show must go on'. Ansonsten hätte der Terrorismus ja gewonnen. Es war die Premiere meiner Inszenierung von Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor". Einen Tag zuvor bekamen wir die Botschaft, dass unser Hauptakteur, der Sir John Falstaff spielen sollte, krank geworden war. Tja, woher so schnell jemanden bekommen? Kurzerhand entschloss ich mich, die Rolle selbst zu spielen, bis wir einen passenden Ersatz finden würden. Am Abend der Premiere stellte ich mich vor das Publikum, um noch einmal klarzustellen, wieso wir aufführen – weshalb wir uns nicht dem Terror beugen und natürlich, um ihnen mitzuteilen, dass ich nun die Hauptrolle spielen würde. Wer aus diesen Gründen gehen wolle, solle das doch bitte tun, er bekäme auch sein Geld zurück. ... aber ich warne Sie, Sie werden etwas verpassen."
Herr Thoenies, wie wird man eigentlich Intendant und was sind Ihre Aufgaben?
Wissen Sie, Intendant wird man ja nicht. Also das hab ich nicht gelernt oder so, ich bin ja eigentlich Schauspieler und Regisseur. In meinem Fall war es so, dass die Stadt auf mich zukam. Ich war vorher viele Jahre am Lübecker Theater als Generalintendant tätig. 1991 kam ich dann nach Wolfsburg.
Sie waren ja nun auf vielen Bühnen in ganz Deutschland zu Hause, warum kommt man dann nach Wolfsburg?
Eigentlich hatte ich ja vor, nach meiner Zeit in Lübeck mir einen Wohnort mitten in Deutschland zu suchen, von dem man mit dem Auto in jede etwas größere Stadt so zwei bis vier Stunden braucht. Dann hätte ich mal da inszeniert oder mal dort als Schauspieler gearbeitet. Als das Angebot aus Wolfsburg kam, habe ich es als eine Herausforderung gesehen. Denn immerhin ist das Theater Wolfsburg das größte Bespielhaus Deutschlands. Und nun bin ich seit 1991 hier und fühle mich hier auch sehr wohl. Aber um auf Ihre Frage der Aufgaben zurückzukommen: Ein Intendant ist ja auch so etwas wie ein Manager. Von 9 Uhr morgens bis um 23 Uhr bin ich im Theater, um diese Stapel hier abzuarbeiten, Telefonate und Besprechungen zu führen. Frau Stolz ist dabei eine unentbehrliche Kraft und sozusagen meine rechte Hand. Ja und dann bin ich natürlich jeden Abend bei den Vorstellungen.
Sie schauen sich alles an ...?
Ja selbstverständlich. Jedes Stück, jede Oper und jedes Musical.
Kommen Sie denn auch noch zum Inszenieren?
Jedes Jahr zu Weihnachten inszeniere ich unser Märchen für die Kinder und dann bin ich auch noch unterwegs an anderen Theatern für Gastinszenierungen.
(Das Telefon klingelt und so habe ich Gelegenheit, mich ein wenig im Büro des Intendanten umzuschauen. Was haben wir da so ...? Eine Sammlung Modellschiffe, einen Tretroller, die Schiffsschraube eines Landungsboots aus dem Zweiten Weltkrieg, die Herr Thoenies von seiner Technik geschenkt bekommen hat, und eine Wand voller skurriler sowie persönlicher Dinge wie z. B. eine Landkarte, an der ein kleines Papiersegelboot hängt. Es hängt genau über dem Hafen, in dem auch sein echtes Boot Rumpelstilzchen liegt, in La Ciotat, Frankreich.)
Sehen Sie, das ist auch eine meiner Aufgaben. Häufig werde ich angerufen und um Rat gefragt. Zum Beispiel, ob es sich lohnt, dieses oder jenes Stück auf die Bühne zu bringen, oder ob ich einen Schauspieler empfehlen kann. Ich bin ja nun schon seit einiger Zeit im Geschäft – sozusagen ein Fossil (lächelt) ...
Sind Sie auch verantwortlich für das Programm des Theaters?
Ja – und natürlich Frau Stolz, mit der ich mich immer wieder berate.
Wie muss man sich das vorstellen, besuchen Sie die Stücke, um zu sagen: „Genau das möchte ich für mein Haus“, oder bekommen Sie Videobänder?
Das kommt auch vor, aber in der Regel bekomme ich Unterlagen, die ich dann auswerte.
Man kennt ja nicht jedes Theaterstück, woher weiß man, dass etwas gut ist?
Na ja, ich kenne schon so ziemlich jedes Stück und auch die meisten aktuellen Regisseure. Man braucht aber dann schon eine Vorstellungskraft, was der Regisseur aus dem Stück gemacht haben könnte. Auch die Besetzung kann viel aussagen. Man kann natürlich auch mal voll danebengreifen – ist mir auch schon passiert. Aber meistens sind wir doch sehr erfolgreich mit unseren Entscheidungen. Das Theater Wolfsburg hat eine Auslastung von 90 %, damit gehören wir zu den Top 3 der deutschen Bespielhäuser. Ich könnte auch 100 % haben, aber ich möchte, dass jeder Theaterbesucher auf seine Kosten kommt. Der Musicalliebhaber sein Musical, der Opernfan seine Oper und der, der das anspruchsvolle Theater haben will, soll es auch bekommen.
Gibt es so etwas wie einen Trend in Wolfsburg? Laufen gerade besonders gut Krimis oder Musicals, Ballett?
Seit einigen Jahren, aber das bezieht sich nicht nur auf Wolfsburg, sondern auf die ganze Welt, geht der Hang zum Boulevardtheater – sprich: Komödien und Klassiker. Wir könnten dreimal hintereinander My Fair Lady bringen und es wäre ausverkauft.
Wie sind Sie zum Theater gekommen?
Ich bin durch eine ganz bestimmte Aufführung inspiriert worden, Schauspieler zu werden. Und zwar war das 1947. Ich besuchte damals viele Theaterstücke, aber eines hat mich gepackt. Es war „Der Patriot“, in der Hauptrolle Rolf Boysen. Er hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht. Da hab ich mir gesagt: „Das will ich auch machen!“ Er hat sich auf der Bühne die Seele aus dem Leib gekotzt (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein paar Jahre später, als ich schon Schauspieler war, traf ich Rolf Boysen wieder und erzählte ihm die Geschichte – worauf er nur lachte und sagte: „Ich war damals total betrunken und musste mich einfach übergeben.“
Ich sehe hier all die Fotos und Modelle von Booten ...
Ja, neben dem Theater gehört meine ganz große Leidenschaft dem Segeln. Wenn Spielpause ist, nehme ich mir ein paar Wochen „Auszeit“ und segle an der Küste entlang.
Und dort ist dann wirklich Pause oder nehmen Sie sich Arbeit mit?
Am ersten Tag habe ich mein Handy noch an, am zweiten auch, aber dann ist gut. Manchmal nehme ich mir kleine Sachen mit – zum Lesen oder Überarbeiten, aber eigentlich ist auf meinem Boot „Sendepause“.
Herr Thoenies, haben Sie Zukunftspläne?
Herr Thoenies greift nach seinem Portemonnaie, wühlt unter vielen Zetteln einen kleinen heraus und zeigt ihn mir. Darauf steht: heute, today, aujourd`hui, hoy, oggi.
Gibt es so etwas wie eine Traumrolle für Sie?
Die nächste! (lächelt) Nein, ich hab schon so viel gespielt. Ich habe eigentlich schon alles gemacht, sogar Ballett getanzt. Vielleicht den Don Quichotte von La Mancha (lächelt erneut).
OlL