Aristokratisch und ein Kind dieser Arbeiterstadt
© Altschaffel
Den Mufflon-Widder, der unser aktuelles freischwimmer-Cover ziert und mit dem wir an diesem Abend empfangen werden, haben wir in unserem Gespräch nicht wirklich thematisiert. Das Tier hängt, gerade frisch vom Präparator zurechtgemacht, in Bisdorf im Eingangsbereich und macht den Schützen, der leidenschaftlicher Jäger ist, offenkundig sehr stolz. Während es uns Stadtkinder noch etwas schaudert, schüttelt er uns freundlich die Hand und bittet uns an seinen Küchentisch. Der Anlass des Besuchs ist mitnichten der gräfliche Blattschuss, sondern es sind seine besondere Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst und die barocke Musik.
In Nordsteimke ist er aufgewachsen, in Wolfsburg zur Schiller- und zur Eichendorffschule gegangen und nach einigen Jahren im Exil in Bayern, Holzminden und Frankfurt wieder in die Heimat und zur Tradition seiner Familie zurückgekehrt. Das war manchmal gar nicht so einfach, sagt er, die 70er-Jahre waren eine klassenkämpferische Zeit und mein Vater saß für die CDU im Stadtrat. Er denkt da gerne an die Fotografie von Douglas Gordon, die der schottische Künstler anlässlich seiner Schau im Kunstmuseum angefertigt hat. Hier sieht man einen Tramper an der Braunschweiger Straße. „Wer wollte in unserem damaligen Alter die Stadt nicht verlassen?“, fragt er rhetorisch. Diese Widersprüche sind in ihm angelegt, das ist ihm auch sehr bewusst, gleichsam weiß er aber auch, wohin es ihn treibt. In den späten 90er-Jahren übernimmt er die Verantwortung für den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb der Von der Schulenburgs, lässt sich nieder und gründet eine Familie und nimmt am Wolfsburger Leben teil. „Mir war schon klar, dass ich wiederkommen würde. Man macht es schon allein deshalb, weil man in eine Tradition hineingeboren wird und diese auch erhalten möchte. Das ist Pflichterfüllung, klar, aber man muss auch Spaß dran haben.“ Der wurde dann gefördert durch die Gründung des Kunstmuseums und der Autostadt, die für ihn einen grundlegenden Wandel im Kulturleben der Stadt herbeigeführt haben.
freischwimmer: Wie wichtig ist denn die Kunst für Ihr Leben und wie wichtig ist eine so vielfäl-tige Kunstlandschaft wie in Wolfsburg?
Günther Graf von der Schulenburg: Der Beginn meiner zunehmenden Sammeltätigkeit fällt ja nicht zufällig in die Zeit der Gründung des Kunstmuseums und ist auch mit der Sammlung und den Begegnungen dort gewachsen. Das ging anderen auch so, zum Beispiel dem Hans-Joachim Throl. Die Sammlung im Kunstmuseum ist natürlich spektakulär und so habe ich auch einige Kunstpositionen dort für mich gefunden, natürlich auch viele von außerhalb.
Das heißt Sie müssen auch manchmal ausbrechen aus Ihrer Umgebung?
Mir ist es wichtig, rauszukommen. Denn nur wenn man rauskommt, kommt man auch wieder gestärkt hinein in diesen Nukleus Wolfsburg und die Stadt ist natürlich auch ein etwas schwieriger Nukleus, der immer wieder Impulse von außen braucht. Für mich persönlich sind das die Salzburger Festspiele, Ausstellungen, Konzertbesuche in London oder Paris usw. Dann kommt man wieder her, ist wieder entspannt und kann supergut bei Gmyrek seine Rouladen kaufen.
Wie können wir uns die Impulse vorstellen?
„Bei mir hat das viel mit Salzburg zu tun und mit dem Galeristen Thaddaeus Ropac. Durch ihn habe ich viele Künstler kennengelernt wie zum Beispiel meinen Freund Baselitz. Aber auch über das Museum kommen immer wieder schöne Kontakte mit Künstlern zustande. Douglas Gordon zum Beispiel habe ich beim Fußball getroffen und dann auch zusammen mit ihm die deutsche Meisterschaft erlebt und das Ereignis mit Whisky gefeiert. Der saß, wie andere Künstler, also zum Beispiel Eberhard Havekost, Imi Knoebel, Neo Rauch, Baselitz und auch John Eliot Gardiner, hier an diesem Küchentisch.
Der Küchentisch ist so etwas wie die Seele des Hauses?
Hier am Küchentisch, das sind schon wirklich wir. Hier hängt ein ziemlich adeliger Vorhang mit Pferden und Kutschen, dort hängt eine minimalistische Grafik von Richard Tuttle und mein Hund Othello hat eine Baselitz-Grafik über seinem Korb. Hier am Tisch treffen einfach viele Dinge aufeinander und an diesen Abenden entsteht Kommunikation. Douglas Gordon verschwand irgend-wann auf die Toilette und kam gar nicht wieder. Der wollte da auf dem Klo unbedingt ein Bild von Wolfgang Tillmans fotografieren auf dem das Künstlerpaar Gilbert und George zu sehen ist, und so stand er da auf der Brille und mühte sich nun und rief: „Mensch, Günther, du musst mir unbedingt helfen!“. Ich denke mir dann in diesen Momenten, wenn ein erheiterter Douglas Gordon auf deiner Klobrille steht und ein Kunstwerk, das du dir gekauft hast, abfotografieren möchte, dann merkst du einfach, irgendwas läuft hier genau richtig. Vielleicht klingt das merkwürdig, aber es ist eben auch sehr authentisch.
Das heißt, die Kunst bringt die Welt von außen nach Bisdorf hinein. Wenn wir uns so umschauen, dann leben Sie ja richtig mit der Kunst. Die Bilder scheinen sich stark aufeinander zu beziehen und sie erzählen offenkundig auch viel über Ihr Leben. Beim Sammeln scheint es nicht nur um die Bilder, sondern auch um die Künstler zu gehen.
Kunst zu kaufen, um sie aufhängen und herzeigen zu können, das ist überhaupt nicht das Thema. Sondern man lebt damit, weil man sie gernhat, weil sie einem richtig gefällt, und nicht, weil man sie wie Perlen auf eine Schnur zieht. Mir ist der Kontakt mit den Künstlern schon sehr wichtig.
Sind also die Künstler wichtiger als die Bilder?
Ja. Aber meine Frau würde jetzt sagen: „Komm, komm, lüg jetzt nicht, hinter den Palermo Grafiken warst du her wie der Hund hinter dem Presssack.“
Ist das dann auch Jagdinstinkt?
Ja. Ich bin ja auch Jäger. Meine Frau sagt immer: „Du hast ein Sammlergen und einen Jagdinstinkt.
Wo ist die Grenze zwischen Bilderkaufen und einer Sammelleidenschaft?
Es gibt da den wunderbaren Leitsatz des Sammlers Thomas Olbricht, der hat mal gesagt, wenn man mehr hat, als man an seine Wände hängen kann, dann ist man ein Sammler. Wenn Sie sich so umschauen, dann sehen Sie, dass ich gerade auf der Kippe bin.
Was war denn der Beginn Ihrer Sammelleidenschaft?
Den entscheidenden Schritt bin ich gegangen, am Tag bevor ich meine Frau in München im Biergarten kennengelernt habe. Da habe ich mir die Gouache von Baselitz gekauft und wusste gar nicht so recht, wer dieser Baselitz eigentlich ist, nur dass er verkehrt herum malt. Und gleichzeitig hat es mich aber auch sehr interessiert, wer dieser Baselitz eigentlich ist. Wenn ich das heute dem Georg erzähle, dann lacht er sich kaputt. Er und seine Frau sind die Paten meiner beiden Kinder.
Welche Künstler und Kunstrichtungen machen Ihnen denn Freude?
Wie man an meinen Bildern sieht, viel expressive Malerei. Georg Baselitz, A. R. Penck usw. Aber auch Minimalismus macht mir richtig Freude, das glaubt man mir immer nicht, weil ich äußerlich ja nicht gerade minimalistisch bin (lacht). Beim Minimalismus kommt bei mir eine Freude über die Reduziertheit, die Konzentration auf den Punkt. Das ist ja auch mein Motto: Nur Gegensätze erzeugen Spannung, nur durch Spannung geht etwas weiter und nur durch Spannung entsteht unternehmerische Aktivität.
Ist die Nähe zu Kultur eine Adelstradition?
Gerade entdecke ich meine Leidenschaft an den alten Meistern und vielleicht auch wieder die Wurzeln meiner Familientradition. Der Feldmarschall Johann Matthias von der Schulenburg war ja auch ein Sammler. Und dass man als Aristokrat sein Haus öffnet für Künstler, mit ihnen in einen Dialog tritt, das habe ich ja nicht erfunden. Wenn John Eliot Gardiner hier ist, dann gebe ich ihm ja einen Auftrag. Ich organisiere Geld für das Barockfestival Soli Deo Gloria von Sponsoren und beschäftige ihn. Das ist vielleicht die moderne Variante des Dialogs.
Wie sind Sie an Sir John Eliot Gardiner rangekommen?
Den habe ich auch über den Salzburger Galeristen Ropac kennengelernt. Ihm habe ich erzählt, dass bei mir im Schafsstall ab und zu Konzerte zu Gast sind, und mich dabei wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt. Dann wollte er unbedingt etwas mit mir machen und hat mir geschrieben: „Graf, I don’t want to bother your elbow, aber was ist denn nun?
Das heißt Gardiner wollte?
Ich habe mich durch ihn angestachelt und bei der Ehre gepackt gefühlt, dazu kam mein Ehrgeiz. Da kam dann wieder die Spannung, das hat mir gefallen. Im ersten Jahr haben wir natürlich sehr gezittert, aber dann war der Dom, der normalerweise für 700 Personen bestuhlt ist, mit über 1.200 Personen besetzt und dann haben wir gesagt, das war super, das machen wir wieder. So ist das entstanden und dann haben wir es weiterentwickelt.
War die Liebe zu alter Musik schon immer da?
Die war schon immer da und wurde dann durch meine Frau verstärkt, weil die ja schon in der Jugend im Bach-Chor gesungen hat. Im Übrigen auch im Chor von Karl Theodor zu Guttenbergs Vater.
Ist die Barockmusik auch eine spezielle Liebe innerhalb der klassischen Musik?
Man setzt sich damit auch tiefer auseinander und das muss man natürlich auch, wenn man Programme entwickelt. Aber es geht auch nicht um mich, sondern darum, authentische Musik an authentische Orte zu bringen und die Menschen zu verzaubern. Wir machen ja Konzerte hauptsächlich in Kirchen und Klöstern und eben nicht in einer Stadthalle. Schöne Orte sollen durch Musik belebt werden.
Gibt es in diesem Jahr einen speziellen Schwerpunkt bei Soli Deo Gloria??
Wir haben das Thema barocke Saiten gewählt, da geht es also um Streichinstrumente, insbesondere um die Viola da Gamba und das Cello. Im Kunstmuseum wird die Cellistin Ophélie Gaillard Suiten von Bach spielen und natürlich ist das ein örtlicher Bruch, aber ich spüre da auch eine emotionale Beziehung zum minimalistischen Ansatz von James Turrell. Im nächsten Jahr werden es wohl Antonio Vivaldi und Italien sein. Da wird es dann auch einen echten Höhepunkt geben. Wir werden Wolfsburg im Schloss meiner Väter sein und Juditha Triumphans von Vivaldi im Innenhof aufführen. Dieses Werk hat Vivaldi dem Feldmarschall Johann Mat-thias von der Schulenburg aufgrund des Sieges gegen die Türken auf Korfu gewidmet. Dann schließt sich für mich als geborener Schulenburg auch wieder ein Kreis.
[Hau - Nikolaus Hausser für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]