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Ein Nordsteimker Junge kehrt Heim: Ehme de Riese im Interview

Ehme de Riese
© Altschaffel

Kennen Sie Ehme de Riese privat? Also in Jeans, ohne Brille, am Grill? Da mag einem der andere Ehme de Riese – der Kultoptiker mit den schrägen Anzügen, der Kulturförderer mit einer ausgeprägten Liebe für Rilke und Jazz – wie eine Kunstfigur vorkommen. Doch vielleicht ist auch das Bodenständige, das vollkommene Aufgehen in Nordsteimker Dörflichkeit bloß Attitüde ... Nein, wir können Sie beruhigen: Ehme de Riese muss „keine zweite Person aufmachen“, wenn die Fußballkumpels von früher vorbeikommen; er bleibt einfach authentisch – und das ist auch sein Erfolgsgeheimnis.

freischwimmer: Herr de Riese, haben Sie einen schlichten grauen Anzug im Schrank?
Ehme de Riese: Gehabt. Sie werden es nicht glauben, aber bis ich 1986 meinen Freund Duschan de Sordjan kennengelernt habe, bin ich mit solchen Anzügen aufgetreten. Ich hatte blaue, schwarze, dunkelgraue. Und dazu Fliege. Das war mein Kennzeichen. Dann habe ich eben Duschan kennengelernt und festgestellt, dass es mir persönlich viel, viel mehr Spaß macht, mich anders zu kleiden als andere. Das war schon früher in Stuttgart so.
Wie groß ist Ihre Gaderobe mittlerweile?
Der Schrank reicht nicht mehr aus. Jedes Jahr bekomme ich von Duschan sechs bis acht Anzüge. Jetzt im Sommer fahren wir wieder hin, er hat für mich geschneidert. In zehn Jahren sind das dann 80 Anzüge. Also habe ich jetzt aktuell im Schlafzimmer und an den Kleiderwagen an die 110 bis 120 Anzüge. Dazu kommen dann noch meine Hemden, das sind bestimmt über 200.
Wie gut passt der, mit Verlaub, extravagante Ehme de Riese mit seinen 120 bunten Anzügen noch in das Nordsteimker Dorf, in dem er als Sohn des Melkermeisters aufgewachsen ist? Wie ist das mit den alten Schulfreunden: Sagen die, der Ehme von früher ist ein ganz anderer als der Ehme heute?
Ich war damals der erste Langhaarige in Nordsteimke, der Erste mit Röhrenhosen. Der Mut zum Außergewöhnlichen war schon immer da. Die Freunde in Nordsteimke sagen natürlich, dass ich mich verändert habe. Aber wenn sie sich in einem Dorf wieder so integrieren, wenn sie wieder so aufgenommen werden, dann bleibt ihnen gar keine andere Wahl, als sich wieder aufnehmen zu lassen. Hier will ich leben. Und hier integriere ich mich. Ich dichte Lieder fürs Maibaumfest, schreibe Mike Krüger und Udo Lindenberg um und spiele Gitarre. Da haben die Leute auch zuerst nicht geglaubt, dass ich das bin.
Das fällt auch nicht leicht …
Dann geht es Ihnen wie der Frau, die mich neulich hinterm Bratwurststand angesprochen hat: „Wissen Sie, Sie könnten der Bruder von Ehme de Riese sein.“ Da habe ich gesagt: „Das tut mir unheimlich leid, aber ich bin die Schwester.
Das ist wahrscheinlich auch das Ergebnis, wenn man eine Figur kreiert. Wollen Sie auf eine bestimmte Art wahrgenommen werden?
Hier auf dem Dorf sagen meine Freunde immer: „Wenn du Jeans anhast und keine Brille auf, erkennt dich kein Mensch.“ Das ist so. Ich bin übrigens der einzige B-Jugend-Kicker aus Nordsteimke, der jemals in der Niedersachsenauswahl gespielt hat. Ich habe hier oben oft noch nach Trainingsschluss alleine auf dem Sportplatz herumgetobt und war der Einzige bei unserer ersten 11:0-Niederlage gegen Tiddische, der wirklich gelitten hat. Das bin ich. So kennen mich noch viele. Das Erste, was ich daher gemacht habe, als ich wieder hergekommen bin: Ich habe meine alte Fußballmannschaft eingeladen. Wir haben Bierbänke aufgebaut und als Kumpels richtig gefeiert. Damit mache ich im Grunde aber auch keine zweite Person auf, sondern ich bleibe authentisch. Ich bin so. Ich bin anfassbar, quatsche gerne, wie Sie merken …
Trotzdem sehen einige in Ihnen einen strengen Stilpapst. Die ehemalige Kulturbüro-Chefin Daniela Guntner fürchtete von Ihnen einen Verriss Ihrer neuen Nicht- Ehme-Brille. Ist Ihnen bewusst, dass viele Wolfsburger Sie auch als jemanden sehen, der sie vermeintlich modisch beurteilt?
Bewusst ist mir das schon, denn es war ja grundsätzlich auch mein Ansatz, dass ich mein Ding mache. Ob jemand meinen Anzug oder mein Geschäft schön findet, ist zweitrangig. Speziell auf Frau Guntner angesprochen: Als sie dann zu mir kam, habe ich ihr gratuliert – Sie hatte eine fetzige Brille, die hätte ich ihr gerne verkauft. Sie wäre ein hervorragender Werbeträger gewesen, denn jeder hätte sie gefragt: „Mensch, hast du die von de Riese?“ Mir ist durch die Kundenkommentare schon bewusst, dass wir eine bestimmte Stilrichtung vertreten. Aber Stilpapst, das ist mir definitiv zu hoch. Ich glaube vielmehr, dass wir es durch unsere eigene Stilsicherheit schaffen, die Kunden mit dem für sie bestmöglichen ästhetischen Produkt wieder zu verabschieden.
Gibt es Leitlinien, nach denen wir Ihre Brillen ein bisschen eingrenzen können?
Als ich vor sieben Jahren angefangen habe, haben viele gesagt, das ließe sich sowieso nicht verkaufen, so etwas Beklopptes würde doch keiner tragen. Dabei versuche ich lediglich, die Trends, die sich irgendwo zeigen, ganz frühzeitig zu haben. Also lange bevor sie in den großen Kollektionen vertreten sind. Die großen Kollektionen ziehen immer nach. Bei der Kollektionssichtung oder der Gestaltung denke ich an diejenigen, die ich damit bedienen möchte – und nicht an mich. Die Menschen sind so vielfältig, da ist es unsere Aufgabe bei der Wahl des Sortiments, diese riesige Spannweite abzubilden. Jede Ehme-Brille hat eine Gemeinsamkeit: Sie ist typgerecht in Form, Farbe, Größe und Material.
Stichwort „typgerecht“: Können Sie sich vorstellen, eine Brille zu verkaufen, die nicht typgerecht ist, nur weil der Kunde sie unbedingt will? Oder sind Sie da rigoros und sagen „Nein, nicht bei mir!“?
Wir schaffen es wirklich, mit Argumenten unsere Kunden von falschen Entscheidungen wegzubringen. Denn langfristig betrachtet – und das versuchen wir auch bei allen neuen Mitarbeitern zu implantieren – ist nicht der schnelle Verkauf entscheidend, sondern die Wahrhaftigkeit. Was nützt es, wenn Sie jemandem wider besseres Wissen sagen, die Brille stehe ihm großartig? Denn kaum ist er aus Ihrem Laden raus, sagt ihm der erste Freund, den er trifft: „Bist du bescheuert? Wer hat dir denn das Ding angedreht?“ Wahrhaftigkeit heißt: sagen, was ich denke, tun, was ich sage, und sein, was ich tue. Wir müssen gute Optiker sein, guter Optiker sein und nicht mehr.
Jetzt untertreiben Sie aber. Sie fühlen sich doch bekanntermaßen nicht nur der Brille verantwortlich, sondern auch Ihrer Heimatstadt. Man kennt Sie als jemand, der sich sehr für das Gemeinwesen einsetzt. Aber wie viele andere gibt es in Wolfsburg, die das auch tun? Gibt es viele? Gibt es zu wenige?
Wen ich zu Anfang kennengelernt habe, das war Tobias Senft, der für mich schon ein bisschen Vorbild war, als ich ihn kennengelernt habe – und das nach wie vor ist. Ansonsten fällt mir noch Matthias Lange von WKS ein, der viel für die Stadt bewegt. Leider traut sich ansonsten von den kleinen Geschäftsleuten doch kaum einer mehr, den Weg der Personifizierung zu gehen und zu sagen: Der bin ich, das will ich, das tue ich. Ich habe vor einiger Zeit einen Vortrag darüber gehalten, wie ich Kommunikation mit dem Kunden verstehe. Da hab ich den 250 zuhörenden Optikern auch gesagt: Ihr seid doch alle Local Player. Warum lebt ihr das nicht? Warum sagt ihr das nicht? Warum kommuniziert ihr das nicht? Darin liegt der Erfolgsschlüssel für uns kleine Einzelhändler: Ketten leben diesen Lokalpatriotismus nicht, die haben null Bock auf Local Player. Dabei kann ich genau das nicht verstehen. Ich würde es anders aufziehen, auch als Kette. Bei mir waren die Leute früher alle in Sportvereinen, Schützenvereinen – die mussten sich immer engagieren.
Sie jedenfalls sind durch Ihr Engagement als Person ja auch wirklich in fast allen Schichten bekannt. Und man nimmt ihnen das karitative Interesse ab.
Und das, was mich eben so begeistert: Das nach sieben Jahren! Ganz ehrlich, das ist schon irre, das war nie geplant. Step by Step. So baut sich das dann auf. Aber die Gefahr ist schon die, dass es außen auch so ankommt, mein Gott, was ist das für ein Egotripper. Das ist mir bewusst. Das ist die Gefahr. Es liegt aber an mir, durch schlüssiges Verhalten all das zu widerlegen: Ich fahre niemanden auf dem Zebrastreifen um, ich feiere nicht nächtelang in der Stadt. Was mache ich? Ich versuche nur mein Ding zu machen – versehen mit meinen Werten.
Doch wenn es Ihnen dabei nur ums Marketing ginge, müssten Sie sich nicht für so viele soziale und kulturelle Projekte engagieren.
Doch. Denn genau diese Werte soll unsere Marke verkörpern. Sie können sich ja nicht hinstellen und sagen, dass Sie sozial sind. Das müssen Sie schon zeigen. Natürlich müsste ich es nicht, aber ich habe zu dem, was ich tue, auch einen echten Bezug.
Haben Sie ein Beispiel?
Zuletzt das Jazzkonzert mit karitativem Hintergrund. Allein aus diesem Konzert erlösen wir rund 3.000 Euro und bringen die nach New Orleans; mit den anderen sechs Konzerten wird das hoffentlich ähnlich. Das heißt also, wir werden zwischen 20.000 Euro und 30.000 Euro nach New Orleans bringen, direkt übergeben und wenn alles richtig funktioniert, wenn ein weiterer Traum von mir in Erfüllung geht, dann wird in dieser Klinik, die wir da unterstützen, kein Geringerer als Fats Domino die Spende entgegennehmen. Ich habe unzählige Konzerte von ihm gesehen. Mein Traum ist es, dieser Legende noch einmal mit 80 Jahren die Hand zu geben, bevor er von dannen geht. Dazu habe ich mit unserer Konzertreihe die Möglichkeit bekommen.
Sie sprachen vom echten Bezug zum Engagement. Wie tief und wahrhaftig ist der zu Fats Domino und New Orleans?
Da habe ich zum Abschluss eine Geschichte für Sie. Meine Mitarbeiter sind zu Folgendem angewiesen: Wenn ich mal im Geschäft umkippe, dann möchte ich bitte in einer gebürsteten Alu-Kiste rausgetragen werden – innen entweder smaragdblau oder rubinrot mit Samt ausgeschlagen – und mit den Füßen zuerst. Und draußen muss eine sechsköpfige Combo aus New Orleans stehen und die müssen spielen: „When The Saints Go Marching in“. Das will ich haben, das hab ich immer gesagt. Denn auch das ist Ehme de Riese.

[AKa - Alexander Kales für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]