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HERZLICH, MENSCHLICH, RETTICH

IM PORTRAIT: MARGRET UND ROLF RETTICH - EIN BESUCH BEI DEUTSCHLANDS BEKANNTESTEN KINDERUCHILLUSTRATOREN

Ehepaar Rettich
© Altschaffel

Der Mann an der Haustür sucht seine Vergangenheit. Und findet die Zukunft. Die Erfurter Wohnung seiner Eltern interessiert ihn eigentlich nicht besonders. Es ist vielmehr die junge Frau, die mit ihrer Mutter darin wohnt. Margret heißt sie, das haben ihm Freunde erzählt; und sie ist eine Kollegin, verdient – wie er – ihr Geld als Grafikerin. Und so nimmt Rolf Rettich allen Mut zusammen, drückt den Klingelknopf und hat für alle Fälle schon eine Ausrede parat: „Ich möchte Ihre Tochter beruflich sprechen", erklärt der junge Grafiker der Mutter. Die glaubt’s, lässt ihn ein, und so steht er in seinem einstigen Kinderzimmer seiner zukünftigen Frau gegenüber. „Wo jetzt der Schreibtisch ist, da stand mein Bett", erklärt er ihr. Und sie antwortet: „Setzen Sie sich erst einmal hin, gucken Sie sich um, ich koche Kaffee."

An derlei Gastfreundschaft hat sich bis heute nichts geändert. Wer die Rettichs in Vordorf besucht, in diesem von außen zunächst unscheinbaren 70er-Jahre-Haus am Ortsrand, der darf erst einmal Platz nehmen auf einem ausladenden, mit grünem Samt bespannten Jugendstilcanapé; vor einer in changierendem Grün gestrichenen Wand, an der Dutzende Miniaturen verschiedenster Stile und Epochen hängen. Der bekommt Apfelschorle und Gebäck serviert und lässt dabei den Blick schweifen: vorbei am ebenhölzernen Sekretär, vorbei am mächtigen Kachelofen, hin zu den Raum füllenden Bücherregalen. Darin stapeln sich neben den Großen der Weltliteratur auch Hunderte Kinder- und Jugendbücher: von Astrid Lindgren, Michael Ende, James Krüss und unzähligen anderen. Sie – und nicht etwa die handgebundenen Folianten – sind die wahren Schätze der Rettichs. In vier Jahrzehnten haben sie rund 350 Bestseller für junge und jung-gebliebene Leser illustriert und mehr als 80 selbst geschrieben.

Doch tief verbunden fühlt sich das Ehepaar nicht nur im Beruflichen. Da ist noch viel mehr. Und das spürt sie bereits, als er 1956 in ihrem Arbeitszimmer steht: „Ich wusste, dass er der Richtige ist." Auch bei ihm funkt es sofort. Trotzdem bleiben die beiden zunächst beim Sie, wenn sie tagsüber in Leipzig nach einem Atelier suchen und abends durch die Künstlerkneipen der Ostmetropole ziehen. Immer deutlicher merken sie dabei, dass sie füreinander geschaffen sind. Nachts singen sie „Siehst du den Mond über Soho", den leidenschaftlichen erotischen Wechselgesang von Polly Peachum und Mackie Messer aus Brechts Dreigroschenoper, stundenlang erzählen sie, scherzen sie, lachen sie. Zwei Jahre später, 1958, heiraten Margret und Rolf Rettich, kurz darauf beziehen sie ihr gemeinsames Wohnhaus und Atelier: ein ehemaliges, recht baufälliges Gasthaus in Leipzigs Altstadt. Auch beruflich läuft es gut: Die Messe Leipzig versorgt die beiden Grafiker mit Arbeit und für DDR-Verhältnisse führen die Rettichs ein fast schon luxuriöses Leben.

Doch immer stärker merken sie, dass sie wegmüssen aus diesem Staat, aus der sozialistischen Enge. „Im Frühjahr 1960 lag wieder diese Bösartigkeit in der Luft wie 1948 kurz vor der Berlin-Blockade", erinnert sich Rolf Rettich. In der Leipziger Polizeidirektion beantragt das Ehepaar eine Ausreisegenehmigung: Eine Woche lang wollen sie Verwandte in Niedersachsen besuchen – und zunächst auch wieder zurück in ihr Jugendstil-Gasthaus, das sie inzwischen ordentlich herausgeputzt haben. Doch aus der einen Woche im Westen werden zwei, dann drei. Und wenige Monate später trennt eine Mauer die beiden Deutschlands.

In ihrer neuen Heimat stehen die beiden Grafiker zunächst vor dem Nichts. Ein Auto, etwas Bargeld, ein bisschen Kleidung – das ist alles. Doch es sind Wirtschaftswunderzeiten, auch im Literaturbetrieb. Das passt gut: Denn im Westen wollen die Rettichs einen Traum verwirklichen und Kinderbücher illustrieren. Die erste Bewerbung ist bereits ein voller Erfolg. Der renommierte Hamburger Oetinger Verlag fordert umgehend Probezeichnungen an. „Ich durfte meinen Mann mehrere Tage nicht stören, lediglich zum Essen hat er seine Arbeit unterbrochen", erinnert sich Margret Rettich. Schließlich hat Rolf Rettich 180 Probezeichnungen angefertigt statt der üblichen drei bis vier.

Das Verlegerehepaar Oetinger ist begeistert, von der Menge ebenso wie von der Qualität. Statt der bislang üblichen 30 großformatigen Abbildungen lässt der Verlag das Buch mit 250 Vignetten darin drucken – mit Erfolg: James Krüss’ „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen" wird der Renner auf der Frankfurter Buchmesse; bewerben muss sich Rolf Rettich fortan nirgendwo mehr. Im Gegenteil: Große, einflussreiche Verlage, ja sogar das Fernsehen reißen sich darum, mit den Illustratoren aus Vordorf zusammenarbeiten zu dürfen. 1976 verpflichtet der WDR sie als Geburtshelfer für die „Sendung mit der Maus" – die Rettichs zeichnen unzählige Folgen der „Lach- und Sachgeschichten".

Routine haben die beiden trotzdem nie aufkommen lassen. Beruflich wie privat. Bei jedem Auftrag war das Lampenfieber da. „Ich bin beim Sortieren der Illustrationen immer in lauten Jubel ausgebrochen, um ihm seine Aufregung etwas zu nehmen", sagt Margret Rettich. Genutzt hat das nichts. Auch im Eheleben gab es keine Monotonien, keinen emotionalen Stillstand: „Wir haben uns nie gelangweilt. Das ist wichtig. Denn gerade das Alltägliche ist es, woran viele Menschen scheitern."

AKa

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Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.

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