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NICHT SCHÖN ... UND AUCH NICHT SELTEN

Das phÆno ist inzwischen omnipräsent – und polarisiert architektonisch wie am ersten Tag. Gut so, findet Dr. Wolfgang Guthardt.

Dr. Wolfgang Guthardt
© Altschaffel

Es ist ein Naturwissenschaftsmuseum, das mehr als nur ausstellen will: Selbst experimentieren, entdecken, sich überraschen lassen – das ist Programm. Genauso wie ein umfangreiches Ensemble an Kulturveranstaltungen, das den Zaha-Hadid-Bau – oftmals im wahrsten Wortsinn – in neuem Licht erscheinen lässt. Längst fällt es nicht mehr leicht, die Grenze zwischen Science-Center und Kultur-Zentrum zu ziehen. Doch genau das schätzt Dr. Wolfgang Guthardt, Direktor des phæno, an seiner Institution. Dem freischwimmer hat er erklärt, warum Event-Charakter sein muss und ein Museum wie das phæno architektonisch einfach nicht „nice“ sein darf – auch wenn’s die Gemüter erregt …

Hand aufs Herz, Herr Dr. Guthardt: Waren Sie als Schüler gut in den Naturwissenschaften?

Dr. Wolfgang Guthardt: Ich war in Physik kein Musterschüler, absolut nicht. Ich war einer, der so etwas wie das phæno hätte gut gebrauchen können. Aber Wissenschaft zum Ausprobieren gab‘s leider zu meiner Schulzeit noch nicht.

Sie sind später ein Mann der Geisteswissenschaft und inbesondere auch der Kultur geworden, deren Dezernent Sie schließlich in Wolfsburg waren. Wie kam es da zu der Begeisterung für Science-Center? War sie schon vor den ersten phæno-Plänen vorhanden?

Nein, die Auseinandersetzung mit Science-Centern war tatsächlich situationsbedingt: Im Vorfeld der Expo 2000 dachte die Stadt Wolfsburg über ein kommunales Pendant zur Autostadt nach, um den Bürgern und um Menschen, welche die Stadt besuchen, noch mehr bieten zu können. In diesem Zusammenhang wurde ich auf Science-Center aufmerksam, wobei mich viele, die ich am Anfang gesehen hatte, nicht voll überzeugen konnten. Aber es gab auch wunderbare Vorbilder: Besonders eindrucksvoll zum Beispiel das Technorama in Winterthur und sein Brückenschlag von der Naturwissenschaft zur Kunst. Dies spiegelt sich ja auch bei uns im phæno wider, nicht nur im Bauwerk, sondern dadurch, dass viele Exponate ästhetische und geradezu philosophische Werke sind. Zudem hat mich auch der Ansatz des „Learning by Doing“ sehr angesprochen. Ich hatte mich während meiner Zeit als Volkshochschulleiter intensiv mit dem „Selbstlernen“ beschäftigt.

Sie weisen auf die kulturelle Ausrichtung eines Museums hin, das eigentlich einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt hat. Der Kulturdezernent in Ihnen ist also wach geblieben?

Den kann ich nicht ganz verleugnen, beizeiten rutsche ich unfreiwillig wieder ins alte Fach. Das Bestreben dahinter ist aber nicht, auch noch in Kultur zu machen, wo wir doch eigentlich andere Themen haben. Absicht ist vielmehr, Naturwissenschaften und Technik ins vielfältige städtische Leben „einzuklinken“, sie inmitten des städtischen Lebens stattfinden zu lassen. Das ist auch der Grund, weshalb wir neben Kulturveranstaltungen zum Beispiel auch Public-Viewing wie bei den Fußball-Welt- und Europameisterschaften angeboten haben ...

Man bekommt dennoch ein bisschen den Eindruck, dass das phæno zumindest lokal als Kulturzentrum auftritt …

80 % unserer Besucher kommen wegen Naturwissenschaft und Technik und der Architektur. Aber natürlich legt der Bau kulturelle Veranstaltungen nahe. Und überhaupt – heutzutage muss sich jede Institution besonders bemühen, eine weite gesellschaftliche Akzeptanz zu bekommen. Wenn das Publikum nun auf Angebote, die eigentlich nicht im Kernbereich der Institution liegen, besonders positiv reagiert, dann baut man diese natürlich aus, zumal ohne große und immer wieder neue Veranstaltungen die Aufmerksamkeit der Bürger verloren geht. Ob wir es wollen oder nicht: Die Zeiten von stillen Dauerausstellungen sind vorbei. Natürlich kann es bei einer zunehmend ausgeprägter Event-Kultur auch zu Überschneidungen mit anderen Einrichtungen kommen.

Das phæno zieht nicht nur mit der Ausstellung Besucher an, sondern veranstaltet auch Events wie die Phænomenale, das Science & Art Festival der Region. Kann man sagen, dass gerade die Unterhaltungs-Marke phæno Menschen anregt, sich mit abstrakten und komplizierten Technik-Themen auseinanderzusetzen?

Wir konnten die Erfahrung machen, dass das ursprüngliche Konzept voll aufgeht, sich spielerisch mit Naturwissenschaften zu beschäftigen. Physik nicht nur als abstrakte Sache. Am Ende soll man sagen können: „Das hat Spaß gemacht – und ich habe etwas gelernt!“

Die emotionale Ebene und das Erfahren spielen eine große Rolle?

Dieser Punkt ist sehr wichtig. phæno bedient gerne die emotionale Ebene, dadurch kann der Laie den Zugang zu Naturwissenschaft und Technik nachhaltiger finden. Das Glückserlebnis, etwas herausgekriegt zu haben, motiviert dazu, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. In erster Linie ist unser Bestreben, dass unsere Besucher uns stolz auf sich und glücklicher verlassen (und wiederkommen).

Haben Sie schon messbare Erfolge darin verzeichnen können, junge Menschen für dieses Thema auch außerhalb der Ausstellung zu begeistern?

Das ist eine schwierige Angelegenheit. Man kann nicht einfach sagen: Der war so-undso oft im phæno und jetzt möchte er Physiker werden. Da spielen natürlich noch viele andere Einflussfaktoren eine Rolle. Ich habe aber vor Kurzem mit einem ehemaligen Vize-Präsidenten einer TU gesprochen, der festgestellt hat, dass Abiturienten, die sich bezüglich ihrer Studienwahl noch nicht sicher sind, nach einem Besuch im phæno tatsächlich ins Auge fassen, ein technisches Fach zu wählen. Dazu gibt es aber eben noch keine stichhaltigen Untersuchungen.

Ist Ihrer Meinung nach der Wunsch der Gesellschaft, Technik oder Physik zu verstehen, in den letzten Jahren gewachsen?

Ich glaube schon. Man kann das ja auch an den vielen Fernsehsendungen, die sich mit Wissen im Allgemeinen oder Naturwissenschaften im Speziellen beschäftigen, ablesen. In Deutschland herrschte lange Totenstille um diese Themen. Heute werden sie dafür besonders beachtet: Es gibt kaum einen Wirtschaftsverband oder eine große Firma, die nicht sagt, Kinder und Jugendliche für Technik und Naturwissenschaften begeistern zu wollen. Das belebt das Geschäft in unserer Branche auf ungeahnte Weise und zwingt uns, immer den höchsten Anforderungen zu entsprechen.

Für das phæno bedeutet das sicherlich auch, sich kontinuierlich abgrenzen und neu positionieren zu müssen. Wenn Sie nun, nach mehr als 3 Jahren phæno, Bilanz ziehen müssten: Wie ist die Wahrnehmung der Bevölkerung dem Science-Center Wolfsburg gegenüber? Ist es eine feste Größe?

Zu Anfang waren wir ja schon mit Vorurteilen der Bevölkerung konfrontiert. Gründe dafür waren natürlich die schwierige Baugeschichte und dann auch die Mehrkosten. Die Voraussetzung, überregional erfolgreich zu sein, hängt auch davon ab, wie sehr die Einheimischen von diesem Projekt überzeugt sind. Der auswärtige Besucher merkt, wenn eine Institution im Ort verankert und verwurzelt ist. Als ich zum Beispiel in Toronto das Science-Center besucht habe, war ich beeindruckt. Vom Hotelier über den Taxifahrer bis zum Kneipenwirt: Jeder kannte es und konnte mir den Weg beschreiben. Man merkte, alle waren schon mal da gewesen und hatten „ihr“ Science-Center in guter Erinnerung. Dies fördert das positive Bild des Projekts ungemein …

… und doch polarisiert das phæno – oder besser gesagt: seine Architektur. Den gleichnamigen Filmtitel haben sich viele „Raumschiff-Gegner“ zum Leitsatz gemacht: „Schade, dass Beton nicht brennt.“ – Was entgegnen Sie solchen Kritikern?

Ich denke, ohne dieses Gebäude wären wir nicht so fulminant und auf einen Schlag bekannt geworden. Die Medien haben uns gerade deshalb besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Aus der lokalen Situation heraus war das auch wichtig. Ich stelle aber auch jetzt immer wieder fest, dass uns nicht zuletzt durch die bauliche Präsenz journalistisch viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Die Verbesserung des „Vorplatzes“ hat nun endlich auch begonnen. Dabei wollen wir das Bauwerk in seiner Konsequenz beibehalten, aber seine Erhabenheit noch unterstreichen. Dieses Objekt ist ganz nach der Art der Architektin voller Dynamik, Kraft und Emotionen. Zaha Hadid sagte einmal: „I don’t do nice!“: Die Wirkung soll nicht gemütlich und nett, sondern atemberaubend sein und neugierig machen. Und das ist ja der Fall.

Gibt es schon Überlegungen, in welche Richtung Sie mit dem phæno in den nächsten 10, 20 Jahren gehen wollen?

Eine komplette Zukunftsagenda gibt es noch nicht. Wir haben uns aber von Anfang an mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Halbwertszeit unserer Angebote einzuschätzen ist. Der Neuigkeitsbedarf der Menschen spielt dabei immer eine größere Rolle. Diese schnelle Folge an Sonderausstellungen und Aktionen, die wir anbieten, sieht man wahrlich nicht bei jedem Science-Center. Aber in Wolfsburg und unserem starken Konkurrenzumfeld müssen wir das machen. Unsere Exponate sind in gewissem Sinn aber auch zeitlos: Der Besucher lernt nicht nur etwas über die Materie, sondern insbesondere über sich selbst.

Verraten Sie uns noch, welches Ihr Lieblingsexponat ist?

Ich habe einen ganzen Sack voll mit Lieblingsexponaten. Mir fällt spontan der „Magnetische Igel“ ein. Der ist einfach immer wieder schön anzuschauen.

[AKa - Alexander Kales für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]