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AUS LIEBE ZUM MENSCHEN

Autostadt-Kreativdirektorin Dr. Maria Schneider im Interview

Dr. Maria Schneider
© Autostadt

Kunst, Kultur, Events, aber auch ökologischer Landbau: In vielen Themenfeldern gehört die Autostadt zu den Vordenkern.
Thomas Holthoff sprach mit Kreativdirektorin Dr. Maria Schneider über Berufliches, Privates und das Erfolgsgeheimnis des automobilen Freizeitparks, der seit seiner Gründung mehr als 14 Millionen Menschen in seinen Bann gezogen hat.


Seit es die Autostadt gibt, setzen Sie dort die kreativen und kulturellen Akzente. Was reizt Sie an dieser besonderen Aufgabe?

Dr. Maria Schneider: Was ich spannend finde – und ich bin ja diesen Weg auch sehr bewusst gegangen – ist die Auseinandersetzung von Kunst und Wirtschaft. Ich empfinde es als besonders herausfordernd, Kunst in Bereiche hineinzutragen, in denen sie fremd ist und in denen künstlerische Strategien nicht zum Alltagsrepertoire der Menschen gehören.

Wie frei kann die Kunst sein, wenn sie in einer Wechselbeziehung mit den Interessen eines multinationalen Konzerns steht? Im Skoda-Markenpavillon gibt es höchst politische Darstellungen. Darf man das?

Ja, sonst könnten wir auch nicht mit der Kunst von Ingo Günther die Besucher im großen Eingangsbereich begrüßen. Ingo Günther ist ein sehr politischer Künstler, der hinterfragt und aufzeigt. Es ist uns im Übrigen sehr positiv ausgelegt worden, dies im Eingangsbereich eines Weltkonzerns zu tun. Ich finde, es ist ein Stück Souveränität, dass sich Volkswagen so etwas leisten kann.

Ihre alltägliche Arbeit wird bestimmt durch Kunst. Wie sieht das im Privaten aus? Gibt es einen Lieblingskünstler?

Wenn man sehr intensiv mit Kunst arbeitet, Ausstellungen kuratiert und organisiert, ist die Auseinandersetzung mit dem Künstler und seiner Kunst sehr groß und eng. Und

dann kommt der nächste, wieder wunderbare Künstler, wieder mit einem ganz hohen Niveau, einer ganz anderen Sprache und künstlerischen Strategie. Dann ist er wieder das Zentrum. In diesem Spannungsbogen bin ich dann über meine weißen Wände im privaten Umfeld ganz glücklich.

Sie haben weiße Wände ohne Kunst?

Ja. Mich inspiriert die Leere. Sie schafft Ruhe und den Raum für Neues.

Darf ich fragen, wie Sie leben? Klassisch oder ganz modern?

Wir haben ein Haus aus den 60er-Jahren hier in Wolfsburg und ein 200 Jahre altes Haus im Kehdinger Land, ein reetgedecktes Bauernhaus bei Stade an der Elbe.

Sie scheinen die Natur zu lieben. Brauchen Sie die Großstadt?

Ja. Ich liebe die Großstadt. Ich gehe unglaublich gern durch Straßen. New York ist meine Stadt. Ich kann Stunden zu Fuß unterwegs sein, genieße ein gutes Essen, beobachte die Menschen und bin ein glücklicher Mensch.

Würden Sie sich als Bauch- oder Kopfmensch bezeichnen?

Der Bauch entscheidet sehr viel bei mir, der Kopf sortiert und schafft Struktur.

Was vielen Besuchern gar nicht bewusst ist: Dieses Spannungsverhältnis zwischen Urbanem und Ländlichem gibt es ja auch in der Autostadt. Im Hightech-Ambiente werden Öko-Produkte serviert. Wobei Sie dieses Thema nach außen noch stärker kommunizieren könnten ...

Das werden wir auch. Als wir entschieden haben, dass wir einen ökologischen Weg einschlagen wollen, mussten wir feststellen, dass die Öko-Bauern aus der Umgebung nicht in den gewünschten Mengen liefern können. Deshalb haben wir gemeinsam mit den Bauern nach einem Weg gesucht. Und sind heute fast in der Lage, täglich frische Bioprodukte angeliefert zu bekommen, um den riesigen Bedarf zu decken.

Die Autostadt hat eine Strategie gemeinsam mit den Bauern entwickelt?

Ja. Mit Bauern aus verschiedensten Regionen, zum Beispiel aus der Magdeburger Börde, die bereit waren, für so einen großen Abnehmer zu produzieren. Mit der Bohlsener Mühle haben wir unser Getreide auf die Rezepte von Mövenpick hin neu konzipiert. Wir sind da schon einen sehr besonderen Weg gegangen, aber wir wollten dies nicht an die große Glocke hängen, bevor wir sicher sind, dass wir diese Strategie auch dauerhaft durchhalten können.

Öko-Bauern besitzen durch ihre Arbeit wichtige Erfahrungswerte über den nachhaltigen und sinnvollen Umgang mit der Ressource Natur. Glauben Sie nicht, dass man solche Themen auch Besuchern der Autostadt vermitteln sollte?

Absolut. Wir möchten zeigen, zum Beispiel durch die Sinnestour, wie unsere Produzenten arbeiten und wie ein „Produkt" entsteht. Das ist ein Prozess, der vielen Menschen heute gar nicht mehr bewusst ist und den wir vermitteln wollen. Diesen pädagogischen Anspruch hatten wir auch, als wir das „pizza a mano" so angelegt haben, dass Kinder dort selbst Pizza backen. Sie sollen erkennen, dass Basilikum nicht aus der Streudose kommt und eine Pizza nicht aus dem Kühlschrank. Wir sind überzeugt, dass eine derartige Erkenntnis dann auch zu einem anderen Ernährungsbewusstsein führt.

Jährlich besuchen 2 Millionen Menschen die Autostadt – und das sicher nicht nur wegen exzellenter Kunst und ökologischer Produkte. Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Ich bin wirklich davon überzeugt, dass man die Menschen lieben muss, für die man solch ein Angebot schafft, wie wir es in der Autostadt tun. Sonst kann nichts wirklich Starkes, nichts wirklich Gutes entstehen. Man muss den Besuchern Respekt entgegenbringen.

[THo - Thomas Holthoff für freischwimmer-Magazin.
Das Wolfsburger Kulturmagazin des Hallenbad - Kultur am Schachtweg.]