
Drehen wir an diesem Punkt die Uhr zurück und blicken auf den Start zu einem mutigen Projekt, das am 8. September 1998 von 15 – ehrenamtlich tätigen – Kunst-Enthusiasten ins Leben gerufen wurde. "Wir hatten die Städtische Galerie, wir hatten den Kunstverein, wir hatten das Kunstmuseum. Wolfsburg war in diesem Punkt alles andere als kulturelle Wüste", sagt Hans-Joachim Throl. Und warum dann noch ein weiterer Verein? "Weil es keine Einrichtung gab, die speziell jungen Künstlern ein Forum bieten konnte", erklären Throl und Simone Arndt unisono. Dass die Junge Kunst ein niedrigschwelliges Angebot im wahrsten Sinne des Wortes wurde, ist einem Glücksfall zu verdanken. Die Neuland stellte Galerie-Räume in der Schillerstraße zur Verfügung. Eine Lokalität, die auch der Laufkundschaft Zugang bietet und die – mitten im Herzen der Stadt gelegen – alles andere als ein Respekt einflößender Bau ist, dessen Anblick Schwellenängste aufkommen ließe. Auf diese Weise platzierte sich die Junge Kunst (auch) in der Wahrnehmung und Akzeptanz jener Wolfsburger, die eigentlich nicht der Schar klassischer Galerie-Gänger zuzurechnen sind.
Was den Verein aber mit Riesenschritten voranbrachte, das war die Auswahl der jungen Künstler, die bei der Jungen Kunst ihre zum Teil "globalen Karrieren" begannen. Darunter sind Namen wie der von Anja Schrey. Die beeindruckte mit Buntstiftzeichnungen gigantischer Ausmaße – das Bild "Die Liegende" misst vier Meter – die Wolfsburger Kunstinteressierten. Ausgestellt hat im Laufe der Jahre auch der Japaner Tazro Niscino. Der trug die Junge Kunst in Wolfsburgs öffentlichen Raum. Zu einer Zeit, als die Piazza Italia noch nicht die Piazza Italia war, baute der Künstler ein spektakuläres Wohnzimmer. Rund um einen dort abgestellten Audi 100, dessen Dach zur Tischplatte in einem Zimmer der ganz besonderen, weltweit einmaligen Art wurde. "Ein Projekt, das schon während seiner Entstehung für viel Spannung und Zulauf von Neugierigen gesorgt hat", erinnert sich Simone Arndt.
Spannend, vor allem für die Beteiligten, war auch das, was die Junge Kunst in ihrer jüngsten Ausstellung der Öffentlichkeit präsentierte. "Landschaft? – Westhagen" ist der Kooperation mit den Schulen, in diesem Fall mit dem Albert-Schweitzer-Gymnasium, entsprungen. Die 12. Jahrgangsstufe hat Eindrücke in Malerei umgesetzt. Für Zaineb Dahbi eine "ganz tolle Sache". Denn: "Ich habe meine eigenen künstlerischen Fähigkeiten entdeckt und gesehen, wie gut auch meine Mitschüler malen können." Was das Projekt in ihren Augen, gegenüber dem gewohnten Kunstunterricht, sehr hervorhebt: „Wir haben unsere Arbeiten in der Öffentlichkeit gezeigt – das ist ein prima Gefühl, man ist ein bisschen stolz auf sich." Zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt "Junge Kunst" mit dieser Kooperation vor Ort. "Wir unterstützen junge Leute bei ihren eigenen künstlerischen Versuchen. Und wir bringen deren Freunden, die sind in großer Zahl bei Ausstellungseröffnungen zugegen, unseren Verein und die Kunst näher", sind sich Throl und Arndt einig.
Das ist ein schöner Effekt, aber der Schwerpunkt des Engagements liegt selbstverständlich bei den Profis, und zwar bei allen Facetten von künstlerischer Arbeit. Der Verein bemüht sich bei seinen Expositionen – 37 gab es im Laufe der 10 Jahre – um Vielfalt. Malerei, Skulptur, Fotografie und Videokunst: Die unterschiedlichsten Genres waren vertreten. Dass es mit dem Verein bisher stetig nach oben und auf eine Mitgliederzahl von rund 100 ging, ist ehrenamtlichem Engagement zu verdanken. Siegfried Trogisch, Henning Großjohann, Dr. Susanne Pfleger, Ingrid Eckel – sie unterstützen, neben vielen anderen, die Junge Kunst in Wolfsburg. Ein weiterer Entwicklungsgarant ist eine gute Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Bundesweit hat sich der Verein inzwischen einen Namen gemacht und wenn es eines Beweises dafür bedürfte – hier ist er: Rund 70 Bewerbungen junger Künstler trudeln pro Jahr bei Simone Arndt ein. Sie alle wollen in der Galerie in der Schillerstraße ihre Werke zeigen. Keine leichte Auswahl für die fünf- bis sechsköpfige Jury um den Vorsitzenden Hans-Joachim Throl.
Kaum Kopfzerbrechen hat es gegeben, was die beiden Jubliäumsausstellungen angeht. Die Wahl fiel rasch auf zehn Künstler, wobei zum Auftakt Werke von Sonja Alhäuser, Heike Kati Barath, Anja Schrey, Matten Vogel und Klaus Wanker gezeigt werden. Am 8. September, also direkt zum "Zehn-Jahres-Tag", beginnt die Schau der gemalten und gezeichneten Bilder – sie dauert bis zum 25. Oktober. Dann wird umgeräumt in der Galerie, am 7. November folgt Teil II. Der hat Fotografien, Skulpturen und Installationen zum Inhalt. Birgit Dieker, Andreas Grahl, Volker Lang, Bettina Pousttchi und Sascha Weidner stellen dann – nochmals – bei der Jungen Kunst aus.
Erfolg ist schön, Stillstand aber bedeutet Rückschritt. Welche Innovationen könnten sich Hans-Joachim Throl und Simone Arndt für die Zukunft vorstellen? "Kooperationen mit neuen Partnern, zum Beispiel mit dem Italienischen Kulturinstitut. Das hieße, auch jüngeren Künstlern aus Italien eine Plattform zu bieten. Außerdem sind Aktionen, unter anderem mit der HBK Braunschweig, denkbar, die noch mehr Kunstobjekte in den öffentlichen Raum bringen." Denn ein Mehr an Kunst, das könnten Wolfsburgs Straßen und Plätze durchaus noch vertragen, meinen die zwei von der Jungen Kunst.

Dieser Artikel ist im freischwimmer, dem Kulturmagzin des Hallenbads Wolfsburg erschienen.
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