Dr. Bettina Greffrath macht die Historie lebendig - mit Objekten und Erinnerungen
© Landmann
„Es muss zu eigenen Entdeckungen anregen." – Dr. Bettina Greffrath besitzt eine klare Vorstellung davon, wie ein gutes Museum auszusehen hat. Im Stadtmuseum am Schloss ist dieses Konzept bereits umgesetzt. Dafür gab es 2001 einen Museumspreis der Niedersächsischen Sparkassen-stiftung. Im Interview erklärt die Leiterin der historischen Museen in Wolfsburg, warum Wolfsburg für Historiker echte Überraschungen bereithält, Hoffmann von Fallersleben als Bestsellerautor gilt und ein Museum nur dann etwas taugt, wenn es Geschichten erzählt.
Frau Dr. Greffrath, mal ganz ehrlich: Beneiden Sie nicht manchmal Ihre Kollegen im Trier um ihre vielen Ausgrabungsstücke aus der Römerzeit? Oder die vielen Mittelalter-Historiker um staubige Folianten in Klosterbibliotheken?
Dr. Bettina Greffrath: Überhaupt nicht. Ich bin Zeithistorikerin, die ältere Geschichte war nie mein Thema. Mich haben die
NS- und Nachkriegsgeschichte viel stärker interessiert. Und beide Epochen lassen sich am Beispiel Wolfsburgs sehr gut und lebendig darstellen. Zugleich wurde diese wichtige Stadtgründung des
20. Jahrhunderts in einem historischen Raum verwirklicht. Genau diese Spannung zwischen Historie und Moderne macht Wolfsburg so interessant und reizvoll. Vor meinem Antritt hier vor 18 Jahren hätte ich das nicht erwartet.
Dass nennenswerte Wolfsburger Geschichte schon vor 1939 beginnt?
Genau. Mich hat überrascht, dass es hier alte Schlösser und Burgen gibt: zwei Renaissanceschlösser – eins eben hier am Allerpark und eins in Fallersleben – und eine spätmittelalterliche Wasserburg in Neuhaus.
Erleben Wolfsburg-Besucher eine ähnliche Überraschung?
Das Ritz-Carlton empfiehlt vielen Gästen einen Besuch im Stadtmuseum. Sie kommen aus der Hightechwelt der Autostadt zu uns und sind natürlich sehr erstaunt, dass Wolfsburg neben moderner Architektur eben auch ein bedeutendes Schloss der norddeutschen Renaissance hat. Allerdings ist es auch wieder eine hiesige Besonderheit, dass das komplette Gebäude der modernen Kunst gewidmet ist. Viele, die ein Schloss in klassischem Sinne erleben wollen, sind davon erst einmal enttäuscht. Deswegen gibt es im Stadtmuseum eine Abteilung Schlossgeschichte. Wenn die Gäste schon keine Räume mit historischem Mobiliar anschauen können, dann wenigstens Informationen, Ansichten und Dokumente hierzu in unserem Haus.
Und das, obwohl Sie das Museum eigentlich der Nachkriegsgeschichte gewidmet haben, für die Wolfsburg ja ein reicher Objekt- und Personenfundus ist …
Das war nicht immer so. Als ich zu Beginn meiner Tätigkeit die ersten Veranstaltungen zur Nachkriegs-geschichte geplant habe, haben sich gerade einmal acht Bürger daran beteiligt. Mit der Zeit wurden es aber immer mehr. Für die Arbeit des Museums ist die Zusammenarbeit, das Gespräch mit den Menschen, essenziell: Wir bilden das Objektgedächtnis der Stadt; wir sammeln die Objekte jedoch nicht nur, sondern notieren auch ihre Geschichte. Nehmen wir als Beispiel den Schweißeranzug, den wir schon an große Museen in Berlin, Bonn und Leipzig verliehen haben: Durch das Zeitzeugeninterview, das es auch als Hörstation gibt, erhält die Montur eine Geschichte, die sich jeder Besucher erzählen lassen und mit seinen persönlichen Erfahrungen vergleichen kann.
Interessieren sich die Wolfsburger für ihre Geschichte?
Die ältere Generation sehr stark. Besonders diejenigen, die den Aufbau miterlebt haben. Damals waren Sonntagsspaziergänge vor allem dazu da, zu erkunden, welche Gebäude innerhalb der Woche neu begonnen oder fertiggestellt wurden. Von Bürgern, die diese Zeit miterlebt haben, bekommen wir eine Menge Anregungen. Gut zuhören, das ist eine Grundvoraussetzung für den Beruf.
Werden Sie auf der Straße angesprochen?
Ja – und ich bin immer wieder erstaunt, wie geduldig mein Lebensgefährte sein kann, wenn sich zum Beispiel der Wochenendeinkauf dadurch in die Länge zieht. Aber ohne Tipps der Bürger …
… stünde zum Beispiel der 50er-Jahre-Friseursalon heute nicht in der Ausstellung.
Ja. Das war ein echter Glücksfall. Eine Mitarbeiterin gab uns den Tipp, wir sollten mal bei dem inzwischen geschlossenen Damen-und Herren-Haarschneider am Reislinger Markt hinter die Vor-hänge schauen, das wäre eventuell etwas fürs Stadtmuseum. Wir sind dann wie die Entdecker hin und haben sogar eine ehemalige Friseurin gefunden, die uns etwas zu dem Salon erzählen konnte.
Eine typische Wolfsburger Geschichte: Die Stadtteile hier wurden in der Vergangenheit immer mit der Bezugsgröße „eine Grundschule" geplant, hatten also 3.000 bis 4.000 Einwohner. Irgendwann waren die Kinder weg, der Stadtteil überalterte, viele Wohnungen standen plötzlich leer und der Friseur hatte zunehmend weniger zu tun. Am Schluss kam nur noch eine Handvoll Stammkunden. Als die Inhaberin verstorben war, übernahm ein italienischer Gastronom die Immobilie und wollte sie zur Videothek umbauen. Er aber wurde von einem neuen demografischen Wandel überrascht: Junge Familien zogen zu, es gab wieder Kunden für einen Friseur. So landete die Einrichtung nicht auf dem Sperrmüll – wir waren zum Glück schneller, weil wir wie Detektive in Sachen Stadtgeschichte auch nach Feierabend nach außergewöhnlichen Objekten suchen.
Haben Sie privat dann eigentlich noch Lust auf Museen?
Schon, aber: Für meine Mitmenschen ist das extrem anstrengend. Ich gucke ein Museum von Berufs wegen immer ganz anders an. Ich schaue mehr auf die Präsentation als auf den Inhalt und ich möchte zum Beispiel genau wissen, wie die Vitrinen gebaut sind oder wie die das mit der Beleuchtung gelöst haben.
Gibt es für Sie so etwas wie ein Lieblingsmuseum – inhaltlich, gestalterisch?
Einzelne Einrichtungen lassen sich schwer miteinander vergleichen. Wenn ich mich wirklich auf eins festlegen müsste, dann wohl auf das Haus der Geschichte in Bonn. Das liegt ja thematisch irgendwie sehr nahe. Aber es gibt auch in Niedersachsen viele kleine, wirklich bemerkenswerte Museen.
Was macht denn so ein wirklich bemerkenswertes Museum aus?
Es muss lebendig sein und wandelbar bleiben. Es muss einen Angebotscharakter haben:
Der Besucher muss auswählen, muss selbst aktiv werden können. Es sollte z. B. Hörstationen geben, Zeitzeugenberichte, Multimediaterminals, Exponatschubladen zum Ausziehen und Entdecken. Eine Kanonenkugel anschauen ist eins, die Schwere einer Kanonenkugel fühlen – das ist etwas ganz anderes. Der sinnliche Charakter ist wichtig. Und der spielerische ist es auch.
Davon ist Ihr zweites Wolfsburger Museum, das Hoffmann-Museum im Fallersleber Schloss, mit seinen Infoplakaten in der Ausstellung noch weit entfernt. Was wird beim Umbau 2010 anders?
Wir haben zunächst das grundsätzliche Problem, dass wir ein literatur- und politikhistorisches Museum sind. Ganz ohne Texttafeln an den Wänden geht es nicht. Aber uns ist natürlich bewusst, dass wir auf junge Besucher zugehen und auch den veränderten Rezeptionsformen bei Erwachsenen entsprechen müssen. Der durchschnittliche Museumsbesucher liest einfach nicht mehr sehr viel. Also werden wir
z. B. Hoffmann sozusagen mehr selbst, seine Lebenserinnerungen und Gedichte sprechen lassen und die für ihn so wichtige Musik einbeziehen – an verschiedenen Hörstationen.
Wie ist die Bedeutung Hoffmanns? Wird er überschätzt? Wird er unterschätzt?
Früher wurde Hoffmann einseitig vor allem als deutschnational angesehen. Mittlerweile rückt er jedoch stärker als fortschrittlicher politischer Dichter ins Bewusstsein. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass er sich zum Beispiel in Breslau sehr stark der polnischen Literatur geöffnet hat. Auch ist er lebenslang weit gereist und war Begründer der Niederlandistik. Und: Hoffmann gilt – wenn auch von Heine belächelt – als einer der am meisten vertonten Dichter des 19. Jahrhunderts. Er hat bewusst schlicht und somit populär gedichtet und wurde so zum Bestsellerautor seiner Zeit.
Und heute?
Ist bei vielen Gedichten gar nicht mehr präsent, dass sie von Hoffmann sind. Seine Kinderlieder sind Volkslieder geworden. Und auch bei der Nationalhymne wissen nicht viele Deutsche, von wem die Zeilen „Einigkeit und Recht und Freiheit" überhaupt stammen. Die Verknüpfung zurück zu August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zu schaffen und an die Wurzeln unserer Demokratie, die freiheitlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts zu erinnern, genau das ist Aufgabe unseres Museums.
[AKa]