„Autos waren immer mein Traum“ Dietmar Korzekwa, neuer Leiter des VW-Werks Wolfsburg, über Konzernleitlinien, Budgetdenken und chinesischen Tee
© Landmann
Ein Mann will nach oben – und ist sich dafür für nichts zu schade: Im feinsten Zwirn erklimmt Dietmar Korzekwa, seit Mai neuer Leiter des Volkswagen-Werks Wolfsburg, die Metallleiter aufs Dach des Kraftwerks. Fototermin mit viseo. Korzekwa vor der Silhouette der kilometerlangen Werksfront, vor den ragenden Schornsteinen, über den Sheddächern der Produktionshallen. Dann geht’s steil abwärts, mit Tempo durch den Karosserierohbau – wer einmal mit Korzekwa im Elektromobil durch die High-Tech-Katakomben des Presswerks gehuscht ist, braucht kein Ticket mehr für die Achterbahn im Heide-Park. Die Sprache hat’s uns dennoch nicht verschlagen. Und Korzekwas Antworten sind wie sein Fahrstil: schnell, aber konzentriert.
viseo: Herr Korzekwa, wollen wir doch einmal sehen, ob Sie sich in der Terminologie Ihres Tätigkeitsfeldes auskennen. Bitte ergänzen Sie: „Da weiß man …“
Dietmar Korzekwa: „…, was man hat!“
„Läuft …“
„ … und läuft, und läuft …“
„Wer glaubt, dass Abteilungsleiter Abteilungen leiten …“
(lacht) „…, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten!“
Bestanden!
Nach fast 25 Jahren im Unternehmen sollte das auch so sein. Ich wollte von Anbeginn zu Volkswagen.
Warum gerade VW?
Autos waren schon immer mein Traum. Und ich wollte explizit zu Volkswagen, weil diese Marke schon damals mit den Begriffen „Erfolg“ und „Know-how“ sowie „Innovation“ assoziiert wurde. Aber erst haben sie mich vier Jahre lang, von 1976 bis 1980, zappeln lassen (lacht), so dass ich mich erst aushäusig warmlaufen musste – bei Teves.
Nun sind Sie Werkleiter. Was macht so jemand nun tatsächlich?
Die Aufgabe ist wahrlich vielfältig. Ich bin verantwortlich für 23.000 von insgesamt 50.000 Mitarbeitern, verantwortlich für die Fahrzeugproduktion und für die Komponentenfertigung. Wir verschicken Autoteile in alle Welt. Der gesamte Bereich Arbeitssicherheit obliegt mir, die Logistik etc. Ich werde aber auch angerufen, wenn es gilt, kleinere organisatorische Angelegenheiten zu lösen. (überlegt schmunzelnd) Eigentlich bin ich Hausherr und Hausmeister in Personalunion.
Das heißt, Ihre Mitarbeiter sprechen Sie bei Problemen auch direkt an, es existiert ein „Open-Door-System“?
Das mag ungewöhnlich erscheinen, ist aber in der Tat so. Natürlich kann ich nicht mit jedem der 23.000 Mitarbeiter persönlich kommunizieren, das würde den Rahmen sprengen …
Wie viel Zeit ringt der Job Ihnen täglich ab?
Ich bin spätestens um 7.30 Uhr im Büro und verlasse es in der Regel um 21 Uhr. (legt den Kopf schief) Also fragen Sie mich jetzt nicht nach Hobbys! Aber um auf Ihre eigentliche Frage zurückzukommen: Das, was wir hier erleben, nämlich dass sich die Mitarbeiter verstärkt beteiligen, ist ganz klar eine Folge von ForMotion. Dieses Programm, vom Vorstand beschlossen, wird von der Basis nicht etwa als aufoktroyiert empfunden – sondern gelebt. Wobei, und darauf lege ich großen Wert, das jetzt kein PR-Gewäsch sein soll. Die Mitarbeiter denken eigenverantwortlicher als bisher. Verbesserungsvorschläge erreichen uns, Ideen werden als Chance begriffen, Kosten zu senken.
Wie sehen Sie Ihre ganz persönliche Rolle dabei?
Ich praktiziere Offenheit gegenüber meinen Mitarbeitern, Transparenz. Und ich habe Vertrauen in meine Mitarbeiter, sowohl was deren Kompetenz angeht als auch ihre Zuverlässigkeit. Es ist also ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis – was nicht bedeutet, dass hier jeder schalten und walten kann, wie er will. Ich bin durchaus auch als unbequemer Frage- und Infragesteller bekannt.
Wie reagiert das Werk im Großen auf die derzeitige wirtschaftliche Situation?
Man kann auf Dauer Entwicklungen nicht verhindern. Wir werden, was den klassischen europäischen Automarkt angeht, keine großen Überraschungen mehr erleben. Dieser Markt ist beinahe gesättigt. Ein Markt mit erheblichem Potenzial liegt in China. Dort haben wir erst einen schmalen Gürtel erschlossen – das ganze Inland liegt noch brach. Es ist unbeschreiblich, welche Aufbruchstimmung dort herrscht. Für uns hier in Wolfsburg fordere ich ein Umdenken: weg vom klassischen Budget- hin zum unternehmerischen und kostenorientierten Denken, eben zum eigenverantwortlichen Handeln jedes Einzelnen.
Das heißt: „Runter mit den Löhnen – rauf mit der Arbeitszeit“?
Nein, ich muss die Fixkosten senken und meine Standortvorteile nutzen. Das bedeutet, dass ich die vorhandenen Kapazitäten, die mir der Standort Wolfsburg bietet, voll ausnutze. Dazu gehört auch, dass sich alle Mitarbeiter durch ihren vollen Einsatz und diszipliniertes Arbeiten in diesen Prozess einbringen. Dies alles zusammen wirkt sich positiv auf den Stückpreis aus …
…, wobei der Golf ab ca. 15.000 Euro kein Sonderangebot ist.
Das ist korrekt, aber ich sage: Ein gutes Produkt rechtfertigt den Preis! Der Golf war schon immer der Meister seiner Klasse und ist heute so hochwertig wie nie zuvor. Sie erwerben mit diesem Produkt also auch eine Lebenseinstellung, ein Image. Die Situation ist: Wir sind technisch in der Lage, hier im Werk Wolfsburg etwa 4.000 Autos pro Tag zu bauen. Und bei der aktuellen Situation – in der sich das Werk generell als agierendes Unternehmen begreifen muss und nicht nur als bloße Produktionsstätte auf Abruf – überlegen wir uns neue Vermarktungswege. Wir konzipieren Möglichkeiten, um Bedürfnisse von Märkten außerhalb Westeuropas zielgerichtet bedienen zu können.
Wie lange wird es den VW-Haustarif noch geben?
Das liegt außerhalb meiner Entscheidungskompetenz. Klar ist: Wir erhalten die Arbeitsplätze hier vor Ort in Wolfsburg. Im Bereich der Komponentenfertigung, wie zum Beispiel Türverkleidungen für den Golf, befindet sich das Werk im Wettbewerb mit weltweit agierenden Zulieferern. Uns ist es jedoch gelungen, Arbeitsplätze zu sichern, während der Konkurrent, einst in Triangel in Gifhorn ansässig, komplett nach Polen ausgewichen ist. Das verstehe ich unter Verantwortung.
Sie waren aber auch maßgeblich an der Ansiedelung von Zulieferern vor den Wolfsburger Werktoren verantwortlich.
Ja. In einigen Bereichen macht das auch Sinn. Und bedenken Sie: Die Ansiedelung vor Ort spart auch wieder Transportkosten.
Auch mit VW-Standorten wie Emden, Kassel oder Braunschweig befinden Sie sich in einer Wettbewerbssituation. Existiert trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb – ein regelmäßiger Kontakt auf Fachebene?
Natürlich. Wir treffen uns alle 14 Tage, tauschen uns aus. Und geben uns gegenseitig Hilfestellung, wo immer sie gebraucht wird. Das Werk Wolfsburg als „Stammzelle“ ist sogar zur Unterstützung und zum Know-how-Austausch verpflichtet. Schließlich sind alle anderen Standorte einst durch Wolfsburger entstanden und aufgebaut worden. Das ist eine starke Bindung und gilt auch für die Kontakte in die ausländischen Standorte wie zum Beispiel Mexiko. Und jeder neu geschaffene Standort sichert wiederum Arbeitsplätze in Wolfsburg – weil das Stammwerk für die anderen Komponenten produziert.
Sie sind gelernter Maschinenschlosser und studierter Wirtschaftsingenieur, haben bei Teves, Volkswagen und zuletzt bei Sitech in unterschiedlichsten Positionen gewirkt. Gibt es einen Bereich innerhalb Ihrer jetzigen Kompetenz, der Ihnen besonders nahe liegt?
Aus meinem besonderen Werdegang heraus ist es die Logistik. Die hatte es mir schon immer angetan.
Warum? Wegen der Dynamik der Prozesse?
Nun, mich fasziniert vor allem die Querschnittsfunktion, die der Logistik innerhalb eines Unternehmens zukommt. Dort haben Sie wirklich mit allen zu tun. Sie lernen die Lieferanten und Produzenten kennen, den Einkauf, die Produktion und so weiter. Die Logistik spiegelt quasi den Ablauf aller Prozesse in einem Unternehmen wider. Das ist spannend!
Wenn Sie schon keine Hobbys haben – was entspannt Sie eigentlich? Doch nicht etwa dieses grünliche Gebräu, das Sie immer wieder in Ihre Tasse füllen?
(schaut begeistert in seinen Becher) Ja! Das ist chinesischer Tee. In China habe ich gelernt, dass man die losen Teeblätter den ganzen Tag über in seiner Tasse lässt und lediglich immer wieder mit heißem Wasser auffüllt. Schmeckt prima! Oder zumindest habe ich mich daran gewöhnt. (hält ermunternd seine Tasse hoch) Möchten Sie auch mal?
Ähm, danke. Auch für das Gespräch.
sim