Dr. Carl H. Hahn, Ideengeber des Kunstmuseums Wolfsburg
© Landmann
Ein Kunstmuseum von internationalem Ruf in der Wolfsburger Diaspora? Für viele Wolfsburger vor zehn Jahren schwer vorstellbar, schob der damalige Vorsitzende des Vorstands der Volkswagen AG, Prof. Dr. Carl H. Hahn, ein ehrgeiziges Projekt an, welches er bis heute für das Standing von Stadt und Konzern unverzichtbar hält. viseo sprach exklusiv mit Hahn, der bis vor kurzem Vorsitzender des Kuratoriums des Kunstmuseums Wolfsburg war und diesem Gremium bis heute als aktives Mitglied angehört.
viseo: Herr Dr. Hahn – wenn ich Sie als den Erfinder des Kunstmuseums Wolfsburg bezeichnete: dürfte jemand zu Recht widersprechen?
Dr. Carl H. Hahn: (lächelnd zur Seite schauend) Das würde sehr schwer sein … Nein, es ist schon so: Ich habe die Idee gehabt.
Woraus genau bestand Ihre Motivation zu diesem Projekt?
Natürlich gab es zum damaligen Zeitpunkt auch Skeptiker. Aber ich war mir sicher, dass wir auf dem Gebiet der internationalen Kunst etwas tun mussten – etwas für Wolfsburg, für sein Ansehen in der ganzen Welt. Das ist uns gelungen. Das Kunstmuseum Wolfsburg verfügt heute über einen international vorzüglichen Ruf. Es besteht dabei aber nicht nur aus einer äußeren schönen Hülle – sondern überzeugt vor allem durch seine inhaltlichen Qualitäten. Es fungiert als Botschafter Wolfsburgs und der Volkswagen AG.
Sie sprechen im Plural. Wer ist "uns"?
Natürlich braucht man neben einem Anlasser auch immer einen Motor für ein Vorhaben wie dieses. Durch die Gründung einer Stiftung – das Kunstmuseum sollte sich nicht auf den Kassen von Stadt und Land ausruhen – das Engagement der Volkswagen AG und einen maßgeblichen Beitrag von Asta Holler, nach der ja auch der Platz vor dem Museum benannt ist, wurde schnell die Ernsthaftigkeit dieses Unterfangens deutlich. Die Stadt Wolfsburg zog damals mit uns an einem Strang, indem sie das Grundstück stiftete.
Nach der Ausschreibung im Jahre 1989/90, die der Architekt Peter Schweger gewann, erfolgte bald die bauliche Realisierung der Pläne. Nun hatten Sie also ein Museum …
…, aber keine Ahnung davon! (lacht) Nein, im Ernst: Natürlich war allen klar, dass eine solche Institution fachlich herausragende Menschen benötigt, die dieses Museum mit Leben und Ideen füllen. Mit Gijs van Tuyl und seinem Stab ist das auch bestens gelungen. Nun haben wir van Tuyl bereits seit zehn Jahren hier – und ich hoffe, auch noch die nächsten zehn Jahre.
Worin besteht Ihrer Auffassung nach der gravierendste Unterschied zwischen dem Kunstmuseum Wolfsburg und anderen relevanten Häusern wie zum Beispiel dem Sprengel Museum Hannover?
Wir leben im Hier und Jetzt. Die wichtigsten Leitmotive unserer Museumsarbeit greifen Aspekte der modernen Industriestadt – die Wolfsburg nun einmal ist – und seines Weltkonzerns auf: Modernität, Urbanität, Internationalität und Qualität. Das war von Anfang an gewollt – wir wollten keine Duplizität von anderen Museen in Niedersachsen.
Die inzwischen umfangreiche Sammlung des Kunstmuseums beschränkt sich auf wenige ausgewählte Positionen zeitgenössischer Kunst. Warum?
Moderne zeitgenössische Kunst ist von den Betrachtern oft nicht gleich zu decodieren. Ebenso, wie unsere Zeit, in der wir uns befinden, oft nur schwer zu verstehen ist. Die Kunst reflektiert das Leben – wir wollen daher als kulturelle und gesellschaftliche Institution einer aufklärerischen und visuell bildenden Aufgabe gerecht werden. Mit der Kunst interpretieren wir ein Element unserer Zeit. Wir sind – eine weltoffene Schaubühne!
Mit Erfolg …
Wenn im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung großformatige Artikel über das Kunstmuseum Wolfsburg und seine Ausstellungen erscheinen, dann ist das gut für den Ruf dieser Stadt – die ja vom intellektuellen Reichtum seiner Menschen lebt. Und es gibt mannigfache intellektuelle Kräfte hier vor Ort, man unterschätze dies nicht …
Was mich zu den eingangs von Ihnen erwähnten Skeptikern zurückführt – wehte Ihnen da nicht schon ein scharfer Wind entgegen: Kunst in Wolfsburg?
Konservatismus war schon immer der Feind der Aufklärung – insofern war das Wasser, in das wir uns selbst geschubst hatten, sogar eiskalt (lacht leise) … Aber: Wir haben uns immer als ein Katalysator zwischen den Positionen der Kunst und den Menschen verstanden, oft genug waren wir ein kontroverser Katalysator – Stichwort „Gilbert und George“. Heute stehen bei uns 40 Mitarbeiter in Lohn und Brot, wir bieten einen kompletten Abriss der modernen Kunst seit 1968.
Die Vernissagen des Kunstmuseums haben sich zu gesellschaftlichen Ereignissen entwickelt, Besucher müssen teilweise in mehreren Etappen eingelassen werden …
Wir sind zu einem sozialen guten Treffpunkt geworden, ja! Man trifft sich im Kunstmuseum, man spricht miteinander – wir sind auch ein Kommunikator.
Resumee und Ausblick: Wie sollte das Kunstmuseum vor zehn Jahren aussehen? Wo steht es jetzt? Wo soll es sich in weiteren zehn Jahren befinden?
Wir haben es geschafft, das kulturelle Renommee von Stadt und Unternehmen gleichermaßen international zu fördern und zu festigen. Bei den Besuchern stehen wir, bezogen auf die Einwohnerzahl, zwar relativ im Vergleich mit New York, Museum of Modern Art, und London, Tate Gallery, hervorragend da, könnten uns aber noch höhere Besucherzahlen vorstellen. Was wir benötigen, ist finanzielle Unterstützung, damit wir Träume, die wir heute haben, realisieren können. Wir wollen die Botschaft von Wolfsburg und die des Unternehmens Volkswagen – beide sind untrennbar miteinander verbunden – über die Grenzen Europas hinaus, vor allem in den asiatischen Raum, hineintragen und damit zur globalen Vernetzung Wolfsburgs und Volkswagens mehr und mehr beitragen.
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