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Zurück in die Zukunft

Kultur im Relaunch: Dr. Birgit Schneider-Bönninger im Interview

Birgit Schneider-Bönninger
© Altschaffel

Sie kennt Wolfsburg wie keine andere. Das kann ein Nachteil sein, wenn man allzu behutsam umgeht mit der Tradition, wenn man zu viel Respekt hat vor den Vordenkern der Vorzeit. Doch Dr. Birgit Schneider-Bönninger – vormals Chefin des Stadtarchivs, jetzt Leiterin des Geschäftsbereichs Kultur und Bildung – bleibt nicht in der Vergangenheit haften. Sie deutet die großen Kulturkonzepte der 50er- und 60er-Jahre viel lieber im heutigen Kontext neu und leitet daraus einen bahnbrechenden Entwicklungsplan ab, der Wolfsburgs Kultur mit Riesenschritten in die Zukunft führt. Mit dem freischwimmer sprach sie über die Notwendigkeit des Umbruchs, des Kontroversen und der kulturellen Vernetzung – und den Geist Aaltos.

freischwimmer: Bislang haben Sie dokumentiert, was war. Jetzt gestalten Sie, was wird. Ist das eine Herausforderung?
Schneider-Bönninger: Ja. Eine, der ich mich mit voller Kraft widme. Unser großes Projekt ist derzeit der Kulturentwicklungsplan, der den mittelfristigen Handlungsrahmen für die Kultur der nächsten zehn Jahre beschreibt und der sich in verschiedene Module und Schwerpunkte gliedern wird. Wir werden einerseits eine Bestandsaufnahme machen, andererseits ganz viele Visionen, Strategien und Projekte formulieren. Das Besondere an dem Plan ist, dass wir ihn in einem riesigen demokratischen Prozess gestalten, mit unheimlich vielen Wolfsburger Kulturschaffenden und allen anderen Bürgern, die sich dafür interessieren. Ein zentrales Credo der bisherigen Arbeit lautet, dass es Zeit ist für ein neues kulturelles Gesamtkonzept. Es gibt die alten Konzepte, in denen es zum Beispiel um Künstleranwerbung – namentlich die „Schlossstraße 8“ – ging. Jetzt tickt Wolfsburg anders: Wir müssen die Menschen mit neuen Konzepten, mit neuen Ideen packen. Und für Kultur begeistern.
Ist der Kulturentwicklungsplan in dieser Tradition eine Weiterführung oder ein Umbruch?
Ein Umbruch. Ein Umbruch, ein Aufbruch, ein Neuanfang. Doch er lebt gleichzeitig vom Bekenntnis des demokratischen Aufbruchs früherer Zeiten: Kultur für, aber auch durch alle. Genau deshalb wollen wir ganz viele Leute einbeziehen und Themenfelder erschließen, in denen Wolfsburg noch nicht so up to date ist wie freie Szene, Off-Kultur, junge Kultur – im Grunde so etwas wie die Gruppe Rehlachs¹. So etwas sollte gefördert und begleitet werden. Ich wünsche mir ganz ausdrücklich, dass kreative Szenen entstehen, dass wir – wie geschehen – die Porschestraße auch als Kunst- und Kulturmeile nutzen und dazu noch ganz neue Orte erschließen: etwa die Ortsteile oder auch das Schloss aus neuen Perspektiven.
Da wir gerade über Rehlachs reden: Das Echo innerhalb der Stadt war gespalten …
Ja, gut so. Kunst soll schließlich provozieren. Ich finde es persönlich immer gut, wenn – wodurch auch immer – ein Kulturdiskurs entsteht. Das geschieht hier viel zu wenig. Man muss über Kunst reden und Kunst muss auch aufregen. Man darf Kontroverses nicht plattmachen.
Ist dafür nicht in der hiesigen Politik und Gesellschaft ein stärkeres Umdenken nötig?
Man muss eine Gratwanderung finden, um niemanden auszuschließen. Rehlachs war eine gute Aktion. Das ist eine Art von Kunst, wie ich sie mir wünsche. Wir werden in Zukunft viele offene Kulturprojekte offerieren und die Wolfsburger nehmen sie hoffentlich an. Ich stelle mir das so vor, dass in den nächsten Jahren viel in Bewegung gerät und Offenheit der Schlüssel zum Erfolg ist.
Sind Sie sich denn sicher, dass die Bürger auch in dem notwendigen Maß mitziehen? Oder sind es am Ende vielleicht doch wieder die üblichen Verdächtigen, die Wolfsburger Kultur gestalten?
Natürlich braucht das seine Zeit. Aber wenn von uns als institutioneller Träger echte Begeisterung und Offenheit ausgehen, wenn man die Menschen hier wirklich einbezieht in gemeinsame Projekte und ganz neue Orte wie den Mittellandkanal oder Schillerteich bespielt, dann wird irgendwann der Effekt eintreten, dass Kultur als persönliche Aktivität wahrgenommen und akzeptiert wird. Ich will nichts zwingend etablieren, Jugendkultur und Subkultur können wir auch gar nicht vorgeben, sie müssen entstehen. Was wir tun können, ist, Rahmen zu schaffen, Räume für offene Kultur anzubieten. Mein Geschäftsbereich wird den Grundstein dafür mit einem Kulturnetzwerk schaffen. Wir wollen gutes Kulturmarketing für alle machen …
… und nicht mehr nur die Leuchttürme bespielen?
In der Vergangenheit ist das meiste tatsächlich um die Leuchttürme herum passiert. Wir haben in Wolfsburg nun einmal eine starke Leuchtturmkultur: Kunstmuseum, phæno, Autostadt. Irgendwann ist jedoch ein kommunikatives Ungleichgewicht zwischen Hochkultur und Breitenkultur entstanden, wobei Letztere in Wolfsburg auch exzellent ist. Das müssen wir zeigen. Wir müssen die städtischen Institute, diese ganzen vielen Kulturlandschaften in den Ortsteilen, diese Vielfalt von Holzbanktheater über Figurentheater Compagnie bis hin zu kleinen Tanzgruppen zum Leuchten bringen. Ein Großteil dieser kleinen Projekte geht momentan noch ein bisschen unter, weil Wolfsburg in puncto gemeinsame Kulturdatenbank, Kommunikation und Vernetzung noch Defizite aufweist. Und zudem werden wir ganz stark in kulturelle Bildung investieren, das ist letztlich auch so ein Vernetzungsgedanke. Schulen und Kulturträger gehören ebenfalls vernetzt.
Das heißt, dass Sie junge Menschen im ersten Schritt für Kultur begeistern, im zweiten Schritt aber auch zu Akteuren machen wollen?
Genau. Wir werden direkt bei uns im Alvar-Aalto-Kulturhaus damit beginnen. Ab Januar werden die beiden Werkstätten hier im Haus wieder für Kulturarbeit zur Verfügung stehen. Zunächst zeigen wir dort eine Aalto-Architektur-Ausstellung, danach werden sie in klassischem Sinn als Werkstätten reaktiviert. Unter anderem zieht eine Kinderkunstschule bei uns ein. Wir beleben das Haus Schritt für Schritt im Geiste Aaltos wieder.
Wenn ich auf die Zwischentöne achte, wird vieles, was ursprünglich einmal Geist von Wolfsburg werden sollte, jetzt wiederentdeckt?
Absolut – nur eben unter neuem Vorzeichen: unter dem der vielen gesellschaftlichen Veränderungen, des Medienzeitalters … Dennoch erhalten wir vieles von damals. Wir könnten vielleicht von einem großflächigen Relaunch sprechen: Kunst ins Alvar-Aalto-Haus holen, das Zusammenspiel zwischen Schloss und Stadtmitte stärken, die Kulturachse vollenden. Es gibt viel zu tun in den nächsten zehn Jahren.
Wie wird denn die Kulturlandschaft nach diesen zehn Jahren aussehen?
Die Leuchtturmlandschaft, die man jetzt so vor Augen hat, wird durch viele kleine Leuchtfeuer aufgelöst werden. Es wird eine neue innovative Kulturlandschaft entstehen, mit vielen neuen Polen und vielen neuen Schwerpunkten, die sich auch ständig weiterentwickeln. Daran glaube ich ganz fest. Der Kulturentwicklungsplan, den wir jetzt schreiben, wird ein offenes Papier sein, das immer wieder zur Diskussion gestellt werden wird. Vieles ist planbar, aber vieles wird aus neuen Entwicklungen heraus entstehen.
Welches sind denn für Sie ganz persönlich die größten Baustellen? Wo müssen Sie als Stadtverwaltung, als Kulturleitung die stärksten Impulse geben?
Also die stärksten Impulse werden im Bereich der Bildung zu setzen sein. Bildung hat in Wolfsburg seit jeher hohe Qualität, befindet sich aber ebenfalls im Aufbruch. Wir werden den ganzen Bildungsgedanken auf Basis der Kultur neu denken, ganz neue Partnerschaften entdecken müssen. Deswegen liegt mir persönlich der Bereich kulturelle Bildung auch sehr am Herzen. Mein großer Wunsch ist, dass wir für die Szenekultur auch die Studenten hier in der Stadt mit ins Boot holen können, sprich gemeinsame Projekte mit der Fachhochschule machen. Das ist auch noch so ein weißer Fleck.
Gerade im Bereich der Szenekultur gehen in vielen Städten die Impulse von Kunsthochschulen und von den Geisteswissenschaftlern aus. In Wolfsburg wird jedoch schwerpunktmäßig im Bereich Technik gelehrt und geforscht. Macht das die Sache schwieriger?
Nein, das glaube ich nicht. Man muss nur die entsprechenden Signale aussenden. Wir müssen einfach anfangen, mit der Fachhochschule mehr Programme zu starten. Man kann gemeinsame Festivals machen und die Studenten darüber ins Boot holen. Es muss nicht immer eine HBK sein. Wolfsburgs Stärke ist nun einmal die Technik. Und wie heißt es im Stadtleitbild: Technik und Kunst sind zusammen ein Synonym für Innovation.
Wenn wir die kulturelle Integration der Studenten wollen, müssen wir doch erheblich interdisziplinärer denken. Da geht’s ja auch um Dinge wie Quartierplanung …
Richtig. Und das machen wir auch. Die Zusammenarbeit mit den anderen Geschäftsbereichen ist auch einer der Schlüssel zur vernetzten Kulturlandschaft. Kultur verstehe ich als ressortübergreifende Aufgabe. Beim Kulturentwicklungsplan sitzen Tiefbau, Hochbau, Ausländerreferat, Geschäftsbereich Jugend und viele andere mit im Boot. Es gibt eine ganz starke Betonung von Synergie und Zusammenarbeit. In Wolfsburg steckt Kultur in fast allen Bereichen: von Grün bis Bau.
Studenten, Ortsteile, Kleininstitutionen – alle sollen Kultur mitmachen: Durch die Offenheit des Zehnjahresplans wird das Kulturangebot in Wolfsburg deutlich wachsen. Haben Sie nicht Sorge, dass es irgendwann größer ist als die Nachfrage?
Nein, das glaube ich nicht, denn wir denken die Angebote viel zielgruppenspezifischer und auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Deswegen werden wir auch Kulturpakete speziell für Senioren schüren. Und man darf Kultur ohnehin nicht immer in Quantität denken – es müssen nicht immer 2000 Leute gleichzeitig durch eine Ausstellung gehen, damit man diese als erfolgreich abstempeln kann. Es kommt genauso auf Qualität an. Ohnehin sollen die Bürger auch selbst an ihren Kulturangeboten mitbasteln und diese mitgestalten. Das kann man im Grunde genommen in jedem Alter. Meine Losung ist einfach: lebenslanges Lernen – alterslose Kultur.

[AKa - Alexander Kales für freischwimmer-Magazin. Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]