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LEUCHTTÜRME, ELFENBEINTÜRME, GPS

Axel Bosse, Kulturpolitiker, Kunstschaffender und Querdenker, im Interview mit dem freischwimmer

Axel Bosse
© Altschaffel

Normalerweise haben Interviews im freischwimmer zweieinhalb Seiten. Dieses hier hat dreieinhalb Seiten. Aus gutem Grund: Wolfsburgs Kultur wird sich wandeln, der neue Kulturentwicklungsplan soll die Marschrichtung vorgeben. Ein neues Gremium, dessen Vorsitzender Axel Bosse gerade geworden ist, soll diesen Prozess begleiten. Für den freischwimmer hat der bekennende VfL-Fan, Grünen-Politiker und Kunstvereinsvorstand Wolfsburgs kulturelle Ausgangspunkte beleuchtet, seine Visionen einer Stadtkultur skizziert und die Idee der Leuchtturm-Institutionen hinterfragt: inhaltlich, aber auch semantisch.

Sie sind auf politischer Ebene im Kulturausschuss, auf gesellschaftlicher im Vorstand des Kunstvereins. Was fasziniert Sie ganz privat an Kunst und Kultur?

Axel Bosse: Es ist die Neugier, die mich da immer wieder umtreibt. Der Wunsch, neue Dinge einfach selbst zu probieren, zu verstehen, wie sie zusammenhängen. Als Kind habe ich viel gezeichnet, das hat mich geprägt, mich interessiert und es hat mir auch immer etwas zurückgegeben.

Was war das?

Freude, einfach Lebensfreude. Das kann man vielleicht auch anderswo gewinnen. Aber für mich war und ist es stets das kreative Arbeiten.

Und was können Kunst und Kultur für eine Stadt wie Wolfsburg leisten?

Kunst und Kultur sind das, was die Menschen wirklich zusammenhält. In meiner Jugend war ich in einer maoistischen Organisation, da hatten wir doch eine ziemlich andere Auffassung davon, was eine Welt zusammenhält: Klassenkampf, mächtige Feinde, so was. Ich glaube schon, dass die Beziehung der Menschen und ihre Interaktion das Wesen einer Gesellschaft ausmachen. Und die Kultur oder die sich dabei entwickelnde Kultur hat eine zentrale Bedeutung dafür, den Umgang und das Leben miteinander zu gestalten. Für diese Stadt hat das eine besondere Bedeutung: Wir haben keine 1.000 Jahre alte Geschichte, keine vollgestopften Museen aus der Gründerzeit; hier war 1945 ein ziemlich weißes Blatt vorhanden. Und da haben Kunst und Kultur in dieser Stadt eine ganz wichtige Funktion gehabt: Wolfsburg zu dem zu machen, was es heute ist.

Um das Bild vom weißen Blatt aufzugreifen: Wie sehen Sie den Stand im Augenblick, sprich: Wie beschrieben ist das Papier?

Aus meiner Sicht haben wir einen Status erreicht, der in den 50er-Jahren definiert wurde und durch Modelle geprägt ist, die aus den 20er-Jahren stammen. Wir haben in Wolfsburg eine starke Bauhaus-Beeinflussung, namentlich durch Oberstadtdirektor Hesse in den 50er- und 60er-Jahren geprägt, welcher der Sohn des Dessauer Bürgermeisters war, der seinerzeit mit Hugo Junkers das Bauhaus von Weimar nach Dessau holte. Die Bauhaus-Idee findet sich auch in der Künstlergruppe „Schlossstraße 8“ wieder, also in dem Gedanken: Wir machen eine Kolonie und holen die Leute her. Das hat die erste Phase der Stadtentwicklung ziemlich stark geprägt. Den Status, den Wolfsburg erreicht hat, kann man pflegen und ihn somit zu einem pflegebedürftigen Patienten machen. Mir persönlich jedoch fehlt im Moment eine Konzeption oder eine Idee für das 21. Jahrhundert.

Was heißt das konkret? Welche Modelle meinen Sie?

Dieses Credo: Wir müssen Künstler haben, wir müssen ein Theater haben, wir müssen eine Bibliothek haben, das müssen wir zusammenführen und der breiten Masse einen Zugang geben. Das sind ja alles die Grundgedanken aus dieser Zeit, der Versuch einer Ablösung von der alten Gesellschaft. Das müssen wir heute nicht mehr anstreben, sondern wir leben ja jetzt mit diesem geschaffenen Kulturumfeld in der Kernstadt. Nun haben wir seit den 70er-Jahren mit den Dörfern noch eine ganz andere Facette dazubekommen – und da fehlt mir die zündende Idee. Alle, die in den 50er und 60er-Jahren die lokale Kultur entscheidend geprägt haben, hatten offensichtlich eine gemeinsame Vorstellung davon, wie eine Stadt mit Leben zu füllen ist. Dazu gehörte eben so was wie das Alvar-Aalto-Kulturhaus, in dem damals Jugendzentrum, Bibliothek und Erwachsenenbildung zusammengeführt waren. Ein Konzept, das eine relativ lange Tragfähigkeit in der Stadt hatte, dann aber auseinandergegliedert wurde und heute stehen wir da und haben das alles vereinzelt. Und dabei keine neue große Idee, wie wir die verteilte Kultur in der Stadt vielleicht wieder zusammenführen können.

Dennoch gab es in der kulturellen Entwicklung einen Cut: mit Eröffnung von Kunstmuseum und Autostadt, von phæno und Hallenbad und auch mit dem VfL-Aufstieg. In den vergangenen acht Jahren ist ja unglaublich viel passiert; spiegelt das nicht die Idee von Kultur des 21. Jahrhunderts wider? Hat nicht eine neue Kultur die Konzepte der 50er-Jahre ersetzt?

Das glaube ich nicht. Ich denke schon, dass diese großen Einrichtungen für die Stadt eine Bedeutung haben, aber doch eher wie gelandete Raumschiffe wirken – und das phæno sieht ja auch so aus. Es sind Dinge, die in ihrer Größe für die Stadt eigentlich mehr nach außen als nach innen wirken.

Sehen Sie die Gefahr, dass diese sogenannten Kulturleuchttürme die innerstädtischen Eigengewächse bedrohen?

Ich halte von dem Begriff des Leuchtturms überhaupt nichts, weil Leuchttürme mehr und mehr an Bedeutung verlieren – schließlich gibt es GPS. Das benutzen Kapitäne heute. Sie stehen eben nicht mehr da und gucken, wo der Leuchtturm ist. Der Leuchtturm ist hier bloße Metapher: für etwas eben sehr Herausragendes, etwas, das aus der Ferne schon zu sehen ist, etwas, das in seiner Bedeutung hell strahlt … Was wir erleben, ist eher ein sinnloses Fernleuchten, weil es vielleicht manchen von außerhalb anlockt, aber wer davorsteht, sieht es nicht. Und die Leute hier in Wolfsburg sind für mich das Entscheidende und nicht die Gesichtspunkte von Stadtmarketing und Tourismusförderung. Wichtig ist, wie die Menschen hier zusammenleben. Aber es ist nicht wichtig, möglichst viele große Dinge zu tun, damit andere hierher kommen und unsere Stadt toll finden. Auf dem Weg zum Interview bin ich an einem Transparent vorbeigekommen, das zu den Lesetagen im Hallenbad einlädt. Das finde ich wichtig: dass es eine Stadtbibliothek gibt, dass man den Zugang und die Lesefähigkeit erhält oder ausbaut, dass man da weiter niedrigschwellige Angebote für die Menschen in der Stadt hat. Ich wünsche mir eine Küste und nicht 50 Leuchttürme.

Wird es da nicht schwierig bei der Definition? Ausstellungen in unterschiedlich großen Institutionen, etwa im Kunstmuseum oder auch im Kunstverein, sind ja nicht nur Leuchttürme, sondern auch Elfenbeintürme für das Bürgertum vor Ort. Diese wirken nicht nur in die Ferne, sondern bieten auch artifizielle und nicht eben leicht zugängliche Themen.

Das ist ja auch eine Qualität in dieser Stadt, die sicherlich dieser vorhin geschilderten Vergangenheit geschuldet ist. Es gibt jenen Ausspruch von Nordhoff, dass man den Arbeitern nicht nur Brot und Arbeit, sondern genauso freien Zugang zu den höheren Dingen des Lebens geben solle. Ich war als Schüler sehr beeindruckt, als ich 1967 durch die Stadthalle gegangen bin und die van Goghs gesehen habe.

Die großen Kulturträger sind also vielleicht doch auch Ankerpunkte für ein bestimmtes Publikum, auch für die Eigengewächse, die dann vielleicht auch der Stadt erhalten bleiben?

Also mein Eindruck ist, dass die Abiturienten aus dieser Stadt generell fliehen. Manche kehren mit Glück oder wegen der Arbeit wieder zurück. Das ist schon immer ein Verlust für die Stadt gewesen. Auf unsere Frage bezogen, ist mir wichtig, dass wir ein Klima in der Stadt schaffen, das diese Menschen hier hält, dass wir jungen Leuten breite kulturelle Möglichkeiten und dabei besonders auch nicht kommerzielle Dinge anbieten. Mir fällt da die Musikschule ein, das Tanzende Theater …

Viele kleine Pflanzen setzen und dann hoffen, dass sie im Schatten der großen Institutionen überleben?

Das ist das Wesen von solchen experimentellen Situationen: dass man Raum und Möglichkeiten schafft und dann neue Optionen bekommt. Man könnte auch eine Entwicklung sehen, dass diese großen Institutionen die Ankerpunkte sind, um die herum eine Szene entsteht. Das war und ist ja mit dem Festival Movimentos und dem Tanzenden Theater sehr beispielhaft geschehen. Aber insgesamt bin ich skeptisch, weil immer wieder die ausschließliche Ausrichtung auf große Events sichtbar wird. Und dann ist da noch die Wolfsburger Mentalität, die solchen Entwicklungen entgegensteht. Es wird immer sofort nach Geld gefragt. Es gibt hier zu wenig Möglichkeiten, dass sich Leute für wenig Geld kulturelle Strukturen schaffen können und wie in einem Laboratorium ihre Projekte entwickeln. Ich glaube, das ist auf den Dörfern ringsum einfacher.

Es geht Ihnen also insgesamt durchaus auch um die Neukoordinierung der Institution oder der gesamten Stadtkultur. Dafür soll ja der neue Kulturbeirat sorgen, dessen Vorsitzender Sie ja geworden sind …

Ja.

… der den Kulturentwicklungsplan umsetzen soll …

Ja.

… der von außen erstellt worden ist …

Nein. Der ist noch nicht erstellt worden, sondern der soll erst erstellt werden. Wie es mit den kulturellen Fragestellungen in dieser Stadt weitergehen soll, das wird dieser Plan vorgeben. Es hat ja schon mal einen Versuch aus der Stadt heraus gegeben, aber der war zu unklar, damit konnte man eigentlich gar nichts anfangen oder alles. Jetzt müssen wir einen Weg finden, ein gemeinsames Konzept für die nächsten 15 Jahre, eine Vision darüber, wie es denn weitergehen kann. Wir müssen prüfen, an welchen Stellen wir einfach weitermachen oder weiterpflegen wie bisher. Und wir müssen irgendwo Raum für neue Dinge schaffen. Das ist schon eine zentrale Fragestellung, also offensichtlich ja das, was die Leute in den 50er-Jahren hier an gemeinsamem Gedankengut hatten: einfach eine gemeinsame Idee wieder neu zu erarbeiten. Das geht heute offensichtlich nur, indem man eine Agentur damit beauftragt. Ich hätte mir das vielleicht anders gewünscht.

Das hört sich jetzt so an, als würde alles nun mit einem Mal auf den Tisch gepackt, was in der Stadt an Kultur gemacht wird. Und dann wird es darauf untersucht, was es bringt …

Ich kann nur meine eigene Meinung dazu äußern, aber ich sehe das im Moment als eine relativ offene Arbeit an, in die sich die ganzen Institutionen und Vereine einbringen können. Das ist die eine Seite der Geschichte. Auf der anderen gibt es natürlich auch Überlegungen von unterschiedlicher Seite her, wie und in welche Richtung man die Kulturentwicklung weiterentwickeln kann. Im politischen Umfeld etwa gibt es eine Spannbreite, die erstreckt sich vom Ruf nach einer Malschule von Herrn Zaddach bis hin zu den Vorschlägen der CDU, die Hoffmann von Fallersleben stärker ins Stadtleben integrieren will. Und man hat natürlich die Interessen der Kulturanbieter – von großen Institutionen wie auch von kleinen. Für den Vorsitzenden klingt das nach einer Menge Vermittlungsarbeit.

Ganz persönlich gefragt: Wie stellen Sie sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten persönlich das kulturelle Leben vor, wo muss man weiterentwickeln, welche Dinge sind wichtig?

Neu ist sicherlich, über die Frage nach dem Umgang mit den ganzen neuen Informationstechnologien zu erschließen: Wie kann ich Internetzugang auch breit erschließen und wie kann ich ihn eigentlich in kulturellem Kontext nutzen? In dieser Hinsicht passiert mehr, als man sich das hier so denkt. Wir sind eben nicht im Zeitalter der Leuchttürme, sondern in dem von GPS. Für unser Jahrhundert ist es die größte Baustelle, wie man neue und alte Kommunikation, neue und alte Kultur in Relation zueinander bringt, wie man das Zusammenleben im Netz gestaltet, ohne persönliche Begegnungen überflüssig zu machen. Die digitale Zeit können wir nicht verleugnen, wir müssen auch im kulturellen Bereich damit umzugehen lernen, aber dabei eben auch Chancen und Risiken sehen und die Tatsache, dass das, was eigentlich menschliches Leben ausmacht – der Kontakt und die Interaktion der Menschen untereinander – ohne eine Stromleitung dazwischen funktioniert. Das ist die Aufgabe, die gelöst werden muss, auch für die Kulturentwicklung einer Stadt – mal ganz weit nach vorn gedacht.

Also ein World Wide Wolfsburg …

Ja, genau irgendwie so was. Wir werden gemeinsam einen Weg finden …

[AKa/Hau - Alexander Kales/Nikolaus Hausser für "freischwimmer".
Das Kultur-Magazin des Hallenbad Wolfsburg]