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„Klassische Musik ist für alle da“ – sagt der amerikanische Dirigent Kent Nagano. Im viseo-Interview.


Es versprach eine kleine Sensation zu werden, als Stardirigent Kent Nagano am 26. Mai im Theater Wolfsburg im Rahmen der braunschweig classix den Taktstock ergriff und vor das Publikum trat. Denn Nagano ist anders als andere Vertreter seiner Zunft.


Kent Nagano
© privat

Bescheiden, zurückhaltend, bodenständig oder unaufdringlich gibt sich der Kosmopolit Nagano in der Öffentlichkeit. Ganz im krassen Gegensatz zu dem, was er, ein Amerikaner japanischer Abstammung, schon in seiner Biografie erreicht hat: Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin seit gut vier Jahren, ehemaliger musikalischer Leiter der Opéra National de Lyon und Direktor des Halle Orchestra Manchester von 1991 bis Ende 1999. Engagements in New York oder Los Angeles. Lebens- und Arbeitsstationen, die den Familienvater und Musikenthusiasten Nagano nachhaltig prägten.

Mittlerweile, so scheint es, hat der sympathische Musiker sein Zentrum gefunden. Und das liegt irgendwo zwischen dem verschlafenen Morro Bay an der kalifornischen Westküste nördlich von San Francisco, wo Nagano aufwuchs, und der Wiege klassischer Musik, Deutschland, dem Alten Kontinent, ein ewiger Wunschort des musikalischen Weltenbummlers. Ein Pendler zwischen den Kontinenten, oft im Jet oder in der Limousine, heute in Tokio, morgen in Chicago, übermorgen in Helsinki oder São Paulo. Ein Terminkalender wie ein Manager, ein Leben irgendwo zwischen seelenlosen Hotelfluren und übervollen Konzertsälen.

Und nun Berlin. Es ist spät, doch das Nobelhotel „Adlon“ in Berlin schläft eben nie. Geschweige denn sein Gast Nagano. Der ist gerade – es ist 23:40 Uhr – mit dem Flugzeug in Berlin gelandet und hat keine 20 Minuten später Zeit für ein Interview. Was es denn sei, das typisch Deutsche, was ihn fasziniere am typisch deutschen Klang und an deutscher Orchestertradition, wollen wir wissen. Nagano kommt ins Erzählen: Er erinnert sich an seine amerikanische Jugend, seinen ersten Klavierlehrer aus München. Der hätte für erste Berührungspunkte mit deutscher Literatur, deutscher Gründlichkeit und vor allem deutscher Musik gesorgt sowie von „hohen Bergen“ und „lustigen Märchen“ erzählt.

Musik, das ist Naganos Leben, hieraus schöpft der agile Mittfünfziger mit der juvenilen Langhaarfrisur unablässig Kraft. Und wird es wohl auch immer tun. Stichwort Wolfsburg: Lange werde sein Auftritt nicht dauern, gute 45 Minuten, dafür aber intensiv, wie er glaubhaft versichert, denn die Zeit drängt wie immer. Besonders freut er sich auf die Interpretation von Romeo und Julia aus den Suiten Nr. 1 und 2 op. 64 b/c von Sergej Prokofjew. Wolfsburg hätte ein schönes Umland, erzähle man sich in Dirigentenkreisen; Nagano muss schmunzeln. Ausprobieren und erkunden will er es, wenn er Zeit hat, vielleicht bleibt er noch eine Nacht länger, mal sehen. Entspannen heißt für ihn nicht essen gehen oder Autostadt, nein, bei einem schönen Buch und einem Glas Wein relaxen, das reiche.

Gute Dirigenten, so heißt es, sind bis zu einem gewissen Zeitpunkt nicht berechenbar und lassen sich interpretatorisch auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Seine von Erfolg gekrönte Devise in Berlin – weg vom symphonischen Mainstreamrepertoire à la Barenboim hin zu exotischen Perlen musikalischer Darbietung – ist aufgegangen. Altbekanntes in neuer Aufbereitung, in anderen Kontexten. Neuinterpretation statt massenkompatiblen Einheitsbreis. Kenner verwundert es da nicht, wenn Nagano das Deutsche Requiem von Brahms „aufbricht“ und geradewegs hinein Zwischenstücke von Wolfgang Rihm implementiert. Typisch Nagano eben, der das Geradlinige meidet, das vermeintlich Verworrene liebt. So wird der Amerikaner auch in Wolfsburg hinter dem Dirigentenpult stehen mit einer Vision im Hinterkopf, einem Appell an sein Publikum, Nagano wörtlich: „Ich träume von einer Welt, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, seinen Weg zur Kunst zu finden ... Mir ist aber klar, dass die schönen Künste, Tanz, Musik und Theater, nicht für jeden Menschen dieselbe Bedeutung haben können, dass sie nicht so leicht zugänglich sind wie Popart oder Popmusik. Aber es ist unsere Pflicht herauszufinden, wie wir diesen Reichtum weitergeben und immer mehr Menschen daran teilhaben lassen können. Das ist mein Traum: Jeder sollte die Chance haben.“